Zeuge im NSU-Prozess "Die totale Zerstörung"

Theodoros Boulgarides starb hinter der Theke seines Schlüsseldienstes in München. Er wurde erschossen, gilt als siebtes Opfer der NSU-Terroristen. Sein Geschäftspartner trat jetzt im NSU-Prozess als Zeuge auf und schilderte, wie fatal die Ermittlungen in die Irre liefen.

Von , München

Angeklagter Holger G.: Stand er Zschäpe näher als bisher bekannt?
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Angeklagter Holger G.: Stand er Zschäpe näher als bisher bekannt?


Es ist der 15. Juni 2005, 18.25 Uhr. Das Klingeln des Telefons verhallt in dem kleinen Laden "Schlüsselwerk" in der Trappentreustraße 4 im Münchner Westend, nahe der Donnersbergerbrücke, einem familiären Viertel, in dem viele Griechen leben. Seit 1973 ist es das Zuhause von Theodoros Boulgarides und seiner Familie.

Als das Telefon an jenem Mittwoch klingelt, liegt der 41-Jährige mit dem Rücken auf dem Boden des Geschäfts, getötet aus nächster Nähe, mit drei Schüssen in den Kopf.

Das endlose Freizeichen macht Wolfgang F. am anderen Ende der Leitung misstrauisch. Es passt nicht zu Theodoros Boulgarides, dass er nicht ans Telefon geht. Erst recht nicht, weil es die 24-Stunden-Hotline ist. Die beiden Männer haben erst vor 14 Tagen gemeinsam den Schlüsseldienst eröffnet.

"Die totale Zerstörung"

Die Aufgabenverteilung war klar geregelt: Wolfgang F. fungierte als technischer Betriebsleiter und arbeitete weiterhin als Detektiv in einem Kaufhaus in der Innenstadt. Theodoros Boulgarides kümmerte sich um den kaufmännischen Bereich, stand tagsüber hinter der Theke. Die Bereitschaft in der Nacht übernahmen die Geschäftspartner im Wechsel.

"Der Theo war absolut zuverlässig, mir kam das komisch vor", sagt Wolfgang F. am Dienstag vor dem 6. Senat des Münchner Oberlandesgericht (OLG). Um 18.55 Uhr habe er sich deshalb ins Auto gesetzt, sei losgefahren.

Zwölf Minuten dauert die Fahrt von seinem Auftraggeber in der Stadt bis zur Donnersbergerbrücke. Wolfgang F. betritt den Laden, findet seinen Kompagnon hinter der holzvertäfelten Theke. Zweimal hatten sie an diesem Tag telefoniert, es sei ruhig, habe ihm Theodoros Boulgarides erzählt. Jahrelang konnte sich Wolfgang F. die Tat nicht erklären. "Der Theo war eine gelassene Person, immer auf Frieden ausgerichtet", sagt er vor Gericht. Weder privat noch beruflich habe er mit anderen Streit gehabt. "So etwas gab's bei ihm nicht."

Die Familie Boulgarides ist an dem kaltblütigen Mord verzweifelt. Theos Mutter habe Angst gehabt, erzählt Wolfgang F., deshalb habe er ihr ein Sicherheitsschloss eingebaut. Doch die Trauer und die Furcht waren stärker. Mit Theos Bruder sei sie nach Thessaloniki, ihre alte Heimat, gegangen. "Für die war es die totale Zerstörung", sagt Wolfgang F. im Zeugenstand. "Und nicht nur für die Angehörigen."

