NSU-Prozess: 600 Zeugen sollen Zschäpes Leben ausleuchten

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Der Zeitplan des NSU-Prozesses wackelt schon vor Beginn. Mehr als 600 Zeugen sind bislang geladen. Für die Befragungen sind zum Teil nur 45 Minuten veranschlagt. Einige Zeugen versprechen tiefe Einblicke in das Leben der Angeklagten Zschäpe, manche Weggefährten wurden gar nicht geladen.

Saal 101 des OLG München: 606 Zeugen, 80 Nebenklagevertreter Zur Großansicht
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Saal 101 des OLG München: 606 Zeugen, 80 Nebenklagevertreter

Beate Zschäpe wird voraussichtlich vor dem Oberlandesgericht München das tun, was sie seit 18 Monaten macht, wenn sie offiziell zu der Mord- und Verbrechensserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) befragt wird: schweigen. Das hat ihre Rechtsanwältin Anja Sturm bereits angekündigt. Umso wichtiger sind die 606 Zeugen, die zu dem Prozess gegen sie und vier mutmaßliche NSU-Unterstützer bislang geladen sind - darunter auch Familienangehörige der Angeklagten.

Am kommenden Montag wird der NSU-Prozess beginnen. Auch wenn manche Medien nun über eine Klage gegen die Vergabe der Presseplätze nachdenken - dieses Mal wird der Auftakt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verschoben.

Der Zeitplan könnte trotzdem recht bald durcheinander geraten: Das OLG hat für die Befragung mancher Zeugen lediglich 45 Minuten veranschlagt - knapp bemessen angesichts von fünf Angeklagten mit insgesamt zwölf Verteidigern, 80 Nebenklagevertretern, drei Vertretern der Bundesanwaltschaft und der fünfköpfigen Kammer. Angesetzt sind bisher 84 Verhandlungstage, das wird kaum reichen.

Begegnung mit der Familie

Viele Zeugen versprechen tiefe Einblicke in das Leben der mutmaßlichen Rechtsterroristen. Zschäpes Mutter könnte vor Gericht beschreiben, wie ihre Tochter in die rechte Szene abglitt. Uwe Mundlos' Vater kann schildern, welche vergeblichen Versuche er startete, seinen Sohn zu bekehren, seine glühende Verehrung für Adolf Hitler, Rudolf Heß, das Dritte Reich zu beenden. Uwe Böhnhardts Mutter kann erzählen, wie sie ihrem Sohn verbot, ausländerfeindliche Parolen zu grölen - und wie sie und ihr Ehemann dabei scheiterten, ihr längst kriminelles Kind auf den richtigen Weg zu führen.

Beate Zschäpe wird ihrem Cousin Stefan begegnen, der inzwischen auf Mallorca lebt und der wie ein Bruder für sie war, bevor sie in den Untergrund ging. Ihr Onkel Klaus wird im Zeugenstand Platz nehmen und wohl von früher reden, als seine Nichte noch in Jena lebte.

Zschäpe wird Aussagen ertragen müssen, die sie berühren dürften. Vielleicht sogar Tränen der Eltern, deren Söhne fast 14 Jahre lang Zschäpes engste Vertraute waren. Wird sie ihr Schweigen durchhalten, muss sie die Aussagen hinnehmen, ohne sie zu kommentieren, ohne sie zu ergänzen.

Manche Zeugen könnten Zschäpe mit ihren Aussagen auch provozieren. Die Polizeibeamten zum Beispiel, denen sich der mitangeklagte Holger G. in neun ausführlichen Vernehmungen anvertraut hat. Mit seinem Geständnis hat er die 38-Jährige stark belastet, sie als gleichberechtigtes Mitglied der Terrorzelle dargestellt. Sie sei dabei gewesen, als er 2001 Mundlos und Böhnhardt in Zwickau eine Waffe übergab, sagte er. Die Bundesanwaltschaft wertet das als Indiz dafür, dass Zschäpe in die Morde des NSU eingeweiht war.

