Pädophilen-Jagd im Netz: "Die Männer sind von sich aus auf Sweetie zugegangen"

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DPA

Kinderprostitution per Webcam - darauf wollte die Hilfsorganisation Terre des Hommes aufmerksam machen. Mit "Sweetie", dem 3-D-Modell einer Zehnjährigen, gingen die Kinderschützer online auf Pädophilenjagd. SPIEGEL ONLINE sprach mit Albert van Santbrink, dem Chef der Organisation.

Hamburg/Amsterdam - Sweetie ist zehn Jahre alt, fransiger Pony, freundliches Lächeln, ein kleines Mädchen von den Philippinen. Wenn sie in einem Chatroom im Netz unterwegs ist, kann sie sich vor Anfragen kaum retten: Ihr Computer bricht manchmal fast zusammen unter der Last des Ansturms. Hunderte Nachrichten prasseln auf sie ein, von Männern aus aller Welt. Sie wollen, dass Sweetie sich auszieht. Vor einer Webcam.

Wir wissen das, weil Sweetie eine Kunstfigur ist: 3-D-Designer haben das virtuelle Mädchen im Auftrag der Hilfsorganisation Terre des Hommes entworfen. Über einen Zeitraum von zehn Wochen suchten mehr als 20.000 Männer Kontakt zu Sweetie und baten um Online-Sex gegen Geld.

Mit der Lockvogel-Aktion will die niederländische Abteilung von Terre des Hommes auf ein weitgehend unbekanntes, sich aber offenbar rasant ausbreitendes Phänomen aufmerksam machen: die sogenannte Webcam-Kinderprostitution. Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern verkaufen Minderjährige ihren Körper im Internet; pädophile Männer zahlen Geld für Online-Sex.

Albert Jaap van Santbrink ist Chef von Terre des Hommes in den Niederlanden. Was hat er sich von dem Sweetie-Experiment versprochen? Und wie lässt sich virtueller Kindesmissbrauch bekämpfen?

SPIEGEL ONLINE: Herr van Santbrink, 20.000 Anfragen pädophiler Männer in zehn Wochen sind eine gewaltige Zahl. Hatten sie mit diesem Ergebnis gerechnet?

Van Santbrink: Überhaupt nicht. Es war überwältigend, schockierend. Sweetie hat diese Leute ja nicht angesprochen oder auf sich aufmerksam gemacht. Die Männer sind von sich aus auf sie zugegangen. Und sie haben von Beginn an klargemacht, dass Sweetie sich vor der Kamera ausziehen und an sich herumfummeln soll.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich die Chat-Plattform vorstellen, in der Sie aktiv waren? Ist das eine Art Online-Börse für Spanner?

Van Santbrink: Es waren ganz normale Chaträume, soziale Websites aus den Philippinen. Von Amsterdam aus haben wir uns dort eingeloggt und unsere IP-Adresse entsprechend getarnt, falls jemand neugierig wird und Nachforschungen anstellt.

SPIEGEL ONLINE: Bei dieser Masse reden wir ja nicht mehr über vereinzelte Missbrauchsfälle, sondern über ein Businessmodell - richtig?

Van Santbrink: Natürlich ist das ein Geschäft. Das ist ja das Erschreckende: Länder wie die Philippinen sind einerseits sehr arm, andererseits haben dort viele Menschen Zugang zum Internet. Für Familien ist das oft höchst profitabel. Mit dem Missbrauch ihrer Kinder stellen sie das monatliche Einkommen sicher.

SPIEGEL ONLINE: Dann stecken hinter der Webcam-Prostitution keine Kinderporno-Ringe, sondern die Eltern der Opfer?

Van Santbrink: Oft ist das so. Manchmal ist es auch ein Freund oder ein älteres Geschwisterteil. Es gibt Eltern dort, die haben ihren Job aufgegeben, um die Kinder bei ihrer Arbeit vor der Kamera zu unterstützen. Der Vater kümmert sich dann um den Eingang der Zahlungen und regelt den Haushalt, und die Mutter rückt die Webcam zurecht.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Kinder, denken Sie, sind davon betroffen?

