Öffentliche Fahndungen: Ein Fall für Kommissar Bürger

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Im Fall des in Emden getöteten Mädchens hat die Polizei den mutmaßlichen Täter gefasst. Ein Zeuge hatte den Verdächtigen in einem Überwachungsvideo erkannt. Auch in anderen Fällen setzen Ermittler auf die Mithilfe der Bürger - wie erfolgreich ist diese Methode wirklich?

Öffentlichkeitsfahndung: Was macht einen Kriminellen zum "most wanted"? Fotos
Library of Congress

Thomas Feldhofers Flucht endete am 19. Februar 2012 in einem Straßengraben bei Ratzeburg in Schleswig-Holstein. Er hatte, von Polizeiwagen verfolgt, bei hoher Geschwindigkeit einen Erdhügel touchiert. Der 46-Jährige stand seit 2008 auf der Liste der meistgesuchten Kriminellen des Landes. Auf der Liste der per öffentlicher Fahndung gesuchten Tatverdächtigen des Bundeskriminalamts (BKA) hatte er es sogar auf Platz eins geschafft.

Noch im Januar hatten die Fahndungsbehörden die Suche nach ihm intensiviert, indem sie ihn zum Thema bei "Aktenzeichen XY...ungelöst" machten. Am Ende war es Kommissar Zufall, der den Zugriff ermöglichte.

Im Fall des vor wenigen Tagen ermordeten Mädchens in Emden soll ein Zeuge den Tatverdächtigen auf dem Bild einer Überwachungskamera erkannt haben. Die Polizei hatte das Foto schon kurz nach der Tat veröffentlicht, ein Geständnis steht noch aus.

Öffentliche Aufmerksamkeit trägt - mittelbar oder unmittelbar - häufig zur Verhaftung von Kriminellen bei. Wenn jeder Bürger das Gesicht eines Verbrechers kennt, wird es eng für den Täter. Und selbst, wenn der Hinweis nicht erfolgt, manövriert sich der Gesuchte vielleicht selbst ins Netz der Fahnder, weil er nervös wird. Nach diesem Muster sind unzählige Krimis gestrickt.

Nachhaltig geprägt hat unsere Vorstellung vom öffentlichen Steckbrief das "Wanted"-Plakat aus dem Western - gesucht wird der Täter auf ihm meist "tot oder lebendig". Heute ist der Bürger nicht mehr als Kopfgeldjäger und Vollstrecker gefragt, sondern allenfalls als Beobachter, Zeuge und Tippgeber.

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Vor allem aber ist die öffentliche Fahndung in Deutschland aus guten Gründen an eng definierte Auflagen gebunden. Weil sie Identitäten offenlegt, berührt sie die Persönlichkeitsrechte der Gesuchten. "Durch eine Namensnennung oder Veröffentlichung von Fotos kann im Einzelfall eine Bloßstellung oder Schädigung des Betroffenen nicht gänzlich ausgeschlossen werden", sagt eine Sprecherin des BKA. "Vorher wird stets geprüft, ob der beabsichtigte Fahndungserfolg nicht auch durch weniger beeinträchtigende Maßnahmen erreicht werden kann."

Öffentlichkeitsfahndungen tragen auch das Risiko von Vorverurteilungen, falschen Denunziationen, Rufschädigungen: Die öffentliche Fahndung ist ein moderne Pranger. Mitunter hat die öffentliche Fahndung sogar tragische Nebenwirkungen. Am 28. Juni 1999 erschossen zwei Thüringer Polizisten irrtümlich den 62 Jahre alten Wanderer Friedhelm B. aus Köln. Eine Kellnerin hatte im Fernsehen Fahndungsbilder des zu der Zeit flüchtigen mehrfachen Mörders Dieter Zurwehme gesehen und geglaubt, eine Ähnlichkeit mit dem Gast erkannt zu haben. Die offenbar überforderten Polizisten erschossen den Kölner Rentner durch die Tür seines Hotelzimmers. Zurwehme wurde knapp zwei Monate später aufgrund von Fahndungsfotos erkannt und widerstandslos festgenommen.

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So etwas passiert, aber es passiert extrem selten. Weit häufiger sorgt der durch die öffentliche Fahndung entstehende Druck dafür, dass Täter gefasst werden - oder sich selbst stellen.