Befragt werden auch die Ermittler, die Carsten Sch. vernommen haben. Der 32-Jährige ist ebenfalls angeklagt wegen Beihilfe zum Mord, weil er - angeblich mit dem Geld Ralf Wohllebens - die Waffe kaufte, mit der die neun Migranten erschossen wurden. Carsten S. hat ebenfalls ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Für manche Zeugen sind 45 Minuten Befragung vorgesehen

Auch auf der Zeugenliste: Andreas T., ehemaliger V-Mann-Führer des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Er saß in Kassel in einem Internetcafé, dessen Besitzer Halit Yozgat wenige Minuten später erschossen wurde.

Außerdem geladen: der enttarnte V-Mann und Chef des rechtsextremen Bündnisses "Thüringer Heimatschutz" Tino Brandt, ebenso André K., der in den Neunzigern mit den Mitgliedern der Terrorzelle die "Kameradschaft Jena" gründete. Auch sein jüngerer Bruder Christian K., einst Landesvorstandsmitglied der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen und zeitweise Kopf der Nazi-Popband Eichenlaub, die eine Lobeshymne auf das untergetauchte Trio schrieb, soll befragt werden.

Für einige Kameraden wird es eine Reise in die Vergangenheit, die sie nur ungern antreten: Mandy S., deren Identität sich Zschäpe lieh, leitet heute die Filiale einer Friseursalonkette in Schwarzenberg, einer Kleinstadt im sächsischen Erzgebirgskreis. Kolleginnen sagen, die Ermittlungen hätten der 37-jährigen, alleinerziehenden Mutter stark zugesetzt, sie fürchte sich vor ihrem Auftritt vor Gericht.

Mandy S., in Erlabrunn geboren und in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge aufgewachsen, organisierte dem untergetauchten Trio nach seiner Flucht Unterschlupf in der Wohnung ihres damaligen Freundes Max-Florian B., der seinen Ausweis hergab, damit Mundlos und Böhnhardt seine Identität annehmen konnten. Das Trio bedankte sich mit Geschenken für seinen kleinen Sohn. Max-Florian B. steht ebenfalls auf der Zeugenliste.

Vergeblich sucht man allerdings Jan W., mutmaßlicher Waffenlieferant des NSU und hochrangiger Neonazi aus dem "Blood & Honour"-Umfeld. Ebenfalls nicht auf der Zeugenliste: Neonazi-Musiker Daniel "Gigi" G., der in dem Lied "Döner Killer" (erschienen 2010 auf der verbotenen CD "Adolf Hitler lebt") die Mordserie des NSU verherrlicht. In dem Liedtext heißt es: "Neun sind nicht genug".

Weitere Zeugen können geladen werden

Daniel G. ist nicht der Einzige, der vor Gericht etwas zu erzählen hätte und bislang nicht geladen ist. Der Zwillingsbruder des angeklagten André E. fehlt auch, dabei ist Maik E. ein bekannter Neonazi. Auf dessen Gehöft in Brandenburg wurde André E. von einer GSG-9-Einheit festgenommen. Dafür ist ihr älterer Bruder Ronny geladen, der den Abstieg der beiden in die rechte Szene missbilligend beobachtete.

Fern bleibt bislang auch Carsten S., einst unter dem Namen Piato V-Mann für den Brandenburger Verfassungsschutz und mit angeblicher Verbindung zu dem untergetauchten Trio.

Es handle sich um eine Liste von Zeugen, die der Senat nach Aktenlage für notwendig halte, sagt Andrea Titz, Sprecherin des OLG München. Diese könne aber jederzeit geändert oder ergänzt werden, wenn das Gericht von sich aus oder aufgrund von Beweisanträgen entscheidet, weitere Zeugen zu laden. Auch eine Abladung von Zeugen sei möglich.

