Westfalen Unbekannter verschleppt schlafenden Jungen

Kidnapping im Morgengrauen: Ein Unbekannter hat im westfälischen Rheine einen schlafenden Zehnjährigen aus einer Jugendherberge entführt. Der Junge tauchte inzwischen wieder auf - doch die Ermittler befürchten, es mit einem gefährlichen Serientäter zu tun zu haben.

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Hamburg - Er schlich sich durch die Nacht, tappte vorsichtig über die Linoleumböden der langen Flure und öffnete langsam die Zimmertür. Vielleicht wartete er einen Augenblick lang, lauschte in die Dunkelheit und hörte das regelmäßige Atmen der Kinder vor ihm. Dann, es war am frühen Samstagmorgen gegen 4.45 Uhr, hob der Mann sein Opfer aus dem Bett.

Der mutmaßliche Sexualstraftäter trug den Zehnjährigen aus der Rheiner Hermann-Rosenstengel-Jugendherberge hinaus ins Morgengrauen. "Da kam der Junge zu sich. Der Täter zwang ihn daraufhin, mit ihm in den Stadtpark zu gehen", sagte der Münsteraner Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer an diesem Mittwoch SPIEGEL ONLINE. Das Kind habe seine Hosen ausziehen müssen, doch dann habe der Unbekannte sein Opfer laufen gelassen. "Der Hintergrund der Freilassung, ob sich der Täter etwa gestört fühlte, ist unklar", so Schweer.

Der verschreckte Zehnjährige, der aus Osterode im Harz stammt und mit seinen Eltern sowie einer größeren Gruppe zu Gast in Rheine war, rannte in die Jugendherberge zurück und weckte seine Mutter, die daraufhin die Polizei alarmierte. Die Beamten konnten im Park noch die Schlafanzughose des Kindes sicherstellen, die nach Auskunft der Staatsanwaltschaft derzeit auf DNA-Spuren untersucht wird. Die Unterhose blieb verschwunden, und auch der Täter war längst auf und davon.

Unklar ist noch, wie der Unbekannte in die Jugendherberge gelangte. Für einen Einbruch fanden sich zunächst keine Hinweise.

Parallelen zu einer Verbrechensserie

"Wir nehmen den Fall sehr ernst", sagte Schweer und wies auf Parallelen zu einer aufsehenerregenden Verbrechensserie aus der Vergangenheit hin. Vor acht Jahren war der achtjährige Dennis aus einem Schullandheim im niedersächsischen Wulsbüttel entführt worden. Zwei Wochen später, es war der 19. September 2001, hatte ein Pilzsammler die Leiche des aus Osterholz-Scharmbeck stammenden Jungen an einer Landstraße im Kreis Rotenburg-Wümme entdeckt.

Nach Einschätzung der Ermittler wurde Dennis von einem päderasten Serientäter ermordet, der für 43 Sexualdelikte im Großraum Bremen und für vier weitere Morde in Schullandheimen, Internaten und Zeltlagern verantwortlich sein könnte. Möglicherweise hat er bereits 1992 den 13-jährigen Stefan getötet, der aus einem Internat in Scheeßel im Landkreis Rotenburg verschwand und später im niedersächsischen Verden tot aufgefunden wurde.

"Das lässt uns aufhorchen"

"Die Vorgehensweise im aktuellen Fall erinnert uns schon an die des Gesuchten", sagte der Sprecher der Sonderkommission "Dennis", Jürgen Menzel, SPIEGEL ONLINE. "Das Tatobjekt, die Wahl des Opfers, das Verschleppen nach draußen - das alles lässt uns aufhorchen." Man tausche sich nun intensiv mit den nordrhein-westfälischen Behörden aus - und hoffe auf einen neuen Ermittlungsansatz.

Der Serientäter soll auffallend groß und kräftig sein. Laut Polizei war er stets dunkel, zum Teil auch in Leder gekleidet. Er trug immer Handschuhe, manchmal auch noch Latexhandschuhe darüber, und trat generell maskiert auf. In einigen Fällen trug der Täter ein Messer bei sich oder drohte mit einer Pistole.

Der Zehnjährige aus Osterode jedoch konnte bislang keine genauen Angaben zu seinem Entführer machen, wie Oberstaatsanwalt Schweer sagte. Ein großer Mann mit weißen Turnschuhen, nur daran kann das Kind sich erinnern.

Er sei inzwischen in seine Heimatstadt zurückgekehrt und sei nochmals von Fachleuten der dortigen Kriminalpolizei befragt worden. Die Ergebnisse dieses Gesprächs lägen allerdings noch nicht vor. "Vielleicht gibt es schon bald Neuigkeiten", so Schweer.



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