Von Beate Lakotta, Stuttgart
Es muss für die Angehörigen und die überlebenden Opfer ein schwerer Gang gewesen sein, aber fast alle sind an diesem ersten Prozesstag gekommen. Denn es ist der Moment, auf den sie seit anderthalb Jahren warten. Manche tragen Trauerkleidung, sie haben Taschentücher vor sich auf den Tisch gelegt oder einen Notizblock. Eine Mutter hält das Bild ihrer Tochter in den Händen.
Für einige der Eltern, die ihre Kinder verloren haben, ist der Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden zum Lebensinhalt geworden, wie für Hardy Schober, dessen Tochter Jana von Tim K. erschossen wurde, und der seinen Beruf aufgab, um fortan das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" am Leben zu halten.
Das Leid und die Erschöpfung haben sich in die Mienen der Eltern eingegraben, manche Familien hat die Trauer zerrissen, andere Elternpaare halten sich hier im Sitzungssaal 2 des Stuttgarter Landgerichts fest an der Hand. Sie alle wollten diesen Prozess. Einige kannten den Vater des Amokläufers zuvor als Nachbarn oder als ehemaligen Mitschüler. Er war einer aus ihrer Mitte. Doch seit der Tat seines Sohnes hat er sich keiner Begegnung gestellt, bis heute.
Tiefe Stille liegt über dem vollbesetzten Gerichtssaal, als Richter Reiner Sjukat ihn hereinruft: Herr K. in den Saal, bitte!
Waffennarr von Jugend
Angeklagt ist der Geschäftsmann Jörg K., 51, selbst Waffennarr von Jugend an. Er hatte einen Sohn, an der er seine Leidenschaft weitergab. Den er das Zielen und Abdrücken lehrte. Einen Sohn, den er nicht gut genug kannte. Der einen Hass auf die Welt entwickelte und der am Ende mit einer Waffe, die sein Vater unter den Winterpullovern im Kleiderschrank versteckt hatte, 15 Menschen tötete, bevor er sich selbst erschoss.
Der Vater ist nicht wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, wie es die Staatsanwaltschaft für richtig hielte, sondern - so jedenfalls sieht es das Gericht derzeit - weil er seine Waffe nicht sorgfältig genug verschlossen hat. Ein Verstoß gegen das Waffenrecht also, Höchststrafe: ein Jahr Gefängnis.
Ganz offenkundig steht die Anklage in keinem Verhältnis zum Umfang des Prozesses. 18 Anwälte der Opferfamilien füllen mit ihren schwarzen Roben die Reihen in der Saalmitte, die 42 Angehörigen, die hier als Nebenkläger auftreten, sind rundherum platziert, dazu zwei Staatsanwälte, vorn die Kammer mit drei Richtern und zwei Schöffen, links davor der Angeklagte mit seinen zwei Verteidigern.
27 Tage hat das Gericht dafür angesetzt, zu einem Urteil zu kommen. Viele Verhandlungstage für einen Verstoß gegen das Waffenrecht. Zahllose Zeugen werden auftreten, Sachverständige, Polizisten, Mediziner. Eine dreidimensionale Rekonstruktion des Tatablaufs ist angekündigt.
Aber was sagt das über die Schuld des Vaters?
Fragen nach der Verantwortung
Auch die Angehörigen der Opfer wissen, dass man Eltern nicht für die Taten ihrer Kinder vor Gericht stellen kann. Sie erwecken nicht den Eindruck, als ginge es ihnen darum, Jörg K. möglichst hoch bestraft zu sehen. Schließlich war nicht er es, der ihre Kinder erschossen hat. Aber sie finden, dass man sehr wohl nach seiner Verantwortung für die Tat fragen muss - nach der juristischen und der menschlichen.
Seit dem Tag des Amoklaufs warten sie auf Antworten, damit sie abschließen können mit der Tat: Warum hat dein Sohn meine Tochter erschossen? Wie konnte es passieren, dass du nichts gemerkt hast von dem, was in ihm vorging? Hättest du es nicht verhindern können und müssen? Was hast du dazu beigetragen, mit all den Ballerspielen und Waffen, die du ihm geschenkt hast? Worin siehst du deine Schuld?
Zu all dem hat Jörg K. bisher nichts gesagt, was die Angehörigen befrieden könnte. Jetzt hätte er Gelegenheit dazu. Aber wird er es tun?
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