Salafisten und Pro-NRW-Bewegung Extrem ähnlich

Sie hassen und provozieren sich, die Polizei muss Pro-NRW-Anhänger und Salafisten bei Kundgebungen trennen. Doch die Gegner eint mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist: Sie schüren Ängste, vereinfachen, inszenieren sich selbst als Opfer - und hoffen, von den öffentlichen Anfeindungen zu profitieren.

Fundamentalisten in Solingen: "Das einzig richtige Weltbild"
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Fundamentalisten in Solingen: "Das einzig richtige Weltbild"

Von und


Am vergangenen Samstag, irgendwann gegen 15 Uhr, standen sich die Feinde auf engstem Raum gegenüber. Es trennten sie nur wenige Meter, einige Mannschaftswagen und Hunderte Polizisten. Das Aufeinandertreffen war eine kalkulierte, wohl inszenierte Provokation. "Jetzt zeigen wir die Karikaturen", sagte ein Pro-NRW-Anhänger. Die Ankündigung ließ die Situation wie eine Versuchsanordnung anmuten: Auf den Reiz folgt die Reaktion. Die Mohammed-Zeichnung von Kurt Westergaard war zwar auf der Seite der Salafisten gar nicht erkennbar - die Beamten schirmten das Sichtfeld ab. Die Folge aber war ein Ausbruch der Gewalt. Steine und Flaschen hagelten von Seiten der Salafisten auf die Sicherheitskräfte, 29 von ihnen wurden verletzt.

"Abschieben! Abschieben", riefen die Pro-NRW-Anhänger.

"Tod den Ungläubigen", riefen die Salafisten.

Das Experiment hatte die Situation wie geplant eskalieren lassen. Um nichts anderes geht es der rechtsextremen Kleinpartei Pro-NRW, die im Wahlkampf 25 solcher Kundgebungen unter dem Motto "Freiheit statt Islam" geplant hat. Die Logik ist simpel, die Kalkulation durchschaubar, nicht nur auf Pro-NRW-Seite.

Die Methode: Die Ängste der Menschen mobilisieren

Salafisten und Rechtsextremisten eint mehr, als die Konfrontation vor der König-Fahd-Akademie in Bonn auf den ersten Blick vermuten lässt. Von der Machtdemonstration versprechen sich beide Gruppen einen Profit: "Die gewalttätigen Übergriffe der Salafisten untermauern das Bild der Pro-NRW-Anhänger von der Gewaltaffinität des Islam", sagt Uwe Backes, stellvertretender Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der TU Dresden. Die Ausschreitungen dienten als unanfechtbarer Beweis der eigenen These.

Die Salafisten können durch die Eskalation ihrerseits ihr Alleinstellungsmerkmal unterstreichen. "Seht her, wir sind eine bedrohte Minderheit", lautet ihre Botschaft, so Backes. Es ist diese Inszenierung, von der eine Strahlkraft ausgeht, vor allem für junge Menschen. "Einige werden sich angesprochen fühlen und extremistische Sinnangebote aufgreifen", sagt der Extremismusforscher. Nicht nur die Verteilung des Korans, sondern auch die gewalttätigen Ausschreitungen könnten einen Werbeeffekt für die Szene haben.

Es ist nicht nur die erhoffte Außenwirkung, die beide Gruppen eint. "Salafisten und Rechtsextremisten spielen mit Ressentiments", sagt Lazaros Miliopoulos, der an der Universität Bonn zum Thema Extremismus forscht. In ihrer Radikalität, im Absolutheitsanspruch ihrer Thesen sind die Gruppen vergleichbar. Laut Miliopoulos mobilisieren sie die Ängste der Menschen. So gehe die Partei Pro-NRW bewusst auf sehr plakative marktschreierische Weise vor, wenn sie Islam und Islamismus, Religion und Ideologie gleichsetze.

