Winnenden-Prozess Zeugin nimmt belastende Aussage zurück

Die Familie des Amokläufers von Winnenden war vor der Tat offenbar doch nicht über die Mordfantasien ihres Sohnes informiert. Das sagte eine Notfallseelsorgerin jetzt vor dem Landgericht Stuttgart und korrigierte damit ihre zuvor gemachten Angaben.


Stuttgart - Die ehrenamtliche Helferin des Kriseninterventionsteams der Polizei hatte die Familie des Amokläufers noch Monate nach der Tat betreut. Unter Tränen sagte die Frau jetzt aus, sie habe sich erst nach ihrer ersten Vernehmung wieder daran erinnert, dass die Eltern von den Mordfantasien ihres Sohnes erst am 4. August 2009, also vier Monate nach der Tat, aus einem psychiatrischen Gutachten erfahren hätten.

Die Notfallseelsorgerin sagte, ihr sei ein Fehler unterlaufen, den sie mit ihrer zweiten Aussage "geradebiegen" wolle. Nach ihrer "nicht vollständigen Aussage" vom 11. November habe sie eine "akute Belastungsstörung" erlitten.

Die Staatsanwaltschaft kündigte an, sie wolle prüfen, ob mögliche Absprachen über das Verhalten der Zeugin während der Hauptverhandlung stattgefunden hätten. Die Frau müsse entweder bei ihrer ersten oder bei ihrer zweiten Aussage die Unwahrheit gesagt haben, hieß es.

Auch der Vorsitzende Richter sprach von einer überraschenden "Schräglage" und legte durch verschiedene Fragen seine Vermutung nahe, dass die Zeugin nach ihrer ersten Aussage womöglich von Seiten der Familie unter Druck geraten sei.

Gegen die Frau wurde ein Verfahren wegen versuchter Strafvereitelung und des Verdachts der Falschaussage eingeleitet.

Zuvor hatte ein früherer Mitschüler von Tim K. angegeben, dass der Amokläufer von Winnenden im Beisein von Freunden den Tresor im Elternhaus geöffnet und ihnen eine oder mehrere Waffen gezeigt hatte. Der 18-Jährige konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, wie Tim K. den Tresor im Jahr 2008 aufgemacht und ob er die Pistolen herausgeholt hatte.

Die Frage, ob Tim K. den Code für den Tresor kannte, spielt eine wichtige Rolle in der Verhandlung: Kannte er die Zahlenkombination, hätte er die Tat auch begehen können, ohne dass er auf die vom Vater im Schlafzimmer unverschlossen aufbewahrte Pistole hätte zurückgreifen müssen.

Der Vater von Tim K. muss sich seit Mitte September vor Gericht verantworten, weil er laut Anklage seinem Sohn Zugriff auf eine erlaubnispflichtige Schusswaffe sowie Munition ermöglicht haben soll. Der 17 Jahre alte Schüler hatte am 11. März 2009 bei einem Amoklauf in Winnenden und seiner anschließenden Flucht in Wendlingen 15 Menschen und anschließend sich selbst getötet. Viele der Opfer starben durch Kopfschüsse.

Sollte der Geschäftsmann wegen fahrlässiger Tötung verurteilt werden, droht ihm eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren.

kng/dpa/dapd



insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Europa! 23.11.2010
1. Eigenartig
Nach der Psychotherapeutin jetzt schon die zweite Zeugin, die ihre Aussage zurückzieht! Die Staatsanwaltschaft muss da scharf nachfassen. Es geht nicht an, dass sich Begüterte durch Beeinflussung von Zeugen der Justiz entziehen können.
suum.cuique 23.11.2010
2. was fuer ein Qautsch!
Zitat von Europa!Nach der Psychotherapeutin jetzt schon die zweite Zeugin, die ihre Aussage zurückzieht! Die Staatsanwaltschaft muss da scharf nachfassen. Es geht nicht an, dass sich Begüterte durch Beeinflussung von Zeugen der Justiz entziehen können.
Wer sagt, dass der "Begueterte" die Zeugin beeinflusste. Das ist reine Hetze. Es ist ganz normal, dass Zeugen ihre Aussagen abaendern, wenn sie sich genauer erinnern. Passiert dauernd. Auch absolut moeglich, dass der Sohn die Kombination ausgespaeht hat. Dass er seinen Freunden schon einmal den Inhalt des Tresors zeigte spricht eindeutig dafuer.
Berlinger, 23.11.2010
3. Wo leben wir eigentlich?
Zitat von Europa!Nach der Psychotherapeutin jetzt schon die zweite Zeugin, die ihre Aussage zurückzieht! Die Staatsanwaltschaft muss da scharf nachfassen. Es geht nicht an, dass sich Begüterte durch Beeinflussung von Zeugen der Justiz entziehen können.
Wer ist denn hier begütert? Herr K. ist finanziell ruiniert! Und seelisch ist er ein Wrack! Mir scheint, am liebsten wäre es den meisten Beteiligten, wenn er sich umbrächte. Das kann doch nicht sein! Wo leben wir eigentlich? Im Mittelalter, mit Pranger und Vierteilen?
BonChauvi 23.11.2010
4. Winnenden Prozess
Zitat von BerlingerWer ist denn hier begütert? Herr K. ist finanziell ruiniert! Und seelisch ist er ein Wrack! Mir scheint, am liebsten wäre es den meisten Beteiligten, wenn er sich umbrächte. Das kann doch nicht sein! Wo leben wir eigentlich? Im Mittelalter, mit Pranger und Vierteilen?
Das sehe ich ähnlich. Der Vater muss dafür zur Rechenschaft gezogen werden, dass er die Pistole gesetzeswidrig frei zugänglich aufbewahrt hat. Ich habe allerdings den Eindruck, dass hier eine Art Stellvertreterprozess geführt wird. Der Mann soll anstelle seines Sohnes als Mörder büßen. Ich weiß nicht wer einen Nutzen davon haben soll, dass man diesen armen Menschen, dessen Leben ohnehin ruiniert ist, nun vollends zugrunde richtet.
Hercules Rockefeller, 23.11.2010
5. Unverständlich
Mir ist es bis heute unverständlich, warum der Vater angeklagt wird bzw. warum zwischen der unsachgemäßen Aufbewahrung von Waffen und dem Amoklauf nicht getrennt wird. Ein offener Waffenschrank macht niemanden zum Amokläufer, ansonsten sollte man dem Bürger vielleicht nur noch Plastiklöffel erlauben. Auch wünsche ich mir so viel juristischen Elan bei Familien mit Diplomatenpass aus dem Südland, die ja oft auf weit mehr Opfer kommen (40 und mehr)-aber das wäre politisch inkorrekt und Kultur lässt sich strafrechtlich eben nicht bewerten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.