André K. im NSU-Prozess Der Nichtswisser

André K. war jahrelang Weggefährte der mutmaßlichen späteren Terroristen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe - er sollte gefälschte Pässe für die drei Untergetauchten besorgen. Vor Gericht kann er sich angeblich kaum an Details aus der damaligen Zeit erinnern.

Von , München

André K. verlässt den Gerichtssaal: Keine Erinnerung
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André K. verlässt den Gerichtssaal: Keine Erinnerung


André K. weiß angeblich kaum noch etwas über Gespräche, die er einst mit Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe führte. Für sein Nichtwissen hat der Zeuge ziemlich viele Worte: "Ich kann mich nicht mehr erinnern", "keine Ahnung", "das kann ich Ihnen nicht sagen", "ich habe da keinen Bezug zu", "mir fehlt da einiges", "kein Vorgang im Kopf", "beim besten Willen, das weiß ich nicht" - so geht das immer wieder an diesem Mittwoch im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht.

K., 38, ein stämmiger, mittelgroßer Mann mit schwarzem Vollbart, war in den neunziger Jahren eine führende Figur in der rechtsextremen Szene Thüringens, etwa im "Thüringer Heimatschutz" (THS) oder der "Kameradschaft Jena". Damals hatte er sich auch mit den mutmaßlichen späteren Terroristen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe angefreundet.

Als am 26. Januar 1998 Ermittler bei der Familie Böhnhardt vorstellig wurden, weil sie ein weiteres Mal eine Wohnungsdurchsuchung in den Räumen des einschlägig bekannten Uwe Böhnhardt vornehmen wollten, rief dieser bei K. an. So schilderte es K. am Mittwoch vor Gericht. Er sei daraufhin zu Böhnhardt gegangen, der nur rund 200 Meter entfernt gewohnt habe. Bei dieser Gelegenheit habe ihm Böhnhardt gesagt, dass er wegfahren werde, sobald sich die Gelegenheit ergeben werde. Böhnhardt verschwindet am selben Tag. Auch Mundlos und Zschäpe setzen sich ab, die drei verschwinden im Untergrund.

"Das hätte ich auch nicht wissen wollen"

Wann dann der nächste Kontakt zu den Untergetauchten stattgefunden habe, will der Vorsitzende Richter Manfred Götzl wissen. Wieder bleibt K. im Ungefähren. Er redet von "Informationsketten" und davon, dass man sich schon vor dem Untertauchen der drei zu Gesprächen über Telefonzellen verabredet habe, teilweise sei sogar eine "Dechiffriertabelle" benutzt worden, mit deren Hilfe detaillierte Angaben über Telefonzellen und Uhrzeiten verschlüsselt weitergegeben wurden - offenbar, um einer möglichen Überwachung durch Verfassungsschützer zu entgehen.

Was in den Telefonaten besprochen worden sei und wie oft man miteinander geredet habe, weiß K. dagegen nicht mehr. Vielleicht zwei Mal, vielleicht fünf Mal, sagt er. Sicher ist sich K. allerdings dabei, dass er "zu keinem Zeitpunkt" davon gewusst habe, wo sich die Untergetauchten aufhielten. "Das hätte ich auch nicht wissen wollen", sagt K.

Sonderlich glaubwürdig wirkt K. nicht. Seine Aussagen seien "nicht plausibel", sagt Richter Götzl an einer Stelle. Und tatsächlich stellen sich viele Fragen nach dem Auftritt von K. Warum etwa kann er sich nicht erinnern, jemals etwas bei Familie Böhnhardt abgeholt zu haben, wo doch die Mutter von Uwe Böhnhardt zuletzt vor Gericht gesagt hatte, K. habe ein Mal bei ihnen Geld abgeholt - Geld, das offenbar für die Untergetauchten bestimmt war? Warum etwa will er keine Ahnung davon haben, ob der Mitangeklagte Carsten S. eine Rolle bei der Unterstützung der Untergetauchten spielte? Carsten S. hatte in Vernehmungen erklärt, K. und der ebenfalls Angeklagte Ralf Wohlleben seien rund ein Dreivierteljahr nach dem Abtauchen des Trios auf ihn mit der Frage zugekommen, ob er etwas für Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt tun wolle. Als Erklärung, so Carsten S., hätten Wohlleben und K. gesagt, dass sie selbst nichts tun könnten, weil sie überwacht würden. "Keine Erinnerung", sagt K.

Globales Unwissen

Eine emotionale Bindung an die früheren Zeiten mit seinen damaligen Freunden scheint K. aber noch zu haben: Im vergangenen Jahr stellten Ermittler bei K. sogenannte "Geburtstagspost" zum 23. Geburtstag von K. sicher - umfangreiches neonazistisches Material, aufgemacht im Stil einer "Bild"-Zeitung. Auf einer Seite sind Fotos von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zu sehen - die Präsentation lässt zumindest vermuten, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt schon damals, Ende der neunziger Jahre, in der Szene als eine Art Trio wahrgenommen wurden. Das Geschenk, angeblich von Ralf Wohlleben und einer Freundin angefertigt, habe für ihn einen gewissen Stellenwert gehabt, sagt. K. Welchen? Das kann er nicht sagen.

Er kann auch nicht viel dazu sagen, als ihm die Bundesanwaltschaft vorhält, dass er der Aktenlage zufolge einst von der Polizei im Auto angehalten wurde - bei der Mitfahrerin Zschäpe sei damals ein Dolch mit beidseitig geschliffener Klinge sichergestellt worden. K. weiß von nichts.

Pässe habe er für die Untergetauchten einst besorgen sollen, das erzählt K. am Mittwoch. Der Kontaktmann habe ihm aber lediglich "Rohpässe" beschafft, ohne Daten und Fotos.

Es war bereits das zweite Mal, dass K. im NSU-Prozess aussagte. Er kann sich auf eine weitere Reise nach München einstellen - die Vernehmung wurde an diesem Mittwoch unterbrochen, K. bekommt einen dritten Termin.



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