Van Santbrink: Wir glauben, es sind allein in den Philippinen mehrere zehntausend. Auch in Kambodscha und in Indonesien gibt es das Phänomen. Die Kinderprostitution in diesen Ländern wandelt sich gerade: Wir beobachten, dass es an den traditionellen Spots - Häfen, Bars, Cafés - eher weniger wird und dass viele Minderjährige ins Internet abwandern.

SPIEGEL ONLINE: Muss man das schon als eine Art Fortschritt für die Opfer hinnehmen? Dass es nicht zum physischen Kontakt kommt, weil der Missbrauch eben virtuell stattfindet?

Van Santbrink: Diesen Einwand hört man auch von vielen Müttern betroffener Kinder: Dass da eben kein echter, körperlicher Kontakt ist. Aber die Auswirkungen sind dieselben. Wir haben dazu psychologische Untersuchungen durchgeführt, mit den Kindern gesprochen. Der Schaden, den sie bei diesen Sitzungen vor der Kamera nehmen, ist vergleichbar mit realem sexuellem Missbrauch.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Van Santbrink: Viele Kinder werden depressiv, entwickeln Selbstmordgedanken. Manche zeigen ein aggressives Verhalten, andere sind völlig antriebslos oder werden drogensüchtig. Sie müssen sich vorstellen: Diese Kinder sind gezwungen, sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen, und das sieben Tage die Woche. Gezahlt wird auch für Geschlechtsverkehr mit anderen Leuten vor der Webcam. Diese Männer fragen dann: Hast du einen Freund? Hast du einen Bruder? Manche von diesen Kindern sind gerade mal sechs Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Von über tausend Männern, die sich bei Sweetie gemeldet haben, kennen Sie inzwischen die persönlichen Daten. Woher kamen diese Leute?

Van Santbrink: Aus den USA hatten wir mehr als 250 Anfragen, aus Großbritannien mehr als 100. 44 Anfragen kamen aus Deutschland, aus den Niederlanden 20.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau sind Sie an die Namen und Adressen herangekommen?

Van Santbrink: Ganz simpel, mit Google, Facebook, Skype. Sweetie hat die Männer beiläufig nach ihren Vornamen gefragt, nach ihrem Alter, der Skype-Adresse und so weiter. Der Rest war einfach. Manche haben ja sogar ihr Gesicht in die Webcam gehalten. Man muss aber sagen, dass es uns nicht in erster Linie darum ging, dass diese Leute rechtlich belangt werden - auch wenn wir ihre Daten an Interpol weitergegeben haben.

SPIEGEL ONLINE: Worum denn dann?

Van Santbrink: Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass das Phänomen Webcam-Kinderprostitution existiert. Wir wollen, dass die Ermittlungsbehörden von sich aus aktiv werden und daran arbeiten, die Täter zu identifizieren. Denn die Gesetze dazu sind in den meisten Ländern völlig ausreichend; auch auf den Philippinen ist Kinderprostitution strafbar. In unserer Hilfsorganisation haben wir jetzt mit gerade mal vier Leuten all diese Namen und Adressen herausgefunden. Stellen Sie sich vor, um diese Arbeit würden sich Polizei und Staatsanwaltschaft kümmern!

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie eigentlich nie die Sorge, Sie könnten Pädophile mit Ihrer Aktion darauf aufmerksam machen, wo sie ihre Opfer finden?

Van Santbrink: Diese Leute wissen doch ohnehin, wo sie bekommen, was sie wollen. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird das Problem noch größer. Nehmen Sie nur das Phänomen Kinderpornografie: Es ist nahezu außer Kontrolle, hat sich zu einer Industrie entwickelt. Wir haben jetzt die Chance zu verhindern, dass beim Webcam-Sextourismus das gleiche passiert.

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