Belästigungsvorwürfe beim Weißen Ring "Ich war völlig geschockt, das war für mich unfassbar"

Der Chef des Opferhilfevereins Weißer Ring in Lübeck soll Hilfe suchende Frauen sexuell belästigt haben. In Auszügen dokumentiert der SPIEGEL die eidesstattliche Versicherung einer Betroffenen.

Von , , und


Der Fall Weißer Ring in Lübeck - ein Skandal, der in der vergangenen Woche bundesweit für Entsetzen und Schlagzeilen sorgte. SPIEGEL und die "Lübecker Nachrichten" hatten gemeinsam über den Fall berichtetet: Der ehemalige Lübecker Statthalter des Opferhilfevereins, Detlef Hardt, soll über Jahre hinweg Frauen, die sich an ihn gewendet haben, ein zweites Mal zu Opfern gemacht haben - indem er sie sexuell belästigte.

In den vergangenen Tagen gingen immer neue Anzeigen von Frauen bei Polizei und Staatsanwaltschaft gegen Hardt ein. Inzwischen hat das Landeskriminalamt in Kiel die Ermittlungen übernommen. Der Weiße Ring hat angekündigt, die Anwaltskosten der Opfer übernehmen zu wollen.

Inge Becker (Name von der Redaktion geändert) will bereits im Jahr 2011 dem Frauennotruf in Lübeck über eine sexuelle Belästigung durch Hardt berichtet haben. Dort habe man Ihr dann aber von einer Anzeige gegen den Ex-Polizisten abgeraten.

Der Frauennotruf wollte die Schilderungen von Frau Becker nicht kommentieren, sagte lediglich, dass man Frauen nie beeinflusst habe. Hardts Anwalt wollte sich zu den neuerlichen Vorwürfen nicht äußern, sein Mandant bestreitet aber alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe.

Wir dokumentieren hier den Fall "Inge Becker" in Auszügen aus der eidesstattlichen Versicherung, die sie dem SPIEGEL gegeben hat.


Im Jahr 2011, wann genau, kann ich nicht mehr sagen, habe ich eine Mail an den Weißen Ring geschickt, weil ich einen Anwalt suchte. Ich war früher mal sexuell missbraucht worden... Herr Hardt hat sich auch gleich gemeldet ... Ich bin hin, und er sagte, er könnte mir helfen. Er stellte mir dann einen Beratungsscheck für einen Anwalt aus, und alles war gut. Später stand der Prozess gegen den Täter an, der mich missbraucht hatte, so blieb ich im Kontakt mit Herrn Hardt. Er fragte mich, ob er mir noch helfen könnte, und meinte, ob ich gern mal raus aus allem wollte, einfach ein paar Tage weg. Er war da sehr bereitwillig....

Ich sagte, ich reite gern, und da erzählte er, dass Frau L... vom Weißen Ring einen Reitstall hätte, der war in Ratzbek in Schleswig-Holstein, und dass er mich da hin fahren würde. Wir waren dann für einen Samstag irgendwann 2011 verabredet ... Ich hatte gedacht, da müsste auch noch eine Frau sein, weil es in den Statuten des Weißen Rings heißt, dass Frauen immer zu zweit betreut werden sollten. Aber da war keine Frau bei ihm, da habe ich mich schon gewundert und ihn gefragt, warum das so ist. Da sagte er, es habe sonst keiner Zeit gehabt mitzufahren.

Er fuhr dann los, ich saß auf dem Beifahrersitz. Plötzlich legte er seine rechte Hand auf meinen Oberschenkel, die Hand lag innen an meinem Bein nur wenige Zentimeter unterhalb des Schritts, die Hand lag nicht einfach nur auf, er hat richtig zugedrückt. Ich war völlig geschockt, das war für mich unfassbar in diesem Augenblick, ich konnte erst mal nichts sagen.

Ich bin nach rechts gerückt, ich drückte meine Beine rechts gegen die Autotür. Ich habe dann einfach so behauptet, ich hätte mit der Frau H... vom Frauennotruf schon über ihn gesprochen und ihr gesagt, dass ich Angst vor ihm hätte. Da nahm er endlich die Hand weg. Er lachte: "Vor mir braucht doch keiner Angst zu haben", er sei doch ein gutmütiger Mensch.

