Prozess zum Wehrhahn-Anschlag Der Kronzeuge schweigt

Verübte Ralf S. den Bombenanschlag in Düsseldorf-Wehrhahn? In der U-Haft soll er Holger P. die Tat gestanden haben. Vor Gericht will der Zeuge aber nichts sagen - und muss nun in Beugehaft.

Angeklagter im Landgericht Düsseldorf (Archivfoto)
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Angeklagter im Landgericht Düsseldorf (Archivfoto)

Von Christian Parth, Düsseldorf


Holger P. lässt sich im Rollstuhl von einem Justizbeamten in den Gerichtssaal des Düsseldorfer Landgerichts schieben. Sein langes Haar hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden, im Gesicht wuchert ein Bart. Am Zeugentisch angekommen, starrt P. aus dem Fenster. Das Gericht würdigt er keines Blickes.

Der Auftritt des mutmaßlichen früheren Rechtsextremisten ist ein Affront. Holger P. sollte vor dem Landgericht als Zeuge im Prozess zum Anschlag im Düsseldorfer Stadtteil Wehrhahn vor 18 Jahren aussagen. Beim der Detonation am 27. Juli 2000 an einer Bahnhaltestelle wurden zehn sogenannte Kontingentflüchtlinge aus Osteuropa verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. Eine Frau verlor durch einen Bombensplitter ihr ungeborenes Baby. Einige der Opfer sind jüdischen Glaubens.

Auf der Anklagebank sitzt Ralf S., ein Waffennarr und ehemaliger Bundeswehroffizier, der damals enge Kontakte zur Neonaziszene gepflegt haben soll. Laut Anklage zündete der heute 51-Jährige den selbst gebastelten Sprengsatz aus Fremdenhass. Der Angeklagte bestreitet die Tat.

Bekanntschaft aus dem Hochsicherheitstrakt

Ralf S. und Holger P. hatten sich im Hochsicherheitstrakt der Düsseldorfer JVA kennengelernt. P. sitzt im Gefängnis, weil er im September 2017 in der Krefelder Innenstadt mit einem Messer eine Frau in seine Gewalt gebracht und mehrere Stunden festgehalten haben soll. Erst durch einen SEK-Einsatz konnte die Geiselnahme beendet werden.

Auf diesem Mann ruhten die Hoffnungen der Anklage: Ralf S. soll in Holger P. einen Gesinnungsgenossen gesehen und sich ihm im März dieses Jahres anvertraut haben. S. soll ihm von dem Anschlag erzählt und obendrein Mordpläne gegen den leitenden Staatsanwalt geschildert haben. P. habe die Aussagen detailliert aufgeschrieben und als vertrauliche Anwaltspost aus dem Gefängnis seinem Rechtsbeistand zustellen lassen. Dabei beließ er es zunächst - so schildert es die Staatsanwaltschaft.

Ralf S. kam im Mai aus der Untersuchungshaft frei, weil das Gericht keinen dringenden Tatverdacht mehr erkennen konnte. Daraufhin soll es in Holger P. gebrodelt haben - ungeschoren dürfe S. nicht davonkommen. Holger P. soll einem Anstaltspsychologen und einem Vollzugsbeamten das Geständnis und den Mordplan seines ehemaligen Mithäftlings geschildert haben. Die beiden Justizangestellten haben diese Aussagen P.s vor Gericht bereits bestätigt.

Nun sollte P. als Zeuge selbst wiederholen, was Ralf S. ihm anvertraut haben soll. Doch Holger P. schwieg. Er hatte seine Aussage offenbar an Bedingungen geknüpft: Er solle im Gefängnis vor möglichen Angriffen von Kumpels des Angeklagten geschützt werden und wenn möglich im Gefängniskrankenhaus untergebracht bleiben. Zudem habe er angeboten, seine Aussage bei der Polizei zu machen.

"Die Entlassung war eine falsche Entscheidung"

Nur öffentlich, im Beisein des Angeklagten, wollte er es nicht. Das lehnte die Kammer wiederum ab. Der Vorsitzende Richter Rainer Drees verhängte gegen Holger P. sechs Monate Beugehaft. Er hofft, den Zeugen auf diese Weise zum Sprechen zu bringen.

Angeblich fürchtet Holger P. um die Sicherheit seiner Frau und der beiden Kinder. Die Sorge ist nachvollziehbar. Als etwa die Ex-Frau von Ralf S. als Zeugin aussagte, verzichtete der Richter auf die sonst obligatorische Verlesung der Wohnadresse - die Frau fürchtete Racheakte ihres ehemaligen Lebensgefährten.

Ralf S. soll nach seiner Entlassung im Internet gegen Zeugen gewettert und sie diffamiert haben. Zuletzt soll er nach einem Prozesstag im Beisein seines Pflichtverteidigers in der Tiefgarage seine Ex-Frau verfolgt haben, um an ihr Kennzeichen zu kommen. Der Vorfall entsetzte vor allem die Nebenklage. Sie stellte den Antrag, den Pflichtverteidiger aus dem Verfahren zu werfen. Über seinen Anwalt bestritt Ralf S. die Vorwürfe.

"Die Entlassung war eine falsche Entscheidung", sagt Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück. "Jetzt zeigt S. sein wahres Gesicht." Der Angeklagte sei eben nicht der "verrückte Schwätzer", für den ihn das Gericht vielleicht halte, sondern durchaus gefährlich.

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