NSU-Anschlag in Kölner Keupstraße Zehn Jahre Vorurteile

22 Menschen wurden verletzt, als in der Kölner Keupstraße 2004 eine Nagelbombe explodierte. Jahrelang gingen die Ermittler von einer Milieustraftat aus, von Rache, Schutzgeld. Bis heute ist die Verbitterung der Anwohner groß.

DPA

Von Claudia Hauser, Köln


Ayfer Demir steht vor dem Kölner Schauspielhaus und raucht. Probenpause. Sie blickt über den Hof des Carlswerks im Stadtteil Mülheim und lächelt. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal auf eine Bühne stelle und meine Geschichte erzähle", sagt sie. "Aber je mehr ich darüber rede, desto besser geht es mir." Noch zwei Proben, dann ist Premiere. Sie ist eine von drei Laiendarstellern, die im Dialog mit drei Schauspielern in dem Stück "Die Lücke" die Geschichte der Keupstraße erzählen, einer kleinen Geschäftsstraße im Rechtsrheinischen, in der überwiegend Türken leben.

Es hat sehr lange gedauert, bis Ayfer Demir darüber sprechen konnte, was passiert war. Als am Nachmittag des 9. Juni 2004 eine Bombe in der Straße explodierte und mehr als 700 Zimmermannsnägel durch die Luft schossen, wurde die damals 29-Jährige gegen die Wand des Reisebüros geschleudert, in dem sie arbeitete. Der Putz rieselte von der Decke, von draußen hörte sie Schreie.

22 Menschen werden verletzt, vier von ihnen schwer. Das Reisebüro, das es heute nicht mehr gibt, lag gegenüber dem Friseursalon, vor dem die Bombe detonierte. Ayfer Demir, die äußerlich unverletzt blieb, ging durch das Chaos nach Hause und schloss sich in ihr Zimmer ein.

Als ihre Mutter wissen wollte, was los sei, sagte sie: "nichts". Heute sagt sie: "Ich wollte das nicht wahrhaben. So etwas passiert ja eigentlich auch nicht im echten Leben, im Film vielleicht." Warum sollte mitten in Deutschland eine Bombe in die Luft gehen? Wer sollte so etwas tun? Das vertraute Gefühl, auf der Keupstraße zu arbeiten, war weg - für viele Jahre. "Jedes Mal, wenn ein Rad irgendwo an einer Hauswand lehnte, war die Angst wieder da."

Einige Geschäfte mussten schließen

Der Hartschalenkoffer mit der Nagelbombe befand sich auf dem Gepäckträger eines Damenrads. Es war vermutlich der Rechtsterrorist Uwe Mundlos, der es vor dem Friseursalon Özcan abstellte. Eine halbe Stunde später sollen er und Uwe Böhnhardt die Bombe per Fernsteuerung gezündet haben, sie fuhren auf zwei Mountainbikes davon.

Bis der Anschlag dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) zugeordnet werden konnte, mussten die Geschäftsleute und Anwohner der Keupstraße mit Vorurteilen leben. Sieben Jahre lang.

Die Ermittler waren sich im Sommer 2004 schnell sicher, es mit einer Milieustraftat zu tun zu haben. Von einem Racheakt war die Rede, von Schutzgeld, das möglicherweise nicht gezahlt worden war. Ein fremdenfeindlicher Hintergrund wurde ausgeschlossen.

"Die eigentliche Bombe explodierte nach dem Anschlag", sagt Özcan Yildirim, der Inhaber des Friseursalons. Der 45-Jährige wurde immer wieder vor den Augen seiner Kinder von zu Hause abgeholt, wieder und wieder verhört. Als Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers sich im Februar 2013 offiziell entschuldigte, kämpfte Yildirim mit den Tränen. "Man hat bei all den Befragungen vergessen, dass ich auch ein Mensch bin", sagte er damals. Albers räumte ein: "Das Schlimme ist, dass niemand für möglich gehalten hat, dass es eine rechte Mörderbande in Deutschland gibt."

Für die Menschen der Keupstraße hatten die Verdächtigungen Folgen: Die Straße mit ihren vielen türkischen Restaurants, Konditoreien und Geschäften wurde gemieden, einige Inhaber mussten schließen, weil die Kunden weg blieben.

"Es war ein Rummel"

Dass hinter dem Nagelbombenanschlag niemand von ihnen steckt, wussten die Geschäftsleute eigentlich von Anfang an. "Die Keupstraße ist friedlich, da würde keiner eine Bombe zünden", hieß es gleich nach dem Anschlag. Und doch wurde die Verunsicherung größer. Was, wenn es doch jemand von ihnen war? "In den sieben Jahren ist so viel kaputt gegangen, das kann man nicht so schnell wieder aufbauen", sagt Meral Sahin, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, die sich seit 1995 für die Belange der Anwohner einsetzt.

Und so waren die Anwohner der Keupstraße zeitweise völlig überrumpelt, als im November 2011 jeden Tag ein anderer Politiker mit einem Tross von Journalisten in ihre Geschäfte marschierte, um sich zu entschuldigen für die kollektiven Verdächtigungen. "Es war ein Rummel", sagt Meral Sahin. "Sie haben alle Versprechungen gemacht und weg waren sie wieder."

Ein Mahnmal gibt es bis heute nicht in der Straße - wenn es nun auch beschlossene Sache ist. Überhaupt meinen viele, Nordrhein-Westfalen mache sich zu zögerlich an die Aufarbeitung. Erst vor Kurzem beantragte die CDU mit der Unterstützung aller Fraktionen einen Untersuchungsausschuss, zuvor waren SPD, Grüne und FDP lange dagegen.

Und die Entschädigungen, die die Opfer des Anschlags erhalten sollten, blieben erst einmal im Topf, weil keiner wusste, wo es den Antrag eigentlich gibt und an wen man sich wenden muss. "Die Opferberatungsstelle war in der Südstadt", sagt Meral Sahin. "Dort wunderte man sich, dass nur sieben Leute Hilfe in Anspruch nehmen wollten." Die Südstadt ist von der Keupstraße gefühlt so fern wie Neukölln vom Prenzlauer Berg.

Wenn sich am 9. Juni der Anschlag zum zehnten Mal jährt, werden unter dem Namen "Birlikte - Zusammenstehen" Künstler und Politiker bei einer riesigen Kundgebung in Köln-Mülheim zusammenkommen. Bundespräsident Joachim Gauck, Udo Lindenberg, BAP und viele andere werden dabei sein. Der Westdeutsche Rundfunk überträgt die Veranstaltung, mehr als 70.000 Besucher werden erwartet. In Restaurants und Hinterhöfen gibt es am Pfingstwochenende Lesungen, Diskussionen und Fotoausstellungen.

"Das Fest ist eine gute Sache", sagt Hülya Özdag von der orientalischen Feinkonditorei auf der Keupstraße. "Aber ich wünsche mir, dass es nicht dabei bleibt." Die 33-Jährige wünscht sich, dass "etwas passiert in den Köpfen", man miteinander redet und versteht, was passiert ist, sich ein bisschen besser kennenlernt. Sie wünscht sich, dass die Menschen auch dann in ihre Straße kommen, wenn der Besuch nicht Teil eines Programms ist.

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