Ich war dann auf dem Reiterhof und habe der Frau L... gesagt, dass ich Angst vor Herrn Hardt habe und im Auto was Unangenehmes passiert ist. Aber Frau L... sagte nur, das stimme nicht, das sollte ich nicht ernst nehmen, Herr Hardt habe mich nur trösten wollen. ... Ich wollte nicht mit ihm zurück, aber der Reiterhof lag irgendwo weit draußen, ich kam da selbst nicht mehr weg. Ich habe Frau L... gefragt, ob sie mich zurückbringen kann, aber Frau L... sagte, das gehe nicht. (Red: Frau L.... bestreitet, dass Frau Becker ihr von dem angeblichen Übergriff erzählt habe, sieht hält Frau Becker für wenig glaubwürdig).

Schließlich kam Herr Hardt wieder, und ich fuhr mit ihm zurück nach Hause. Unterwegs passierte nichts, aber als wir vor meiner Tür parkten, sagte er: Sie sind doch so eine hübsche Frau, Sie haben doch bestimmt einen Freund, das kann doch nicht sein, dass Sie keinen Freund haben, und er wollte wissen, mit wem ich Verkehr hätte.

Ich wollte nur noch aus dem Auto raus, er sagte: Sie können mir wenigstens noch die Hand geben. Das tat ich dann doch, und da hat er meine Hand lange gehalten und nicht losgelassen. Er fragte, ob er noch mit hoch kommen könne, aber ich sagte, das gehe nicht, ich hätte einen Hund oben, der sei bissig ... ich wollte nur noch raus, und er sollte mich gehen lassen.

Ich ging dann in meine Wohnung hoch und sah, dass sein Auto noch weiter unten stand. Ich hatte furchtbare Angst, ich traute mich nicht mehr mit dem Hund raus. Gegen 23 Uhr läutete dann mein Telefon, Herr Hardt war dran und sagte, er würde gerne noch vorbeikommen. Das habe ich abgelehnt. Ich war dann zwei, drei Tage wie gelähmt.

Dann habe ich den Frauennotruf Lübeck angerufen.... Ich sagte: Ich will Anzeige gegen Herrn Hardt stellen, sofort, der Frauennotruf solle mich jetzt zur Polizei begleiten, damit ich Anzeige erstatten kann. Aber Frau ... (vom Frauennotruf, Red.) sagte: Was soll das bringen, es war noch nie was Auffälliges bei Herrn Hardt, keine Beschwerden. Sie sind ja auch vorbelastet, möglicherweise reagieren Sie da jetzt zu empfindlich. Ich sagte: Nein, ich bestehe darauf, Anzeige zu erstatten. Darauf Frau ... (vom Frauennotruf, Red.): Frau Becker, das machen wir nicht, da steht Aussage gegen Aussage.

Ein paar Wochen später habe ich dann noch einen Termin mit Frau ... (vom Frauennotruf, Red.) gehabt. Sie hat mir gesagt, ich sollte mir das mit der Anzeige ganz genau überlegen. Ich müsste wissen, ob ich es wirklich schaffe, das durchzuziehen, bei all den Fragen und Belastungen, die dann auf mich zukämen. Und sie würden schon seit Jahren mit dem Weißen Ring zusammenarbeiten. Da sei noch nie etwas in der Art vorgefallen ... Ich sei die erste Frau, die so etwas über Herrn Hardt sage. Das könne nach hinten losgehen... Und dann habe ich aufgegeben und keine Anzeige erstattet ...

Zu einem späteren Zeitpunkt, 2012, sagte Frau ... (vom Frauennotruf, Red.): Es haben sich noch weitere Frauen gemeldet, Herr Hardt wird zur Rede gestellt. Ich sagte: Es wird auch Zeit, dass etwas passiert. Aber als ich nach dem Gespräch vom Frauennotruf mit Herrn Hardt gefragt habe, was dabei rausgekommen ist, kam von Frau ... keine richtige Antwort. Stattdessen sagte sie: Wenn Herr Hardt anruft, legen Sie auf, wenn er vor Ihrer Tür steht, machen Sie die Tür nicht auf. Ich war danach völlig fertig, weil doch nichts passierte und Herr Hardt weitermachen konnte.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.