Winnenden-Prozess unterbrochen Schöffe lag betrunken auf Straße

Der Prozess gegen den Vater des Amokschützen von Winnenden musste unterbrochen werden, nachdem die Polizei einen sturzbetrunkenen Schöffen aufgegriffen hatte. Der Laienrichter musste die Nacht in der Ausnüchterungszelle verbringen.


Stuttgart - Seit wenigen Tagen wird eine Unterbrechung des Prozesses gegen den Vater des Amokschützen von Winnenden vermutet - weil das Landgericht die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten überprüfen will. Am Freitag sorgte ein betrunkener Schöffe für eine Unterbrechung des Verfahrens.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart prüft nach Auskunft vom Freitag, ob ein Befangenheitsantrag gegen den Schöffen gestellt wird. Der 59-Jährige war am Mittwoch kurz nach Mitternacht in Stuttgart sturzbetrunken und schlafend von der Polizei aufgegriffen worden, wie die "Bild"-Zeitung schrieb. Die Beamten weckten den Laienrichter auf und wurden nach dpa-Informationen "aufs Übelste" beschimpft.

Der Prozess war am Donnerstag vertagt worden. Der Vorsitzenden Richter hatte dafür lediglich "dienstliche Gründe" angegeben. Der Schöffe musste die Nacht zum Mittwoch in der Ausnüchterungszelle verbringen, ihm droht eine Anzeige wegen Beleidigung. Möglich ist ein Befangenheitsantrag gegen Schöffen oder Richter, wenn es Misstrauen gegen ihre Unparteilichkeit gibt. Sollte der Schöffe ausfallen, muss der Stuttgarter Prozess mit einem Ersatzschöffen fortgesetzt werden.

Morddrohungen gegen den Vater

Der 17 Jahre alte Sohn des Angeklagten erschoss am 11. März 2009 an seiner früheren Schule in Winnenden und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst. Sein Vater hatte die Tatwaffe unverschlossen aufbewahrt.

Das Landgericht Stuttgart hat indes einen Sachverständigen beauftragt, die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten zu begutachten. Jörg K. hatte sich nach Morddrohungen gegen ihn vergangene Woche krankschreiben lassen.

Sollte der Gutachter feststellen, dass Jörg K. aufgrund der psychischen Belastung nur eingeschränkt verhandlungsfähig ist, würde laut Gericht ein sogenannter Kurztermin - auch am Krankenbett - in Betracht gezogen.

Dies ist bedeutsam, weil bisher erst neun Verhandlungstermine stattgefunden haben. Ab zehn Terminen kann eine Hauptverhandlung bei Erkrankung des Angeklagten für bis zu zwölf Wochen unterbrochen werden; bei weniger als zehn Terminen beträgt die maximale Unterbrechung drei Wochen. Sollten diese Fristen nicht eingehalten werden, müsste der Prozess neu aufgerollt werden.

Ende der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass der Vater eines Opfers Rachegelüste gegen die ganze Familie des Amokschützen hegt, falls Jörg K. nicht verurteilt wird.

jjc/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.