Flucht im Fall Susanna "Barzahlung, one way"

Die 14-jährige Susanna wurde in Wiesbaden getötet und neben Bahngleisen vergraben. Ein Verdächtiger setzte sich in den Irak ab - mit seiner achtköpfigen Familie. Wie konnte das gelingen?

Von , und , Wiesbaden


Die Nachricht vom Handy ihrer Tochter kam Diana F. merkwürdig vor. "Ich komm nicht nach Hause. Ich bin mit mein Freund in Paris", stand da am 23. Mai geschrieben. "Such nicht nach mir, ich komme nach 2 oder 3 Wochen." Unter Tränen las Diana F. die WhatsApp-Nachricht in einer RTL-Sendung vor. Das sei nicht die "Schreibart" ihrer Tochter, sagte sie.

Die 14-jährige Susanna galt seit dem 22. Mai als vermisst. Nun steht fest: Die Jugendliche ist tot. Sie wurde laut Polizei vergewaltigt und umgebracht. Die Ermittler fanden ihre Leiche neben Bahngleisen am Rande eines Gewerbegebietes im Südosten Wiesbadens. Sie starb demnach an "Gewalteinwirkung auf den Hals".

Wochenlang hatte Diana F. nach ihrer Tochter gesucht. Ihre Verzweiflung dokumentierte sie bei Facebook. Beinah täglich teilte sie Artikel über den Fall. Sie veröffentlichte einen "Hilferuf", darin schrieb sie: "Ich bete und hoffe nur, dass ihr nichts Schlimmes zugestoßen ist." Später bat sie ihre Tochter um ein "kurzes Lebenszeichen". "Ich flehe dich an", schrieb Diana F.

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Wiesbaden: Der Fall Susanna

Als sie diese Zeilen schrieb, war ihre Tochter schon tot, wie die Ermittler jetzt wissen. Zwei Männer stehen unter Verdacht, das Mädchen in der Nacht vom 22. auf 23. Mai umgebracht zu haben:

  • Ein 35-jähriger Türke, der in einer nahe gelegenen Flüchtlingsunterkunft festgenommen wurde. Inzwischen kam der Mann allerdings wieder frei, weil nach Angaben der Staatsanwaltschaft Wiesbaden kein dringender Tatverdacht mehr gegen ihn besteht.
  • Der 20-jährige Ali B., der sich offenbar mit seiner Familie in den Irak abgesetzt hat. Er steht weiterhin in dringendem Tatverdacht.

B. lebte mit seinen fünf Geschwistern und seinen Eltern ebenfalls in einer Wiesbadener Flüchtlingsunterkunft. Das Haus ist 2016 eingerichtet worden, frisch verputzt, vier Stockwerke, Kinderfahrräder unter der Feuertreppe, Wäsche ist zum Trocknen aufgehängt. Es liegt nur wenige Hundert Meter vom Fundort der Leiche entfernt.

Asylantrag wurde abgelehnt

B. kam den Ermittlern zufolge im Oktober 2015 nach Deutschland. Sein Asylantrag sei am 30. Dezember 2016 abgelehnt worden. B.s Anwalt reichte Klage ein, wegen des laufenden Verfahrens durfte der 20-Jährige vorerst bleiben.

Am vergangenen Donnerstag wurde die Familie laut Polizei das letzte Mal in der Unterkunft gesehen. An dem Tag sei sie "überhastet" aufgebrochen. Einem anderen Bewohner zufolge erzählten sie in der Unterkunft, dass sie schnell weg müssten, weil die Abschiebung drohe.

Im Video: Vermisste Susanna ist tot

Offenbar orderte die Familie Flugtickets unter falschem Namen. Am Düsseldorfer Flughafen buchten sie laut Polizei noch mal um, nahmen einen späteren Flug. "Barzahlung, one way", sagt der Wiesbadener Polizeipräsident Stefan Müller. Die achtköpfige Familie flog demnach am vergangenen Samstag von Düsseldorf nach Istanbul und von dort am Sonntag nach Arbil.

Kein Abgleich der Namen

Auf den Flugtickets seien andere Namen angegeben gewesen als auf den ebenfalls am Flughafen vorgelegten Aufenthaltspapieren für Deutschland, sagte Müller. Die Gruppe habe auch sogenannte Laissez-passer-Dokumente - eine Art Passierschein - in arabischer Sprache mit Passbildern dabeigehabt, die mutmaßlich vom irakischen Konsulat ausgestellt worden seien. Die Dokumente berechtigen zur einmaligen Einreise und sind wenige Tage gültig.

