NSU-Prozess Leere Plätze und ein neuer Brief

Was mag das für eine Nachricht gewesen sein, die bei Beate Zschäpe Übelkeit auslöste? Wegen Krankheit der Hauptangeklagten fiel ein ganzer Verhandlungstag im NSU-Prozess aus. Manche Beteiligte haben eine Theorie, was dahinter steckt.

Platz von Beate Zschäpe: Am Mittwoch leer
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Platz von Beate Zschäpe: Am Mittwoch leer

Von , München


André E. dreht Däumchen, Holger G. liest Zeitung, vier Polizisten stehen nebeneinander mit verschränkten Armen im Saal A101 des Münchner Oberlandesgerichts. Auf der Besuchertribüne tuscheln am Mittwochmorgen einige Zuschauer und fragen sich, wie es denn nun weitergehen wird im NSU-Prozess.

Bereits am Vortag war die Hauptverhandlung wegen Übelkeit der Hauptangeklagten Beate Zschäpe fast komplett ausgefallen. Zuvor hatte es Pausen, stundenlange Unterbrechungen und eine langwierige Diskussion zwischen den Prozessbeteiligten gegeben. Zschäpe hielt sich zu dem Zeitpunkt bereits im Haftraum des Oberlandesgerichts auf.

Und jetzt? Die Plätze des Strafsenats um den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl: leer. Die der Bundesanwaltschaft: die meiste Zeit leer. Der von Zschäpe: leer. Ihre drei Verteidiger dagegen sind anwesend.

Es sind zähe Minuten. Für den Mitangeklagten Ralf Wohlleben dagegen sind sie die Möglichkeit für ein paar kurze Augenblicke verstohlener Intimität. Als er gegen 10.15 Uhr mit Baumwolltasche und Laptop in den Gerichtssaal kommt, sitzt auf einem der Plätze neben seinen Verteidigern bereits seine Frau: Wohlleben beugt sich zu ihr, ein kurzer Kuss, dann sitzen sie nebeneinander. Seine rechte Hand ruht dabei auf ihrem linken Bein, ihre linke Hand auf seinem rechten Bein.

Verdacht auf "beginnenden Infekt"

Wohllebens Frau ist als Beistand des Angeklagten angemeldet, sie dürfte also immer neben ihm auf der Anklagebank Platz nehmen. Wegen des langen Weges nach München ist sie bisher aber selten gekommen.

An diesem Tag ist die Frau mit Strähnchen in den langen, blonden Haaren als Zeugin geladen. Das Gericht hatte lediglich 15 Minuten für ihre Befragung vorgesehen, offenbar rechnete man damit, dass die Frau von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen würde: Die ausgebildete Erzieherin war bis 2009 Mitglied der rechtsextremen NPD, zeitweise fungierte sie dort als Schatzmeisterin im Kreisverband Jena, den ihr Mann als Vorsitzender führte.

Der Auftritt von Frau Wohlleben fällt an diesem Tag allerdings aus - wie auch der Rest der Hauptverhandlung an diesem Mittwoch. Der Vorsitzende Richter Götzl kommt ohne Robe in den Saal und erklärt die Hauptverhandlung wegen der Erkrankung Zschäpes für abgesetzt. Alle übrigen Termine würden aber bestehen bleiben, auch der am Donnerstag.

So sicher ist es allerdings nicht, dass die Hauptverhandlung am Donnerstag fortgesetzt wird: Bei Zschäpe bestehe der Verdacht auf einen "beginnenden Infekt mit unklarer Kreislaufreaktion", so schreibt es eine Ärztin der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in einem Attest. In dem kurzen Schreiben ist von "noch ausstehenden Testergebnissen" die Rede. Es sei daher "noch nicht absehbar", ob die Verhandlungsfähigkeit Zschäpes am Donnerstag wiederhergestellt sei.

Gericht erwägt Beschlagnahme von Zschäpe-Briefen

Die Hauptangeklagte hatte am Dienstag rund 30 Minuten nach Verhandlungsbeginn über Unwohlsein geklagt. Richter Götzl hatte später einen Gerichtsarzt zitiert, wonach Zschäpe als Grund für die Übelkeit eine Nachricht angegeben hatte, die sie offenbar vor Sitzungsbeginn erhalten hatte.

Die Erklärung hatte für Spekulationen gesorgt. Manche Prozessbeteiligte halten es für möglich, dass Zschäpes Unwohlsein mit einem Schreiben des Oberlandesgerichts zu tun haben könnte, das auf den 2. Mai datiert ist und dessen Inhalt zuletzt bekannt wurde. Demnach erwägt das Gericht, "im Hinblick auf die Beweisanträge auf Erstellung eines forensisch-linguistischen Vergleichsgutachtens" drei Briefe von Zschäpe an den befreundeten Neonazi Robin S. zu beschlagnahmen. Dabei geht es um Briefe aus dem März und August 2013 sowie einen neuen, bislang noch nicht bekannten Brief vom 12. April dieses Jahres.

Mit dem Gutachten soll offenbar eine mögliche Beteiligung Zschäpes als Mitautorin an einem Manifest des NSU geklärt werden, mit dem sich die Terrorzelle, der unter anderem zehn Morde zu Last gelegt werden, zur Radikalität bekannte. Kämen Gutachter zu einem positiven Ergebnis, würde das Zschäpe zusätzlich belasten.

Die Zeitschrift "Stern" hatte im vergangenen Jahr zwei namentlich nicht genannte Sprachwissenschaftler damit beauftragt, Briefe von Zschäpe, dem mutmaßlichen Terroristen Uwe Mundlos sowie das NSU-Manifest zu analysieren. Beide urteilten unabhängig voneinander und sehr eindeutig: Zschäpe habe mit "mit hoher Wahrscheinlichkeit" als Co-Autorin an dem Manifest mitgewirkt.

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