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NS-Kriegsverbrecherprozess: "Sie haben ihn einfach abgeknallt"

Von , Hagen

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DPA

Siert B.: Angeklagt wegen Mordes

In Hagen steht der ehemalige SS-Mann Siert B. vor Gericht, der im Zweiten Weltkrieg einen niederländischen Widerstandskämpfer ermordet haben soll. In dem aufwendigen Indizienprozess geht es vor allem um die Frage, wie heimtückisch zwei Schüsse in den Kopf sein können.

Er hat seinen besten Anzug angezogen, den dunkelblauen mit Nadelstreifen, dazu blaue Socken und blaue Schuhe. Kerzengerade sitzt Berend B. in Saal 201 des Landgerichts Hagen und will vom Krieg erzählen, oder besser gesagt: von den Dingen, die er darüber gehört hat.

Denn die Schwierigkeit mit B. ist eine grundsätzliche in diesem Prozess, in dem sich der ehemalige SS-Unterscharführer Siert B. wegen Mordes an einem niederländischen Widerstandskämpfer verantworten muss: Es gibt knapp 70 Jahre nach der Tat keine lebenden Zeugen der mutmaßlichen Hinrichtung und ihrer Umstände mehr.

Und so berichtet der 63-jährige Berend B. davon, was ihm sein dementer Vater vor einiger Zeit erzählte. Der war einstmals Polizist in den besetzten Niederlanden und von den SS-Leuten Siert B. und August N. am 22. September 1944 herbeigerufen worden. Die Nazis erklärten ihm, sie hätten den Gefangenen Aldert Klaas Dijkema auf der Flucht erschießen müssen. Berend B. sagt, sein Vater habe zuletzt empört reagiert: "Das war eine Lüge. Sie haben ihn einfach abgeknallt."

Die zentrale Frage nach der Arglosigkeit

Laut Anklage hatte ein Kommando der Grenzpolizei in den Niederlanden, bei der Siert B. nach seiner Zeit in der Waffen-SS diente, Dijkema auf dem Bauernhof seiner Eltern festgenommen. Siert B. und sein Vorgesetzter August N. hätten ihr Opfer in einen Wagen verfrachtet, so der Oberstaatsanwalt Andreas Brendel, und seien losgefahren. Irgendwann habe Dijkema das Auto verlassen müssen. "Geh doch mal eben pissen", sagten die Nazi-Schergen demnach und feuerten von hinten auf den Mann, mindestens viermal. Zwei Schüsse in den Kopf töteten den 36-Jährigen.

Die Tat, und darum geht es in diesem Verfahren zuvörderst, wäre heute nur noch als Mord strafbar. Deshalb ringen die Juristen miteinander um das einzige Merkmal, das die Tötung eines Menschen zum Mord machte und in diesem Fall überhaupt in Frage käme: Heimtücke. Die wiederum setzte jedoch voraus, dass das Opfer arglos und dadurch auch wehrlos war. Aldert Klaas Dijkema durfte also nicht geahnt haben, dass er in Lebensgefahr schwebte, als er spätabends zu den beiden SS-Leuten ins Auto steigen und dieses wenig später schon wieder verlassen musste.

Weil der erste Teil der Strecke, die die beiden Nazi-Schergen wählten, identisch war mit dem Heimweg Dijkemas, habe der damit rechnen können, nach Hause gebracht oder vielleicht auf eine andere Dienststelle verlegt zu werden, heißt es dazu in der Anklage. Die Täter hätten ihn absichtlich darüber im Unklaren gelassen, um seinen Widerstand nicht zu provozieren, weshalb er also arglos gewesen sei.

Der Verteidiger des Angeklagten, Klaus-Peter Kniffka, hält diese Argumentation für angreifbar. "Die SS war doch kein Taxiunternehmen", sagt er. "Wer als Widerstandskämpfer in völliger Dunkelheit zu zwei SS-Leuten ins Auto steigen musste, rechnete mit dem Schlimmsten."

Wusste Siert B. nicht, was geschehen würde?

Zu einer Verurteilung seines Mandanten wegen Mordes könne es nur kommen, wenn keinerlei Zweifel an der Arglosigkeit des Opfers bestünden und auch daran, dass Siert B. diese bewusst ausgenutzt habe. "Das sehe ich bislang nicht", so Kniffka. Im Gegenteil: B. sei doch selbst überrascht gewesen, dass August N. auf Dijkema geschossen habe und habe den zur Rede gestellt: "Was soll das denn?"

Ein erstes Ermittlungsverfahren gegen Siert B. war vor Jahren eingestellt worden, weil die deutschen Juristen die Erschießung Dijkemas seinerzeit - ähnlich wie Kniffka heute noch - als Totschlag ansahen und damit eben auch als verjährt.

Doch ist es glaubhaft, dass Siert B. nicht wusste, was geschehen würde? Man versetze sich einmal in die Situation: Zwei SS-Männer, ein Widerstandskämpfer, in stockfinsterer Nacht hält der Wagen mit den drei Männern im Nirgendwo, einer der Schergen sagt zu dem Gefangenen, er solle aussteigen und sich erleichtern. Was denkt der andere, angeblich doch ahnungslose SS-Mann spätestens in diesem Augenblick? Es wird Aufgabe der Strafkammer unter dem Vorsitz der Richterin Heike Hartmann-Garschagen sein, diese Frage zu beantworten.

Ein Urteil könnte Ende November fallen.

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