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Zugunglück in Bad Aibling: Ursache war offenbar menschliches Versagen

DPA

Menschliches Versagen war laut Medienberichten der Grund für das schwere Zugunglück in Bayern. Offenbar gerät ein Fahrdienstleiter ins Visier der Ermittler.

Die Ursache für das schwere Zugunglück in Bayern ist nach ersten Ermittlungen "menschliches Versagen". Das berichten die Nachrichtenagentur dpa und die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" ("HAZ") unter Berufung auf "zuverlässige Quellen".

Ein Sprecher der Deutschen Bahn wollte die Meldungen am Dienstagabend gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren und verwies auf die laufenden Ermittlungen der zuständigen Behörden, denen man nicht vorgreife.

Am Dienstagmorgen um 6.48 Uhr waren nahe Bad Aibling zwei Meridian-Züge der Bayerischen Oberlandbahn frontal zusammengestoßen. Mindestens zehn Menschen starben, 18 wurden schwer verletzt, etwa 90 Fahrgäste erlitten leichte Verletzungen. Ein Fahrgast werde noch vermisst, sagte ein Polizeisprecher. Etwa 150 Menschen sollen nach Behördenangaben an Bord der beiden Regionalzüge gewesen sein.

Nach Informationen der "HAZ" könne eine "verhängnisvolle Fehlentscheidung eines Fahrdienstleiters im Stellwerk von Bad Aibling" für den Unfall verantwortlich sein. Das habe die Zeitung aus Ermittlerkreisen erfahren. Demnach habe ein Bahnbediensteter das automatische Signalsystem ausnahmsweise ausgeschaltet, um einen verspäteten Triebwagen durchzuwinken. Da auch der Zug auf der anderen Seite des eingleisigen Bahnabschnitts aus dem Stellwerk das Signal bekommen habe, weiterfahren zu dürfen, sei es schließlich zu der folgenschweren Kollision gekommen, so die "HAZ".

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Zugunglück: Der Unfall bei Bad Aibling
Die beiden Regelzüge hätten sich fahrplanmäßig in Kolbermoor begegnen sollen, wo die eingleisige Strecke für einen kurzen Abschnitt auf zwei Gleise erweitert ist. Eine langgezogene Kurve unweit der Unglückstelle dürfte verhindert haben, dass die Lokführer Sichtkontakt hatten.

Rettungskräfte waren noch Stunden nach dem Unglück im unwegsamen Gelände des Unfallortes im Einsatz. Der Abschnitt auf der Bahnstrecke Rosenheim-Holzkirchen verläuft am Mangfall-Kanal entlang, auf der anderen Seite säumt Mischwald das Gleis. Entsprechend schwierig war es für die Helfer, rasch zur Unfallstelle vorzudringen.

Bei den Rettungs- und Bergungsarbeiten kam deshalb praktisch sämtliches Material zum Einsatz, das die Helfer aufzubieten haben: Mehrere Hubschrauber flogen Verletzte in nahe gelegene Kliniken, teilweise bargen sie die Passagiere wie bei Bergrettungsaktionen per Rettungswinde. Die Wasserwacht setzte Rettungsboote ein, um sich auf dem Kanal der Unfallstelle zu nähern. Insgesamt waren rund 700 Rettungskräfte im Einsatz.

Die 37 Kilometer lange Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim wurde komplett gesperrt. Am Mittwoch soll damit begonnen werden, die Zugwracks mit schwerem Gerät zu entfernen, die Bergung dürfte mehrere Tage dauern.

Parteien sagen politischen Aschermittwoch ab

Es sei davon auszugehen, dass die beiden Züge mit hohem Tempo aufeinandergeprallt seien, sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt bei einer Pressekonferenz in Bad Aibling (lesen Sie hier das Minutenprotokoll der Pressekonferenz). Auf der Strecke sei eine maximale Geschwindigkeit von 100 Kilometern in der Stunde möglich.

Der CSU-Politiker, der zuvor die Unfallstelle aufgesucht hatte und sichtlich bewegt war, sprach von einer "schweren Stunde" in der Geschichte der Bahnfahrt. "Das sind Bilder, die einen natürlich auch sehr stark emotional belasten, weil man sich nicht vorstellen kann, dass solche Unglücke auch bei uns vorkommen können."

Auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerten sich bestürzt über das Unglück. Ihr Mitgefühl gelte besonders den Familien der Menschen, die bei dem Unfall ihr Leben verloren hätten, erklärte Merkel. Die CDU sagte ihre Veranstaltung mit Merkel zum politischen Aschermittwoch aus Respekt vor den Opfern ab, zuvor hatten schon CSU, SPD, Grüne, FDP, Freie Wähler, Linke und AfD den traditionellen politischen Aschermittwoch in Bayern abgesagt. Die rheinland-pfälzische SPD strich eine Veranstaltung mit dem Bundesvorsitzenden Sigmar Gabriel in Mainz.

Im Viertelfinale des DFB-Pokals liefen die Mannschaften am Dienstagabend mit Trauerflor auf. Zudem gab es vor den Partien Bayer Leverkusen gegen Werder Bremen und VfB Stuttgart gegen Borussia Dortmund jeweils eine Schweigeminute.

sun/hen/dpa

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