Als interessanter Zeuge gilt schon jetzt: David Petereit, Landtagsgeordneter der NPD in Mecklenburg-Vorpommern. Er war Herausgeber des rechten Fanzines "Der Weiße Wolf", in dessen Ausgabe Nummer 18 im Jahr 2002 ein interessantes Vorwort erschienen ist. Fettgedruckt, ohne nähere Erläuterung, heißt es da: "Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen. Der Kampf geht weiter!" Es ist die erste bekannte Erwähnung des NSU in der Öffentlichkeit, neun Jahre bevor die Mordserie aufgedeckt wurde. Zudem fanden Ermittler bei Petereit einen "Unterstützerbrief" des NSU, Textbausteine aus diesem Schreiben tauchten im Bekennervideo der Rechtsterroristen auf.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Das könnte noch interessant werden....
lachplatte 30.04.2013
Zitat von sysopMehr als 600 Zeugen sind bislang für den NSU-Prozess geladen. Für die Befragungen sind zum Teil nur 45 Minuten veranschlagt - diesen Zeitplan wird das Gericht kaum halten können. Einige Zeugen versprechen tiefe Einblicke in das Leben der Angeklagten, andere Weggefährten wurden gar nicht eingeladen. Zeugenliste im NSU-Prozess - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/zeugenliste-im-nsu-prozess-a-896841.html)
"Auch auf der Zeugenliste: Andreas T., ehemaliger V-Mann-Führer des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Er saß in Kassel in einem Internetcafé, dessen Besitzer Halit Yozgat wenige Minuten später erschossen wurde. Außerdem geladen: der enttarnte V-Mann und Chef des rechtsextremen Bündnisses "Thüringer Heimatschutz" Tino Brandt, ebenso André K., der in den Neunzigern mit den Mitgliedern der Terrorzelle die "Kameradschaft Jena" gründete." Diese Aussagen, sofern die denn überhaupt ernsthaft betrieben und nachgefragt werden dürfen, könnten dann doch durchaus noch interessant werden, und nicht von eher wohl lächerlichen Pflichtverteidigern...Besonders die Aussagen und Hintergründe von Andreas T, der offensichtlich nicht nur in Kassel sondern in 5 weiteren Tatorten anwesend würde einen doch interessieren! Sollte man Tschäpe nicht einen wirklich ernsthaft Verteidiger zugestehen, der seine "Unhabhängigkeit" mehrfachen Fällen bereits beweisen hat wie z.B. Gerhard Strate (http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Strate)
2. Übermenschlich
idealist100 30.04.2013
Zitat von sysopMehr als 600 Zeugen sind bislang für den NSU-Prozess geladen. Für die Befragungen sind zum Teil nur 45 Minuten veranschlagt - diesen Zeitplan wird das Gericht kaum halten können. Einige Zeugen versprechen tiefe Einblicke in das Leben der Angeklagten, andere Weggefährten wurden gar nicht eingeladen. Zeugenliste im NSU-Prozess - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/zeugenliste-im-nsu-prozess-a-896841.html)
Also ich kann mich nicht daran erinnern was ich an irgendeinem Sonntag im Jahre 1996 gemacht und getan habe. Aber es gibt Panker die können das nach x Jahren und können auch noch die Gesichter identifizieren. Übermenschlich.
3. Inquisition
JohannWolfgangVonGoethe 30.04.2013
Zitat: "600 Zeugen sollen Zschäpes Leben ausleuchten". Nicht dass ich besonderes Verständnis für Frau Zschäpe hätte, aber "Ausleuchten"? Sind wir noch in der DDR2.0 oder schon in Zeiten der Heiligen Inquisition?
4. Unheilige
Björn Borg 30.04.2013
Zitat von JohannWolfgangVonGoetheZitat: "600 Zeugen sollen Zschäpes Leben ausleuchten". Nicht dass ich besonderes Verständnis für Frau Zschäpe hätte, aber "Ausleuchten"? Sind wir noch in der DDR2.0 oder schon in Zeiten der Heiligen Inquisition?
Macht Euch nur lustig. Wir werden ja sehen, wieviel Menschliches selbst in einer so eiskalten Terroristin noch steckt. Und vor allem wird deutlich werden, dass sie und ihre Gesinnungsgenossen nur eine vollkommen unbedeutende Minderheit in diesem weltoffenen und gastfreundlichen Land darstellen.
5.
elster22 30.04.2013
Die Masse an belanglosen Zeugen soll von den wichtigen Aussagen und den vielen Ungereimtheiten und unbewiesenen Behauptungen in diesem Fall ablenken. Am besten versteckt man eine Lüge in einer Masse von Belanglosigkeiten.
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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL