Kampf gegen Zigarettenschmuggel "Wir jagen Phantome"

Jedes Jahr werden rund 3,6 Milliarden Zigaretten nach Deutschland geschmuggelt. Der wirtschaftliche Schaden ist so groß, dass Tabakkonzerne eigene Ermittler beschäftigen. Einer von ihnen ist Bernd H. Er heuert Informanten an, verfolgt Transportwege und enttarnt illegale Fabriken.

Bart Goossens/ Reemtsma

Von Simone Utler


Hamburg - Wenn Bernd H. * eine Zigarettenschachtel auf der Straße liegen sieht, reagiert er reflexartig. Er schaut sich die Packung näher an, hebt sie eventuell auf, liest die Warnhinweise, überprüft die Steuerbanderole. Meist wirft er die Schachtel gleich wieder weg, doch manchmal behält er sie - weil er sie als Fälschung erkannt hat.

Bernd H. arbeitet für den Tabakkonzern Reemtsma als Anti-Illicit-Trade-Manager, als Ermittler in der Abteilung für Schmuggelbekämpfung.

Der Handel mit gefälschten Zigaretten beschert Tabakkonzernen so große Geschäftseinbußen, dass es sich für sie lohnt, eigene Ermittler zu beschäftigen. 2011 wurden laut dem Deutschen Zigarettenverband hierzulande rund 87,6 Milliarden versteuerte und 23,5 Milliarden unversteuerte Zigaretten geraucht. Davon waren mindestens 3,6 Milliarden Schmuggelzigaretten. Die übrigen wurden legal aus dem Ausland eingeführt oder im Duty-free-Shop gekauft. Allein der Schmuggel hat dem Verband zufolge im vergangenen Jahr ökonomische Schäden von fast einer Milliarde Euro verursacht. Auch andere große Konzerne wie British American Tobacco und Philip Morris haben daher eine Abteilung für Markenschutz oder gegen illegalen Handel.

Bernd H., der aus beruflichen Gründen anonym bleiben will, könnte in einer Polizeiserie mitspielen: Der 53-Jährige ist ein kerniger Typ mit Dreitagebart, trägt einen anthrazitgrauen Anzug, die beiden oberen Knöpfe des weißen Hemds sind geöffnet, sein Blick wandert immer wieder zum Smartphone. Er ist der Strippenzieher, er managt die Informationen, die Kärrnerarbeit vor Ort machen andere. Bernd H. achtet genau darauf, was er sagt, und lässt immer wieder durchblicken, dass er nur einen Bruchteil seines Wissens preisgibt. 22 Jahre lang arbeitete er beim Bundeskriminalamt, vor allem im Bereich der Organisierten Kriminalität.

Seit zwölf Jahren ist er nun in der Privatwirtschaft. Zuerst ging es vor allem um Sicherheit im Unternehmen, inzwischen ist er für Zigarettenschmuggel in Europas sogenannten Hochpreismärkten - Deutschland, Frankreich, England, Irland und Skandinavien - zuständig. Von 2000 bis 2005 wurde die Tabaksteuer in Deutschland fünfmal erhöht, die Preise stiegen insgesamt um 40 Prozent. "Fälschungen wurden erstmals richtig attraktiv", sagt H. Eine Packung geschmuggelter Zigaretten kostet beispielsweise auf dem Schwarzmarkt in Berlin rund halb so viel wie eine normale Schachtel.

Hinweis aus chinesischem Hafen

Erst Ende Juni präsentierten Zollfahnder in Antwerpen eine erfolgreiche Aktion gegen Schmuggler, an der H. beteiligt war: Aus einem großen chinesischen Hafen hatte der Konzernfahnder im vergangenen Jahr den Hinweis auf einen konkreten Container bekommen, der für Belgien bestimmt war. Die belgischen Behörden begannen daraufhin zu ermitteln, identifizierten weitere Container und schlugen im November und Dezember 2011 in mehreren europäischen Häfen zu. Schließlich meldete der belgische Zoll: Insgesamt seien 151 Millionen gefälschte Markenzigaretten beschlagnahmt worden. Wären sie nicht abgefangen worden, hätte dies für die EU Steuerverluste von rund 29 Millionen Euro bedeutet.

Das Geschäft mit gefälschten Zigaretten ist lukrativ. "Nur einer von zehn Containern muss durchkommen, damit die Schmuggler keinen Verlust machen. Ab dem zweiten Container machen sie Gewinn", erklärt H. Der Zoll erwische weltweit lediglich fünf bis zehn Prozent der Schmuggelware.

H. ist mit Regionen in aller Welt vernetzt, sein Alltag besteht aus Kontaktpflege und Informationsgewinnung. An einem Ende der Informationskette steht der Kontakt zu Zollbehörden, am anderen der zu Informanten. "Entweder bietet jemand sein Wissen an, oder wir heuern gezielt vor Ort Leute an." Aus Sicherheitsgründen kenne er die Hinweisgeber jedoch nicht und kommuniziere nur über Mittelsmänner mit ihnen.

Container kontrollieren, ohne sie zu öffnen

Die Recherche beginnt oft mit einer einzigen Zigarettenschachtel oder einem Container. Über die Kennzeichen von Autos oder die Nationalität von Fahrern versuchen die Ermittler, die Zielorte der Schmuggelware zu lokalisieren, verdächtige Packungen werden im Labor analysiert. Die Fälschungen sind meist nur an Details zu erkennen, die Anzeichen von schlampiger Arbeit sind. Mal schließt der Deckel nicht bündig ab, mal ist die Plastikfolie von zu heißem Schweißen faltig zusammengezogen, mal fehlt die Steuernummer. Die Druckqualität ist in Zeiten von Scannern und Farblaserdruckern meist sehr gut, und auch Tippfehler sind inzwischen selten.