Ähnlich ist außerdem das Schwarzweißdenken. Es geht einher mit einem Absolutheitsanspruch der eigenen Meinung: Sie duldet keine Zweifel, keine Differenzierung. Vielmehr fußen die Ideologien auf einer starken Vereinfachung. Wer den Anspruch hat zu entscheiden, was richtig ist und was falsch, darf nicht differenzieren. Denn Differenzierung birgt die Gefahr, dass einfache Wahrheiten nicht bestehen können.

"Das totalitäre Denken basiert auf der Bereitschaft, die eigene Meinung grundsätzlich auch mit Gewalt durchzusetzen", sagt Miliopoulos. So ist auch die Eskalation der Gewalt in Bonn erklärbar. Die Salafisten sind bereit, für den von ihnen identifizierten rechten Glauben zu kämpfen. Nicht nur mit Worten, sondern mit Holzlatten, Steinen, Messern.

Zwischen Opferrolle und Machtdemonstration

Das Ziel der Extremisten ist in letzter Konsequenz die Abschaffung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. "Beide Gruppen eint der Anspruch auf das Erschaffen einer reinen Welt", sagt Miliopoulos. Hinzu kommt die Kritik am Status quo: Die Welt ist, so wie sie ist, schlecht und muss verändert werden.

Die Diskrepanz zwischen der idealen Welt und der Realität wird erklärt durch Verschwörungstheorien. "Es geht um eine Verlagerung der Verantwortung", sagt der Wissenschaftler. Die Salafisten greifen die Polizei an, weil sie unterstellen, sie würden die Pro-NRW-Anhänger aus innerer Überzeugung schützen. Das Konspirationsdenken beantworte die Frage, warum sich die jeweilige Gruppe mit ihren Ansichten nicht durchsetzen könne.

"Die Sicht ist einfach: Das vermeintlich Gute wird nicht erreicht, weil das Schlechte es hinterlistig unterläuft", sagt Miliopoulos. Der Extremismus braucht die Opferrolle, wie er die Machtdemonstration braucht. "Auch das Gebet wird so zu einer Machtdemonstration - wie auch der schwarze Block es bei einer Demonstration ist. Der einzelne Mensch wird Teil einer großen Masse."

Salafisten und Islamophobe eint ein Reinheitsstreben, die Herstellung homogener Gemeinschaften - in Bezug auf den religiösen Glauben oder eine weltanschauliche Überzeugung. "Jede Gruppierung ist davon überzeugt, das einzig richtige Weltbild zu vertreten, und strebt die Ausgrenzung derer an, die ihm nicht entsprechen", sagt Uwe Backes.

Mit seinem islamfeindlichen Kurs teilt Pro-NRW das ideologische Bild vieler rechtsextremer Gruppierungen. "Seit dem 11. September 2001 ist festzustellen, wie der Antisemitismus zurücktritt und die Islamophobie in den Vordergrund rückt", so Backes. Dieses neue ideologische Phänomen finde sich auch in anderen europäischen Ländern wieder - in Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen oder Dänemark bilde Islamophobie zunehmend den identitätsstiftenden Kern rechtsextremer Formationen.

Die Salafisten dagegen seien bislang noch eine eher kleine Gruppierung in Deutschland; der Verfassungsschutz geht von etwa tausend militanten Anhängern aus. "Die Salafisten haben, anders als die Rechtsextremisten, aus ihrer Sicht keine politische Agenda. Sie wollten vielmehr den Islam in der Welt nach ihren - rein spirituellen - Vorstellungen realisieren. Das aber kann aus Sicht unserer Gesellschaft nur zu gewaltbereitem Islamismus führen, ist also hochpolitisch", sagt Miliopoulos.

Wie kann man dem neuen Phänomen wirksam entgegentreten? "Mit Mitteln des Demonstrationsrechts kann man versuchen, Eskalationen zu verhindern, indem man Rechtsextreme beispielsweise nicht vor einer Moschee demonstrieren lässt", sagt Backes. Neben Repression müsse man aber vor allem an Prävention denken - gerade auf Seiten der Salafisten. "In diesem Bereich wurde bislang zu wenig getan."

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