Zschäpe-Verteidigerin Sturm: Flucht aus Berlin

Von , Gisela Friedrichsen und

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Anwältin Anja Sturm: "Ich verteidige einen Menschen, nicht seine Taten"

Sie verteidigt in einem historischen Prozess die Hauptangeklagte - doch statt Anerkennung erfährt Anja Sturm von manchen Kollegen Ablehnung. Nun verlässt die Anwältin von Beate Zschäpe ihre Kanzlei. Interesse an einer Zusammenarbeit mit ihr hat offenbar nur jemand, der ihr Problem teilt.

Hamburg - Vor dem Prozess, in der Zeit der großen Worte und wohlklingenden Erklärungen, gab sich Anja Sturm sehr professionell. "Ich möchte dazu beitragen", sagte die Verteidigerin von Beate Zschäpe, "dass der Angriff auf unsere demokratische Grundordnung mit einem besonderen Maß an Rechtsstaatlichkeit beantwortet wird. Ich verteidige einen Menschen, nicht seine Taten." Doch derlei feine Unterschiede machte ganz offenkundig nicht jeder ihrer Kollegen.

Die Rechtsanwältin hat sich daher entschlossen, die Berliner Kanzlei, in der sie bislang arbeitete, zu verlassen und mit ihrer Familie nach Köln zu ziehen. Dem "Tagesspiegel" sagte Sturm, sie gehe nicht im Zorn, sei aber "sehr enttäuscht". Sie habe sich in der Praxis, um deren öffentlichen Ruf die übrigen Anwälte sehr gefürchtet hätten, alleingelassen gefühlt. Ein Kollege habe ihr sogar gesagt, Zschäpes Verteidigung sei "ein Killermandat" für die Kanzlei, so Sturm in der Zeitung.

Sturm hatte bei der Vorstandswahl der als linksliberal geltenden Berliner Strafverteidiger-Vereinigung eine deutliche Niederlage einstecken müssen. Sie führt ihr Scheitern ebenfalls auf ihr Engagement im NSU-Verfahren zurück. Einige Kollegen hätten sich sehr daran gestört, dass sie Zschäpe vertrete, sagte Sturm. In Berliner Justizkreisen heißt es, Rechtsanwälte hätten gedroht, aus dem Verband auszutreten, wenn Sturm in den Vorstand gewählt würde.

Das "Killermandat"

Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Anja Sturm nur mit dem "Tagesspiegel" gesprochen hat und sich jetzt in Schweigen hüllt. "Ich möchte mich zu den Gründen meines Kanzleiwechsels nicht mehr äußern", so Sturm gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Er habe seine Kollegin von der Übernahme des Zschäpe-Mandats "aus mehreren Gründen abgeraten", sagte der Rechtsanwalt Axel Weimann dem "Tagesspiegel" und sprach von der Belastung, "sich sowohl beruflich als auch privat immer wieder für ein Mandat rechtfertigen zu müssen, das man persönlich nicht führt und das man vor allen Dingen selbst niemals angenommen hätte". Der NSU-Prozess fülle Sturm derart aus, "dass eine Einbindung in von uns betreute Mandate mangels Präsenz nicht sinnvoll erscheint".

In einer Mitteilung erklärten Weimann und sein Partner Peter Meyer dann am Montagnachmittag, ihre Kanzlei habe Sturm wegen der Übernahme des Mandats Zschäpe nicht kritisiert "geschweige denn angefeindet". Die Zusammenarbeit werde einvernehmlich zum 31. Juli beendet.

Sturms Suche nach einer neuen Kanzlei in der Hauptstadt soll schwierig gewesen sein, so erzählen es Berliner Juristen. Mehrfach sei ihr eine Zusammenarbeit mit dem "Killermandat"-Argument verwehrt worden. Kollegen, die sie gern in ihre Sozietät geholt hätten, sollen von ihren Kanzleipartnern unter Druck gesetzt worden sein - nach dem Motto: Wenn die Zschäpe-Anwältin einsteigt, gehe ich.

Am Freitag wird der Auszug aus ihrer bisherigen Kanzlei über die Bühne gehen. Fortan, so ist es geplant, wird Sturm in der Kölner Sozietät des Rechtsanwalts Wolfgang Heer arbeiten, mit dem sie derzeit Beate Zschäpe vertritt. Der dritte Verteidiger der mutmaßlichen Rechtsterroristin ist der Koblenzer Rechtsanwalt Wolfgang Stahl. "Ich freue mich sehr darauf, mit der Kollegin auch über das NSU-Verfahren hinaus arbeiten zu können", so Heer auf Anfrage. "Ich sehe für uns beide eine gute Perspektive."

"Die drei werden durch die Hölle gehen"

Otmar Kury, der Präsident der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer, bezeichnet Verteidigung als "Menschenrecht und zugleich Kulturgut". Dass jedermann Anspruch auf Verteidigung habe, sollte nie vergessen werden. "Diese Erkenntnis schulden wir auch unserer Rechtsgeschichte", schrieb Kury in einem Beitrag für die Hamburger Anwaltskammer anlässlich der Weigerung der meisten beim zuständigen indischen Gericht zugelassenen Rechtsanwälte, die Vergewaltiger einer jungen Inderin zu vertreten: Die Frau war Ende vorigen Jahres ihren schweren Verletzungen erlegen.

Von 2500 indischen Verteidigern fanden sich unter dem wütenden Protest ihrer Kollegen drei Anwälte, die bereit waren, die Verteidigung der Angeklagten zu übernehmen. Aus Sicht der Rechtsanwälte, so der Sprecher der indischen Anwaltskammer, sei das Mandat unmoralisch.

"Wenn die Anwaltschaft nicht mehr bereit ist, Menschen in einem geordneten Verfahren kompromisslos, entschieden, engagiert und standhaft beizustehen", kritisierte Kury, dann verfehle sie ihre vornehmste Aufgabe - zu kämpfen und durchzusetzen, dass einem Tatverdächtigen die elementarsten Grundrechte der Rechtsordnung zugebilligt werden: das Recht auf Gehör und die Möglichkeit, es zu nutzen.

Der Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele (Grüne) sagte SPIEGEL ONLINE zu der Causa Anja Sturm: "Man kann niemanden per se vorwerfen, dieses Mandat übernommen zu haben. Wenn es um Verbrechen geht, besteht in unserem Rechtsstaat die Pflicht zur Verteidigung, jeder Angeklagte muss einen Anwalt bekommen."

Die Juristin Sturm, die im rheinischen Jülich aufwuchs, gilt als durchsetzungsstarke und versierte Strafverteidigerin, die auch schon in großen Wirtschaftssachen von Siemens, ThyssenKrupp und Vodafone mandatiert war. Auch trat sie in Islamisten-Prozessen und Verfahren der Organisierten Kriminalität auf. Doch München ist anders - und Sturm war gewarnt. "In diesem Fall zu verteidigen - das ist ein Himmelfahrtskommando", prognostizierte ein erfahrener Verteidiger im SPIEGEL: "Die drei werden durch die Hölle gehen."

Doch als Sturm gefragt wurde, warum sie das Zschäpe-Mandat übernommen habe, weshalb sie sich das antue, antwortete sie ganz spontan: "Das ist ein historisches Verfahren, daran mitwirken zu können, ist ungemein spannend."

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