Gibt es einen Hinweis, wird in den Häfen weiter ermittelt. "Es gibt gewisse Systematiken, nach denen man Container kontrollieren kann, ohne sie zu öffnen", erklärt H. Da er den Schmugglern keine Tricks verraten will, nur so viel: "Das Gewicht einer Lieferung kann verräterisch sein." Container, in denen Zigaretten geschmuggelt werden, würden gern als Ladung mit leichtem Porzellan, Rattanmöbeln oder Spielzeug getarnt.

Die Möglichkeiten der privaten Ermittler haben ihre Grenzen - zum einen aufgrund gesetzlicher Beschränkungen wie dem Post- und Fernmeldegeheimnis, zum anderen aufgrund der Manpower. Die Abteilung bei Reemtsma besteht aus insgesamt neun Kollegen. Sie schauen sich an, was offen zugänglich ist, und übergeben ihre Informationen dann den Behörden.

Fabriken in Erdhöhlen oder Lagerhallen

H. ist beruflich viel unterwegs, manchmal die Hälfte des Monats. Ein Drittel seiner Reisen erfolgt spontan, beispielsweise um bei Zugriffen vor Ort zu sein. "Wir treten aber selber keine Türen ein, sondern versuchen Maschinen und Packungen zu identifizieren, um die Behörden zu unterstützen."

H. war an der Enttarnung von Produktionsstätten im niederländischen Hengelow und sogar in Bielefeld beteiligt, aber prinzipiell sind Fabriken in Westeuropa eher selten. Einer der größten Produktionsstätten ist China - 2010 wurden allein dort laut Weltzollorganisation rund 300 Milliarden Zigaretten gefälscht. Außerdem stammen viele Fälschungen aus Moldau, der Ukraine und Polen, zunehmend weniger aus Russland.

Die Produktions- und Verpackungsstätten in China werden meist nur für einen sehr kurzen Zeitraum genutzt. "Zwei bis drei Wochen, dann wird alles wieder abgebaut und an anderer Stelle aufgebaut", sagt H. Die Verpackung erfolge meist in alten Industriegebäuden, Erdhöhlen oder Lagerhallen.

"Ein bis zwei Dutzend Menschen sitzen an Tapeziertischen und schieben für einen Dollar pro Tag Zigaretten in die Verpackung", berichtet H. Selten gelinge es, eine Produktionsstätte oder ein Büro auszuheben. "Die werden geschlossen, bevor der Container auf dem Schiff ist. Wir jagen teilweise Phantome."

* Name von der Redaktion geändert



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BiffBoffo 31.07.2012
1. Je Teuer es wird
Desto größer ist der Schwarzmarkt und je Teuer die Zigaretten werden desto weniger Einnahmen hat der Staat. Haben manche da oben noch nicht verstanden aber ok. Im Freien Europa darf man zwei Stangen Zigaretten mitnehmen und dann fragt man sich warum die Leute nicht an Europa glauben. Weil das Volk halt wieder verarscht wird - falls jemand Fragen sollte ;)
karlsiegfried 31.07.2012
2. Welcher Schaden?
Nicht nur der deutsche Staat ist ein Drogendealer. In Deutschland kassieren unsere lieben Politiker weit über 25 Milliarden Euro Steuern von den Rauchern und dafür müssen pro Jahr allein in Deutschland über 100.000 Raucher sterben. Und nun regen sich diese politischen Drogendealer darüber auf, dass andere mitmischen wollen? Würde eine Schachtel Zigaretten nur mit 50 Cent besteuert werden, gäbe es kein Schmuggelproblem.
LeToubib 31.07.2012
3.
Zitat von karlsiegfriedNicht nur der deutsche Staat ist ein Drogendealer. In Deutschland kassieren unsere lieben Politiker weit über 25 Milliarden Euro Steuern von den Rauchern und dafür müssen pro Jahr allein in Deutschland über 100.000 Raucher sterben. Und nun regen sich diese politischen Drogendealer darüber auf, dass andere mitmischen wollen? Würde eine Schachtel Zigaretten nur mit 50 Cent besteuert werden, gäbe es kein Schmuggelproblem.
Und wuerde jede Bank all ihr Bargeld verteilen, gaebe es keine Bankueberfaelle mehr! Gott, was fuer eine Logik ...
mitbestimmender wähler 31.07.2012
4. An die Wand gefahrene Sicherheitspolitik
Kein Wunder bei diesen minimalst gesicherten EU Aussengrenzen. Um Faktoren unter die jener Kanadas und den USA bestückten, finanzierten Grenzschutz der EU......... was sollen die armen Beamten unter Kontrolle bringen :-( Nur zu schmuggelt die EU voll, jetzt in der Krise erst recht. Die Brüsseler/Berliner sollen ihre Sparmassnahmen am Steuer-Geldbeutel merken ;-)
lupenrein 31.07.2012
5.
Zitat von karlsiegfriedNicht nur der deutsche Staat ist ein Drogendealer. In Deutschland kassieren unsere lieben Politiker weit über 25 Milliarden Euro Steuern von den Rauchern und dafür müssen pro Jahr allein in Deutschland über 100.000 Raucher sterben. Und nun regen sich diese politischen Drogendealer darüber auf, dass andere mitmischen wollen? Würde eine Schachtel Zigaretten nur mit 50 Cent besteuert werden, gäbe es kein Schmuggelproblem.
Ausserdem sind alle Steuern, die ein Staat nicht für die Erhaltung und Entwicklung dieses Staates und seiner Bevölkerung verwendet, Diebstahl und Erpressung, vergleichbar mit Raubrittertum...... (früher wurden Raubritter, so man sie gefangen nehmen konnte, hingerichtet)
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