"Black Lives Matter"-Rede vor Trump-Unterstützern "Ich bin ein Amerikaner"

Es war eine beinahe harmonische Szene in einem gespaltenen Land: Aktivisten von "Black Lives Matter" näherten sich einer Pro-Trump-Versammlung. Dann kam es zu einem uramerikanischen Moment.

Hawk Newsome (im Juni 2017)
AP

Hawk Newsome (im Juni 2017)


Langsam laufen die Aktivisten von "Black Lives Matter" auf die Trump-Unterstützer zu, die sich am Lincoln Memorial in Washington versammelt haben. Diese reagieren zunächst feindselig. "USA! USA! Wenn es euch nicht gefällt, geht weg", rufen die Anhänger des US-Präsidenten. "Black Lives Matter!", rufen die Aktivisten zurück.

So weit, so wenig überraschend. Zunächst zeigt sich auch an diesem Samstagnachmittag in der US-Hauptstadt die Spaltung der US-Gesellschaft: Hier die Mitglieder der Gruppe "Black Lives Matter", vor gut vier Jahren von überwiegend afroamerikanischen Aktivisten gegründet, aus Protest gegen Polizeigewalt gegen Schwarze. Dort die Unterstützer von Donald Trump, die sich mit der Polizei solidarisieren.

Dann geschieht etwas Unerwartetes: Tommy Gunn, der Veranstalter der Pro-Trump-Demo, ruft die "Black Lives Matter"-Gruppe auf die Bühne. "Es geht um Redefreiheit", sagt Gunn. "Wir werden zwei Minuten lang unsere Plattform mit euch teilen, damit ihr eure Botschaft verkünden könnt. Ob die Leute eurer Botschaft zustimmen oder nicht, ist irrelevant. Es geht darum, dass ihr das Recht auf diese Botschaft habt."

Ein Bekenntnis zu gemeinsamen Werten

Es ist ein Bekenntnis zum First Amendment, dem ersten Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung, der unter anderem jene Redefreiheit verbrieft, die wohl in keinem Land so hochgehalten wird wie in den USA: ein gemeinsamer Wert, dem sich - offenbar auch in Zeiten der Polarisierung - sowohl Trump-Unterstützer als auch Gruppen wie "Black Lives Matter" verpflichtet fühlen, die auf dem politischen Spektrum überwiegend links zu verorten sind.

Hawk Newsome, der Präsident der "Black Lives Matter"-Gruppe von New York, steht neben dem Veranstalter auf der Bühne und nickt zustimmend. Dann nimmt er das Mikro in die Hand: "I am an American", sind die ersten Worte, die aus seinem Mund kommen, "Ich bin ein Amerikaner." Jubel folgt, auch von den meisten Trump-Anhängern, wie die Aufnahmen von "Now This News" zeigen.

Anschließend versucht Newsome den Unterstützern des Präsidenten zu erklären, warum es "Black Lives Matter" überhaupt gibt: "Weil man im Fernsehen zugucken kann, wie ein schwarzer Mann stirbt, wie er zu Tode gewürgt wird, und nichts passiert." Er erntet Buhrufe: Das beidseitige Bekenntnis zu Amerika und zur Meinungsfreiheit hat einen Dialog ermöglicht, die politischen Differenzen aber nicht aus der Welt geschafft. "Wir sind nicht gegen Cops", sagt Newsome. "Doch, das seid ihr", rufen einige in der Menge dazwischen. "Wir sind gegen Bad Cops."

Dennoch kommt es am Ende der Veranstaltung zu versöhnlichen Gesten: Zu "U-S-A!"-Rufen beider Gruppen schüttelt Newsome auf der Bühne Hände, fällt sich mit einigen seiner politischen Gegner in die Arme. Später lässt er sich mit dem Sohn eines Trump-Unterstützers auf dem Arm fotografieren und spricht mit dem Anführer einer Miliz, die den Präsidenten unterstützt.

"Ich war ihr Feind und wurde zu jemandem, den sie mit ihren Kindern fotografieren lassen wollten", sagte Newsome am Ende. "Es hat meinen Glauben an manche dieser Menschen wieder hergestellt. Zwei Seiten, die einander nie zuhören, haben heute Fortschritte gemacht."

asa



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
M. Michaelis 19.09.2017
1.
Sowas wäre bei uns leider undenkbar.
Schlumperli 19.09.2017
2.
Sehr schön. Warum kriegen wir das in Deutschland zwischen Pegida und AntiFa nicht genauso hin ?
Beccaria 19.09.2017
3. Dringender Wunsch
Das wünsche ich mir auch bei uns: Statt Ausgrenzung und Hass eine Diskussion trotz unterschiedlicher Meinungen ohne Vorverurteilung
cruisemissile 19.09.2017
4.
Gemeinsame Werte wie Redefreiheit und - aus deutscher Sicht sicher befremdlich - Patriotismus haben zu dieser schönen Geste der Annäherung und Versöhnung geführt. Daran sollten wir uns vielleicht ein Beispiel nehmen. Doch denke ich, dass das noch lange an unseren verbiesterten Ideologen aller Couleur und mangelndem Selbstverständnis scheitern wird. Wir maßen uns viel zu oft an, die angebliche amerikanische "Unkultur" zu bemängeln. Anscheinend haben wir, wie an dieser Geschichte zu sehen ist, selbst noch einiges zu lernen.
dogsch 19.09.2017
5. kann es doch geben
wie man in dem Beitrag von Monitor sehen und hoffen kann: "Integration von Flüchtlingen: Katastrophe ausgeblieben" http://www1.wdr.de/daserste/monitor/videos/video-monitor-vom--186.html
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