Millionengeschäft der Callcenter-Mafia "Ältere Damen glauben auch alles"

Mit ihren Betrügereien machen sie Millionen: Von der Türkei aus legen Callcenter-Agenten gezielt Senioren rein. Mal geben sie sich als Polizei aus, mal als Lotterie. SPIEGEL TV hat die Verdächtigen gestellt.

Von Roman Lehberger


Murat grinst über das ganze Gesicht. Braungebrannt, mit schwarzem Muskelshirt und Goldkette sitzt der Deutsch-Türke unter einer Palme in Antalya. Im Hintergrund das Meer. "Ältere Damen sind wie kleine Kinder, leicht zu verarschen", sagt Murat. "Die glauben auch alles." In Deutschland wird er mit Haftbefehl gesucht, wegen Betrugs. Aber das stört ihn in der Türkei nicht weiter. Eine Auslieferung hat er nicht zu befürchten.

Zu gern sähen deutsche Fahnder Murat hinter Schloss und Riegel, soll er doch Teil einer in Ermittlerkreisen berüchtigten Gruppe der sogenannten Callcenter-Mafia gewesen sein. Ein Betrugsgewerbe, bei dem vor allem ältere Menschen per Telefon um ihre Ersparnisse betrogen werden.

Das Geschäft ist äußerst lukrativ und dürfte die Schadenssummen von altbekannten Telefonbetrügereien wie dem Enkeltrick bei Weitem übersteigen. "Wir gehen von einem jährlichen Schaden im dreistelligen Millionenbereich aus. Die Dunkelziffer ist bei diesen Taten sehr hoch", sagt Holger Kriegeskorte vom Bundeskriminalamt (BKA) im Interview mit SPIEGEL TV.

Das Opfer wird manipuliert

Mit unterschiedlichsten Maschen und dem Einsatz spezieller Computersoftware telefonieren sich Dutzende Betrügernetzwerke mit Sitz in der Türkei täglich quer durch die Republik. Aus extra angemieteten Callcentern heraus führen die Täter Hunderte Gespräche am Tag und bearbeiten ihre Opfer, teilweise über Wochen. Mal geben sie sich als Mitarbeiter einer Lotterie aus, mal als Staatsanwalt oder als Polizist. "Im Endeffekt geht es immer nur um eins: das Opfer so zu manipulieren, dass es zahlt", sagt BKA-Mann Kriegeskorte.

Bei Josef F. aus einer Kleinstadt in Baden-Württemberg klingelt im Mai das Telefon. Der 80-jährige ehemalige Koch passt genau ins Schema der Betrüger: Er ist Rentner und alleinstehend, steht zudem mit seinem alt klingenden Vornamen im Telefonbuch. "Da war ein Herr vom Bundeskriminalamt dran. Er sagte, es gäbe einen Maulwurf in meiner Bank, eine Frau, die mein Konto leer räumen will."

Immer wieder ruft der vermeintliche Ermittler an, mit jedem Gespräch gewinnt die Stimme am Telefon ein Stück mehr Vertrauen von Josef F. Es folgt ein Theaterstück mit einem eingespielten, angeblich abgehörten Telefonat des vermeintlichen Bank-Maulwurfs. Ein Band, das die Täter vorab in einem schmierenhaften Rollenspiel selbst aufgezeichnet hatten und ihrem Opfer am Telefon als Beweis für die Geschichte präsentieren.

"Dann rief der Polizist wieder an"

Am Ende ist Josef F. fest davon überzeugt, sein Geld sei auf der Bank tatsächlich in Gefahr. Der Anrufer empfiehlt ihm, es in Sicherheit zu bringen und zunächst in ein Schließfach der Bank zu verlegen. "Dann rief der Polizist wieder an und sagte, der Maulwurf hätte sich auch noch einen Schlüssel für das Fach beschafft. Ich solle das Geld schnell mit nach Hause nehmen. Dort würde es ein Kollege sicherstellen, bis die Frau geschnappt sei." Völlig verunsichert übergibt der Rentner einem Abholer an der Haustür sein Erspartes in Höhe von 71.000 Euro.

Die Spur des falschen BKA-Beamten führt in das Umfeld des Callcenter-Profis Enes Gülten - ein in die Türkei geflohener Straftäter und mutmaßlicher Anrufer für ein Betrügernetzwerk, das Kontakte zum polizeibekannten Miri-Clan aus Bremen haben soll.

Ermittler treibt das Netzwerk bundesweit zur Weißglut. Mehr als zweieinhalb Millionen Euro sollen die Männer um Gülten allein seit April mit ihren Telefontricks in der Türkei verdient haben. Ein Ende ist nicht in Sicht. Denn bis deutsche Ermittlungsverfahren über den Rechtsweg in der Türkei angekommen sind, vergeht viel Zeit.

Die Suche nach den Tätern hat SPIEGEL TV zu einem Bürogebäude in der Innenstadt von Antalya geführt. Die Tür öffnet ein EU-weit gesuchter Schwerverbrecher.


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