West Memphis Three Vermeintliche Metal-Mörder nach 18 Jahren frei

Heavy Metal, Satanismus und drei bestialische Morde im Süden der USA, Benefizkonzerte und Hilfe aus Hollywood: Der Fall der "West Memphis Three" klingt wie eine Erfindung von John Grisham. Nach über 18 Jahren kamen die Verurteilten nun frei - weil sie sich schuldig bekannten.

AP

Hamburg/Jonesboro - Der Fall ist einer der seltsamsten und meistbeachteten in der jüngeren US-amerikanischen Rechtsgeschichte. Drei bestialisch ermordete Achtjährige, ihre Leichen nackt und gefesselt in einem Abwassergraben aufgefunden. Drei verurteilte Jugendliche, die angeblich einem satanistischen Kult angehörten. Drei Dokumentarfilme, die Zweifel an der Version des Gerichtes nähren. Und zahlreiche höchst prominente Unterstützer, die seit vielen Jahren die Freilassung der mutmaßlichen Mörder fordern.

Südstaaten-Religiosität und Bigotterie spielen dabei eine Rolle, und die Frage, wie verdächtig sich ein amerikanischer Jugendlicher macht, wenn er sich schwarz kleidet, sein Haar wachsen lässt und Heavy Metal hört.

Der seltsame Fall der "West Memphis Three" fand nun einen gleichfalls seltsamen, zumindest vorläufigen Abschluss. Durch einen bizarren juristischen Winkelzug kamen die drei vermeintlichen Kindermörder Jessie Misskelley, Damien Echols und Jason Baldwin nach über 18 Jahren in Haft frei. Sie bekannten sich, nachdem sie die Tat stets bestritten hatten, nun offiziell schuldig, um gleichzeitig bei der entscheidenden Anhörung weiterhin ihre Unschuld zu bekräftigen.

Alford-Schuldeingeständnis nennt man in den USA dieses merkwürdige Verfahren. Der Richter verurteilte sie daraufhin zu 18 Jahren und 78 Tagen Haft - der Zeit, die sie bereits im Gefängnis verbracht haben. Nun sind sie frei, der Fall aber weiterhin nicht abschließend geklärt.

Unterstützung von Johnny Depp und Marilyn Manson

Auch die prominenten Unterstützer und hochkarätigen Anwälte der drei Männer dürften bei der überraschenden Lösung eine Rolle gespielt haben. "Pearl Jam"-Sänger Eddie Vedder kam persönlich zu der Anhörung in Jonesboro, Arkansas, ebenso wie Mitglieder der Countryband Dixie Chicks. Über die Jahre hatten zahlreiche Berühmtheiten sich auf die Seite der "West Memphis Three" gestellt, darunter auch Johnny Depp und der Südstaatenrocker Kid Rock, Regisseur Peter Jackson und Hardcore-Legende Henry Rollins. Schockrocker Marilyn Manson ließ ein selbstgemaltes Bild versteigern, um Geld für die Verteidigung der drei aufzubringen. Für viele war der Prozess auch ein Symbol, ein besonders drastisches Beispiel für Herabwürdigung und Ausgrenzung, die Jugendliche, die anders sein wollen als der Mainstream, in Teilen der USA erfahren.

Als Teenager waren die drei 1993 verhaftet worden. Nach einem zwölfstündigen Verhör ohne familiären Beistand oder einen Anwalt an seiner Seite hatte der damals 17-jährige, geistig zurückgebliebene Jessie Misskelley die Morde gestanden und dabei auch Baldwin und Echols belastet. Schon in diesem Geständnis jedoch fanden sich offensichtlich falsche Angaben, etwa über die Tatzeit. Das Geständnis widerrief Misskelley später, es wurde vor Gericht nicht als Beweismittel zugelassen aber möglicherweise im Rahmen der Beratung der Geschworenen doch ins Feld geführt, um Zweifler in der Zwölferriege umzustimmen. Misskelley und Baldwin wurden zu lebenslangen Haftstrafen, Echols als der vermeintliche Anführer der vermeintlichen Satanisten zum Tode verurteilt.

Teil drei der Dokumentation war bereits abgedreht

Beweise gab es gegen die drei so gut wie keine, die Verurteilung basierte maßgeblich auf den Aussagen von Zeugen, die angaben, die drei über die Morde sprechen gehört zu haben.

2007, vierzehn Jahre nach der Tat, wurde eine 1993 neben den Leichen der ermordeten Jungen aufgefundene Haarprobe einem DNA-Test unterzogen. Die Ergebnisse entlasteten die drei Beschuldigten - deuteten aber auf den Stiefvater eines der Opfer hin. Die Filmemacher Joe Berlinger und Bruce Sinofsky hatten diesen Stiefvater schon im zweiten Teil ihrer Dokumentarfilm-Trilogie "Paradise Lost" über die Mordfälle als möglichen Tatverdächtigen ins Gespräch gebracht. Der dritte und letzte Teil sollte in diesen Tagen der Öffentlichkeit präsentiert werden - die beiden Filmemacher werden ihn nun wohl noch einmal bearbeiten müssen, um die überraschende Wendung aufzunehmen.

Auch der betreffende Stiefvater war zur Anhörung nach Jonesboro gekommen. Die Angehörigen der ermordeten Jungen sind mittlerweile gespalten: Einige begrüßten die Freilassung, weil sie die drei Männer mittlerweile selbst für unschuldig halten. Andere unterbrachen die Anhörung mit wütenden Zwischenrufen und beschimpften Echols, Baldwin und Misskelley als Kindsmörder. Der Vater eines der ermordeten Jungen wurde schließlich des Saals verwiesen.

Der zuständige Staatsanwalt Scott Ellington sagte nach der Anhörung, der Staat betrachte die drei Männer weiterhin als schuldig. Reportern sagte er im Anschluss, er wisse nichts von neuen Verdächtigen: "Wir glauben nicht daran, dass es da noch jemand anderen gibt."

Würde der Prozess tatsächlich neu aufgerollt und die drei für unschuldig befunden, wäre das nicht nur eine katastrophale Schlappe für die örtliche Justiz - es könnte den Staat auch teuer zu stehen kommen. Für die jahrelange Haft, in Echols Fall sogar in der Todeszelle, könnten die West Memphis Three vermutlich millionenschwere Entschädigungen einfordern.

Nun jedenfalls sind die drei Männer, heute alle Mitte Dreißig, auf freiem Fuß. Ihre Anwälte wollen weiterhin eine umfassende Rehabilitation erwirken. Die "West Memphis Three" aber haben der "New York Times" zufolge vorerst keine konkreten Pläne. "Ich bin nur müde", sagte Echols der Zeitung, "das hier hat achtzehn Jahre lang gedauert."

cis/AP/Reuters

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