Prozess gegen Ex-LKA-Beamten Milde für den Mörder

Das Landgericht Dresden hat Detlev G. wegen Mordes verurteilt, weil er einen Mann getötet und die Leiche zerstückelt hat. Die Richterin verhängte aber nur achteinhalb Jahre Haft - und könnte damit Rechtsgeschichte schreiben.

Angeklagter Detlev G.: Mord ja, lebenslang nein
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Angeklagter Detlev G.: Mord ja, lebenslang nein


Das Strafmaß, das das Landgericht Dresden gegen den ehemaligen LKA-Beamten Detlev G. ausgesprochen hat, ist erstaunlich: achteinhalb Jahre Freiheitsstrafe wegen Mordes ohne gesetzlich vorgesehene Milderungsgründe. Die Kammer hat damit den Strafantrag der Staatsanwaltschaft um zwei Jahre unterboten. Vor allem aber sieht die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur sogenannten Rechtsfolgenlösung einen solchen Fall, wie er in Dresden verhandelt wurde, bisher nicht vor.

G., 57, soll im ostsächsischen Gimmlitztal den Geschäftsmann Wojciech S., den er in Kannibalen-Foren im Internet kennengelernt hatte, getötet und zerstückelt haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Wojciech S. an einem Genickbruch starb, die Strangulation geschah durch das Seil eines Flaschenzugs. Die Verteidigung hatte argumentiert, es lasse sich nicht klären, ob der Angeklagte Wojciech S. getötet hat oder S. selbst den elektronischen Flaschenzug per Fernbedienung betätigte.

Das Gericht aber kam zur Ansicht, der Angeklagte habe S. getötet. Und sah das Mordmerkmal "Befriedigung des Geschlechtstriebs" als erfüllt an. Ein zweites Mordmerkmal sah die Kammer in der "Störung der Totenruhe" des Verstorbenen: Detlev G. habe getötet, um eine geplante Straftat zu ermöglichen, nämlich die Zerstückelung der Leiche.

Oberstaatsanwaltschaft: Lebenslang "unangemessen hart"

Mord ist nicht gleich Mord, das weiß jeder, der mit Strafjustiz zu tun hat. Es gibt Fälle, in denen die starre Rechtsfolge einer lebenslangen Freiheitsstrafe unangemessen erscheint. Das ist zum Beispiel beim "Haustyrannenmord" der Fall: der Tötung eines gewalttätigen Ehemannes im Schlaf durch die geschundene Ehefrau, die, um sich gegen den Mann zu wehren, wegen der unterschiedlichen Kräfteverhältnisse dessen Arg- und Wehrlosigkeit ausnutzt.

Schon der Vertreter der Anklage, Oberstaatsanwalt Andreas Feron, hatte die Tat des Detlev G. zwar als Mord eingestuft, dafür aber nicht eine lebenslange, sondern eine Freiheitsstrafe von zehneinhalb Jahren beantragt. "Eine lebenslange Freiheitsstrafe halte ich für unangemessen hart", sagte Feron in seinem Plädoyer am Endes des sieben Monate währenden Strafprozesses. Das Gericht möge berücksichtigen, sagte Feron, dass der 59 Jahre alte Geschäftsmann habe getötet werden wollen. Aus Chatprotokollen und Zeugenaussagen gehe hervor, dass dieser von Jugend an davon geträumt habe, getötet, geschlachtet und aufgegessen zu werden.

Die Tat von Detlev G. passt auf den ersten Blick nicht in die Reihe jener Fälle, in denen der BGH die Rechtsfolgenlösung anwandte. G. befand sich nicht in einer Situation der Bedrängnis, aus der es subjektiv keinen Ausweg gab; er wurde vom Verstorbenen auch nicht provoziert oder gekränkt.

Gericht bleibt Begründung schuldig

Gleichwohl lässt sich der Tathergang mit anderen "normalen" Mordfällen nicht vergleichen. Denn die Tötung geschah nicht gegen den Willen des "Opfers", sondern mit dessen Einverständnis, ja sogar auf dessen inständigen Wunsch. Als der BGH Anfang der Achtzigerjahre die sogenannte Rechtsfolgenlösung für außergewöhnliche Fälle kreierte, gab es noch kein Internet, keine Kannibalen-Foren, keinen Austausch zwischen Personen mit derart ungewöhnlichen, bizarren Fantasien.

So gesehen könnte das Dresdner Gericht mit dieser neuen Fallkonstellation Rechtsgeschichte schreiben. Als mutige Entscheidung allerdings ist das ausgesprochene Strafmaß auch nicht zu bezeichnen. Denn offenbar hofft die Kammer auf eine abschließende Entscheidung des BGH. Dazu aber muss entweder die Verteidigung oder besser noch die vom Gericht unterbotene Staatsanwaltschaft Revision einlegen. Eine Begründung jedenfalls dafür, warum das Gericht zwei Jahre unter der Forderung der Staatsanwaltschaft blieb, gab das Gericht nicht.

Ausführlich setzte sich die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand mit der Vermutung der Verteidigung auseinander, der Verstorbene habe möglicherweise Suizid begangen; es gebe keinen Beweis dafür, dass sich G. selbst getötet habe. Sicher habe der Verstorbene "die Präferenz" gehabt, getötet zu werden, und ein "Präferenzwechsel" sei nicht wahrscheinlich. Auszuschließen aber sei er auch nicht.

"Wir dachten, wir könnten abwarten"

Einen großen Teil der Urteilsbegründung widmete Wiegand auch der Auseinandersetzung mit den Medien, vor allem auch der Kritik an ihrer Verhandlungsführung durch die Verteidigung. Mit Händen greifbar war in den 21 Verhandlungstagen, dass die Chemie zwischen den Verteidigern, Brigitte Bertsch und Endrik Wilhelm, und dem Gericht von Anfang an nicht stimmte. Die Verteidiger hatten etwa moniert, dass zunächst keine Zeugen aus dem Umfeld des Verstorbenen geladen waren und das Gericht auch keinen ausgewiesenen Sexualwissenschaftler als Sachverständigen beauftragt hatte.

In der Urteilsbegründung erklärte die Vorsitzende dies damit, dass man den Angeklagten "falsch eingeschätzt" und mit einer der Wahrheit entsprechenden Einlassung am ersten Hauptverhandlungstag gerechnet habe. "Wir dachten, wir könnten abwarten und brauchen dann vielleicht keinen Sexualwissenschaftler mehr." Dass der Angeklagte mehrfach unterschiedliche Angaben gemacht, zum Beispiel zunächst auch ein falsches Geständnis abgelegt hatte, erschwerte die Kommunikation zusätzlich.

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