Rechtsradikaler Hintergrund spielte bei Ermittlungen keine Rolle

Auch F.s Leben hat die Tat grundlegend verändert. Monatelang sei er nach dem Mord vorgeladen worden, habe auf der Polizeiwache immer wieder die gleichen Fragen beantworten müssen, auch seine Mitarbeiter seien befragt worden. "Die Polizei hat mich schikaniert, sie wollte uns in den Dreck ziehen", sagt der 46-Jährige. So hätten ihn Beamte gefragt, ob Theodoros Boulgarides sex- oder spielsüchtig gewesen sei. Die Vernehmungen hätten sich im Kreis gedreht. Erst habe er Kunden verloren, dann Geld und sein Geschäft, schließlich seine langjährige Lebensgefährtin.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die Gewohnheiten und Gepflogenheiten von Theodoros Boulgarides ausgekundschaftet und ihn erschossen haben - aus rassistischen Motiven, so wie sie acht weitere Kleinunternehmer türkischer Herkunft getötet haben sollen.

War der Mord an Theodoros Boulgarides gar Folge einer Verwechslung? Womöglich hielten sie den gebürtigen Griechen für einen Türken. Das sei oft vorgekommen, sagte Wolfgang F. am Dienstag. Theo sei auf Türkisch angesprochen worden und habe ihm einmal erzählt, er sehe offensichtlich eher türkisch als griechisch aus.

Bei den Ermittlungen 2005 spielte ein rechtsradikaler Hintergrund jedoch keine Rolle. Etwa hundert Zeugen wurden damals befragt. Die Sonderkommission "Theo" vermutete das Motiv eher im Drogenmilieu oder im Bereich Schutzgelderpressung, Geldwäsche.

Fotos von Fundstücken aus der Frühlingsstraße

Beate Zschäpe, einzige Überlebende des NSU-Trios, folgte an diesem 38. Verhandlungstag allen Zeugenvernehmungen ohne erkennbare Regung. Nur bei der erneuten Reise in ihre Vergangenheit saß sie aufrecht da und blickte gebannt auf die Bilder, die an die Wand projiziert wurden und die Brandermittler Frank Lenk erläuterte.

Sie zeigten weitere Asservate, die nach dem Brand in ihrem Versteck in der Frühlingsstraße in Zwickau fotografiert worden waren. Darunter Sprengstoff, Schwarzpulver und der Wandtresor, in dem die Waffe und die Handschellen der Polizistin Michèle Kiesewetter aus Heilbronn gefunden wurden. Mundlos und Böhnhardt sollen auch die Beamtin erschossen und ihren Kollegen lebensgefährlich verletzt haben.

Im Brandschutt stießen die Ermittler zudem auf unversehrte, fein säuberlich archivierte Zeitungsartikel über die NSU-Mordserie, angekokelte Euroschecks, Geldscheine und dazugehörige Banderolen, aber auch auf jede Menge Ausweise: Wie einen orangefarbenen für eine Bibliothek in Hannover, Mitgliedsnummer 00011476, mit einem aktuellen Foto von Beate Zschäpe.

Wozu benötigte die 38-Jährige, die mit Mundlos und Böhnhardt in Zwickau lebte, eine solche Berechtigung? In Lauenau, nahe Hannover, wohnte der ebenfalls angeklagte Holger G. Standen sich G. und Zschäpe womöglich näher als bisher bekannt? Hielt sich Zschäpe vielleicht länger in der Region Hannover auf? Weigert sich Holger G. deshalb so beharrlich, Fragen des Gerichts zu beantworten?

Ebenso unbeschadet konnten Brandermittler Personalausweise, Führerscheine und Krankenversicherungskarten aus den Flammen retten. Eine BahnCard zeigt ein Foto von Holger G., ausgestellt auf den ebenfalls angeklagten André E., offensichtlich genutzt von Uwe Mundlos.

Auch die tschechische Pistole des Typs Ceska CZ 83, Kaliber 7,65 Millimeter, die samt Schalldämpfer in der abgebrannten Wohnung gesichert werden konnte, präsentierte Brandermittler Lenk. Durch sie starb Theodoros Boulgarides. Ebenso wie der türkische Imbissbesitzer Ismail Yasar in Nürnberg. Nur sechs Tage zuvor.

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