Ali B. war der Polizei bekannt, Müller listete bei der Pressekonferenz in Wiesbaden mehrere "Vorgänge" auf: Im März rempelte er demnach in Wiesbaden eine Polizistin an, er habe um sich geschlagen und gespuckt. Im April soll er einen Mann bedroht, ins Gebüsch gezerrt und ausgeraubt haben; im selben Monat sei er bei einer Kontrolle in Wiesbaden mit einem Messer erwischt worden. Alle Verfahren laufen laut Polizei noch.

Und dann ist da noch der Fall mit der Elfjährigen.

Das Mädchen gibt laut dem Polizeipräsidenten Müller an, "von einem Ali" vergewaltigt worden zu sein. Die Tat habe im März stattgefunden, die Polizei erfuhr laut Müller im Mai davon. In der Unterkunft leben demnach "vier Alis", wie Müller es formulierte. Vernehmungen hätten nicht dazu geführt, dass man die Vorwürfe habe konkretisieren können. Mehr wollte er mit Hinweis auf den Schutz des mutmaßlichen Opfers nicht sagen.

Susanna F. wurde laut einem Zeugen einmal in einer Asylbewerberunterkunft mit den Tatverdächtigen gesehen, sie habe auch den jüngeren Bruder von Ali B. gekannt. Müller zufolge konnte sich F. "eine Beziehung mit dem Bruder vorstellen". Doch das Interesse sei nicht erwidert worden. Über den Bruder habe sie Ali B. kennengelernt.

Am 1. Juni veröffentlichte ihre Mutter Diana F. einen zweiten "Hilferuf" bei Facebook - diesmal gerichtet an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie übte darin schwere Kritik an der Polizei.

Die Ermittler hätten fünf Tage nichts getan, nur dank ihrer Rechtsanwältin sei Susannas Handy geortet und eine öffentliche Fahndung eingeleitet worden. "Jeder vergangene Tag ist ein Albtraum und die Hölle!!!", schrieb F. Sie fühle sich von der Polizei im Stich gelassen.

Fundort von Susanna F.
DPA

Fundort von Susanna F.

Bei der Pressekonferenz sagte Polizeipräsident Müller, dass Susanna am 23. Mai von ihrer Mutter als vermisst gemeldet worden sei - in Mainz. Am 30. Mai habe die Wiesbadener Polizei übernommen, "nach zahlreichen Abklärungen" mit den Kollegen. An diesem Tag habe man unter anderem eine Handyortung veranlasst und sei mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit gegangen.

Susanna F. habe seit Februar öfter die Schule geschwänzt - ohne dass die Polizei eingebunden gewesen sei. "Insofern war es kein einfacher Vermisstenfall", sagte Müller. Am Dienstag, den 29. Mai, bekam Susannas Mutter offenbar von einer Bekannten den Hinweis, dass ihre Tochter tot sei und ihre Leiche an einem Bahngleis liege. Die Beamten konnten aber die Hinweisgeberin zunächst nicht befragen, weil sie auf "Kurzurlaub mit ihrer Mutter" sei.

"Sehr abstoßendes Verbrechen"

Am Ende seiner Ausführungen sagte Müller, dass er in seiner Karriere schon einige Strafverfahren erlebt habe. "Es ist ein sehr abstoßendes Verbrechen", sagte er. Ein 13-jähriger Flüchtling habe "wesentlich zur Aufklärung" beigetragen. "Auch das muss an dieser Stelle gesagt werden."

Der Junge lieferte demnach den entscheidenden Hinweis: Er habe der Polizei am 3. Juni mitgeteilt, dass B. die 14-Jährige vergewaltigt und getötet habe. Das habe ihm B. selbst gesagt. Der 13-Jährige sagte der Polizei auch, wo die Vergewaltigung stattgefunden haben soll und dass B. einen Komplizen gehabt habe.

Drei Tage später fanden die Ermittler die Leiche des Mädchens in der Nähe der Bahngleise, vergraben und mit Reisig bedeckt. Die Einsatzkräfte wären bei der Suche "fast vorbeigelaufen", sagt ein Wiesbadener Beamter. Nur ein weiß schimmerndes Etikett der Kleidung sei in dem Gestrüpp zu erkennen gewesen und habe einen Beamten veranlasst, noch einmal genau hinzuschauen.


Aktualisierung: Auf der Pressekonferenz hatte der Wiesbadener Polizeipräsident Stefan Müller gesagt, bei der Elfjährigen, die möglicherweise vergewaltigt worden war, handele es sich um eine Geflüchtete. Wie die Staatsanwaltschaft Wiesbaden Tage später mitteilte, handelt es sich jedoch um eine Deutsche. Wir haben die Stelle im Text angepasst.

Mit Material der dpa



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