Im Dezember 2011 gingen innerhalb weniger Stunden Hinweise von 15 Bürgern ein, nachdem das Kamerabild eines mutmaßlichen Vergewaltigers veröffentlicht wurde - er konnte verhaftet werden. In Hamburg und München stellten sich im Herbst 2011 nach der Veröffentlichung von Bildern Bahnhofs-Schläger der Polizei. In Hamburg stellte sich im November ein mutmaßlicher Sexualstraftäter, in New York sogar ein Mörder.

Gerade regional funktioniert die Öffentlichkeitsfahndung außerordentlich erfolgreich. Sie wird von allen Polizeibehörden in eigener Verantwortung eingesetzt: Wie viele solche Fahndungen im Jahr initiiert werden, weiß man auch beim BKA nicht.

In den vergangenen Jahren sind überdies neue Kommunikationskanäle hinzugekommen. Jüngere Zielgruppen sind über klassische Medien wie Plakate oder "Aktenzeichen XY" nur noch "bedingt erreichbar", heißt es beim BKA. "Vor diesem Hintergrund nutzen bereits heute einzelne Polizeien des Bundes und der Länder verschiedene Anwendungen des Web 2.0 wie Facebook oder Twitter für Öffentlichkeitsfahndungen und andere polizeiliche Zwecke. Auch die Bundesanwaltschaft und das BKA fahnden seit Mitte Dezember 2011 über Facebook nach Hinweisen zur Aufklärung der Taten der Terrorzelle 'Nationalsozialistischer Untergrund' (NSU)."

Für einige Aufmerksamkeit sorgte die testweise Facebook-Fahndung, die die Polizei von Hannover von Februar bis August 2011 erprobte. Damals kritisierte Datenschutzprobleme wollen die Hannoveraner inzwischen gelöst haben und auf die Facebook-Fahndung nicht mehr verzichten. Fast 100.000 jungen Nutzern "gefällt das" und sie beteiligen sich. Ihre Hinweise führten in den sechs Monaten des Modellversuchs zu acht Fahndungserfolgen.

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Was regional funktioniert, muss man überregional sparsamer dosieren. Der Steckbrief funktioniert nur so lange, wie man ihn bemerkt, weil er etwas Besonderes ist. Dann hat er das Potential, auch Bewegung in Fälle zu bringen, in denen andere Methoden versagten.

So verwies die Redaktion von "Aktenzeichen XY" anlässlich der 400. Folge im Jahr 2007 mit einigem Stolz darauf, dass 42 Prozent der bis dahin 3.750 vorgestellten Fälle mit einem Fahndungserfolg endeten - an vielen dieser Verbrechen hatten sich sich die Fahnder lange die Zähne ausgebissen.

Ungelöste Fälle gibt es allerdings viel seltener, als der Bürger vermutet, wie die Aufklärungsquoten der schwersten in der Polizeilichen Kriminalstatistik (2010) ausgewiesenen Straftaten zeigen:

  • Mord und Totschlag: 95,4 Prozent
  • Vergewaltigung und sexuelle Nötigung: 81,7 Prozent
  • gefährliche und schwere Körperverletzung: 82,3 Prozent
  • Freiheitsberaubung: 89,3 Prozent

Das ist eine stolze Bilanz - auch wenn "aufgeklärt" nicht in jedem Fall heißt, dass der Täter auch dingfest gemacht werden kann. Bei den wirklich bedrohlichen Delikten aber stehen die Chancen für Verbrecher unter dem Strich schlecht.

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Einigen von ihnen gelingt es trotzdem, sich dem Zugriff über lange Zeit zu entziehen. Schon das ist ein Kriterium, um es auf die Liste der mit öffentlicher Fahndung Gesuchten zu schaffen. In der aktuellen Liste des BKA finden sich neben Mördern und Terrorverdächtigen aber auch Steuerhinterzieher und andere Betrüger - darunter ein Paar, das im großen Stil Bundesbürger per Auktionsbetrug bei Ebay über den Leisten zog und sich dann absetzte.

Dass sie mit einem so vergleichsweise "kleinen" Delikt auf der BKA-Liste landeten, liegt daran, dass sie noch immer tätig sind: Sowohl mit Ebay-Betrügereien, als auch mit der Anwerbung von "Verkaufsagenten", die sie als Strohmänner nutzen, verursachen sie weiter erheblichen Schaden. Verhältnismäßig müsse der Einsatz der Öffentlichkeitsfahndung sein, sagt die BKA-Sprecherin. Wichtigste Grundbedingung aber sei, dass "ein dringender Tatverdacht wegen einer Straftat von erheblicher Bedeutung" vorliege. Selbst dann sei die öffentliche Fahndung eine "Ultima Ratio".

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Ist die Identifizierung des jungen Mannes so schwer?
adam68161 29.03.2012
er hatte doch im video einen Kapuzenanorak , auf dem auf der linken Ärmelseite ein Sticker aufgenäht war. wenn er den noch in seinem Besitz hatte, wäre die Identifizierung leicht.
2. .
turo 29.03.2012
Ohne Öffentlichkeitsfahndung sind oft erfolgreiche Ermittlungen unmöglich. Dazu ist er aber auch erforderlich, dass Medien mit den Informationen der Polizei sorgsam umgehen. Das ist leider nur zu ca. 40 % möglich. Die größten Quertreiber sind dabei aber die sogenannten örtlichen Stadtteilzeitungen usw. gefolgt von der BILD usw.
3. Gut...
OskarVernon 29.03.2012
... daß sich seinerzeit die Gegner jeglicher Videoüberwachung öffentlicher Räume nicht durchgesetzt haben...
4.
marek.s 29.03.2012
Zitat von sysopIm Fall des in Emden getöteten Mädchens hat die Polizei den mutmaßlichen Täter gefasst. Ein Zeuge hatte den Verdächtigen in einem Überwachungsvideo erkannt. Auch in anderen Fällen setzen Ermittler auf die Mithilfe der Bürger - wie erfolgreich ist diese Methode wirklich? Öffentliche Fahndungen: Ein Fall für Kommissar Bürger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,816404,00.html)
Ich frage mich bei solchen Fahndungserfolgen nur,wo der Aufschrei der Datenschützer bleibt. Die Personen die ihre Persönlichkeitsrechte durch solche Kameras verletzt sehen und vom gläsernen Staat sprechen? Ich persönlich befürworte die "Überwachungstechnik", denn ohne sie würden heute wahrscheinlich noch etliche Straftäter unbehelligt unter uns verweilen.
5. gibt es doch schon seit jahrzehnten..
spargel_tarzan 29.03.2012
Zitat von sysopIm Fall des in Emden getöteten Mädchens hat die Polizei den mutmaßlichen Täter gefasst. Ein Zeuge hatte den Verdächtigen in einem Überwachungsvideo erkannt. Auch in anderen Fällen setzen Ermittler auf die Mithilfe der Bürger - wie erfolgreich ist diese Methode wirklich? Öffentliche Fahndungen: Ein Fall für Kommissar Bürger - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,816404,00.html)
heißt aktenzeichen XY und wurde von herrn zimmermann ins leben gerufen. warum also über einen alten und bewährten hut reden, den es nicht zu erfinden gilt.
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Thomas Feldhofer: Festnahme des Unfassbaren

§ 131a StPO - Öffentlichkeitsfahndung
(1) Die Ausschreibung zur Aufenthaltsermittlung eines Beschuldigten oder eines Zeugen darf angeordnet werden, wenn sein Aufenthalt nicht bekannt ist.

(2) Absatz 1 gilt auch für Ausschreibungen des Beschuldigten, soweit sie zur Sicherstellung eines Führerscheins, zur erkennungsdienstlichen Behandlung, zur Anfertigung einer DNA-Analyse oder zur Feststellung seiner Identität erforderlich sind.

(3) Auf Grund einer Ausschreibung zur Aufenthaltsermittlung eines Beschuldigten oder Zeugen darf bei einer Straftat von erheblicher Bedeutung auch eine Öffentlichkeitsfahndung angeordnet werden, wenn der Beschuldigte der Begehung der Straftat dringend verdächtig ist und die Aufenthaltsermittlung auf andere Weise erheblich weniger Erfolg versprechend oder wesentlich erschwert wäre.

(4) § 131 Abs. 4 gilt entsprechend. Bei der Aufenthaltsermittlung eines Zeugen ist erkennbar zu machen, dass die gesuchte Person nicht Beschuldigter ist. Die Öffentlichkeitsfahndung nach einem Zeugen unterbleibt, wenn überwiegende schutzwürdige Interessen des Zeugen entgegenstehen. Abbildungen des Zeugen dürfen nur erfolgen, soweit die Aufenthaltsermittlung auf andere Weise aussichtslos oder wesentlich erschwert wäre.

(5) Ausschreibungen nach den Absätzen 1 und 2 dürfen in allen Fahndungshilfsmitteln der Strafverfolgungsbehörden vorgenommen werden.