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Ermordung eines Zuhälters: "Verschnürt und verklebt wie eine Mumie"

Von , Berlin

Zwei Litauer suchen ein besseres Leben, Wohlstand, Sicherheit. Sie finden einen Zuhälter in Deutschland, gehen anschaffen - und fühlen sich erniedrigt. Schließlich bringen sie den Mann um. Das Landgericht Berlin hat die beiden zu hohen Strafen verurteilt. Sie hätten gewusst, was auf sie zukommt.

Tod eines Zuhälters: Gericht verurteilt Callboys Fotos
DPA

Jokubas S. hat das letzte Wort. Er ist von der hölzernen Anklagebank in Saal 817 des Landgerichts Berlin aufgesprungen, hat die Hände ineinander verschlungen und sagt, er bereue und er hoffe auf Gerechtigkeit. Auch Sergejus A. bereut, wie er sagt. Das Urteil, das der Vorsitzende Richter wenige Minuten später verkündet, verstehen die beiden Männer aus Litauen nicht.

Sie sind 19 und 20 Jahre alt, sehen blass und viel jünger aus und sprechen kein Deutsch. Eine Dolmetscherin übersetzt ihnen, dass sie das Gericht wegen heimtückischen Mordes zu siebeneinhalb und acht Jahren Gefängnis verurteilt hat, weil sie Renaldas D., 37, getötet haben. Den Mann, der sie als Sexobjekt an andere Männer verkaufte.

Beide haben gestanden, Renaldas D. umgebracht zu haben. Sie waren in einer "sehr belastenden" Situation, aber die Version vom "Tyrannenmord aus einer ausweglosen Situation heraus" glaubte ihnen die Kammer nicht. Jokubas S. und Sergejus A. seien aus eigenem Antrieb nach Berlin gekommen, um bei Renaldas D. zu arbeiten.

Dieser habe - "vornehm ausgedrückt", wie der Vorsitzende Richter sagt, einen Escort-Service betrieben. Tatsächlich aber handelte es sich bei dem 37-jährigen Litauer um einen geschäftstüchtigen, ausgebufften Zuhälter, der die deutschen Gesetze ebenso gut kannte wie die Wünsche und Sehnsüchte homosexueller Freier. Renaldas D. war bereits in den Neunzigern aus Litauen nach Berlin gekommen, er machte sich schnell einen Namen als zuverlässiger Lieferant junger Männer, die er aus seiner Heimat rekrutierte.

Das Leben von seiner schäbigsten Seite

Jokubas S. und Sergejus A. hätten gewusst, was auf sie zukommt, betonte der Vorsitzende Richter. Bereits mit 14 Jahren habe Jokubas S. den fast 20 Jahre älteren Renaldas D. kennengelernt. Auch Sergejus A. habe Renaldas D. mehrfach in Berlin besucht und ihm als Sex-Partner - "besser gesagt: Sex-Objekt" - zur Verfügung gestanden. Eine Art Ausgleich für Kosten und Logis in der deutschen Hauptstadt. Sergejus A. habe sich als Callboy angeboten, weil das Geld, das er in der Pizzeria in Litauen verdiente, nicht zum Leben reichte.

"Sie wussten, was sie machen würden, und wollten ihr Geld als Strichjungen verdienen", fasste es die Kammer in ihrer Urteilsbegründung zusammen. Renaldas D. habe ihnen keine falschen Versprechungen gemacht, man könne die Situation der Männer nicht etwa mit denen junger Frauen aus Osteuropa vergleichen, die zur Prostitution gezwungen würden.

Doch das Leben als Callboy zeigte sich auch den beiden Litauern von seiner schäbigsten Seite. Sie hausten mit Renaldas D. in dessen Ein-Raum-Wohnung in Berlin-Tempelhof, schliefen mit ihm in einem Bett. Jeden Tag mussten sie ihn sexuell befriedigen und in seinem Auftrag anschaffen gehen. Renaldas D. hortete ihre Pässe, begleitete sie zu den Freiern und holte sie dort wieder ab.

Einer von ihnen war Frank Breuner, 41, der im NDR die Heimatsendung "Land und Leute" moderiert. Vor Gericht schilderte er, wie er über "Gay Romeo" einen Escort gebucht habe - drei Stunden für 300 Euro. Erschienen sei Jokubas S., der ihm auf Englisch erzählt habe, wie erniedrigend das Leben als Strichjunge sei. Dass er Klavier spiele, Lieder komponiere und in New York ein Musikstudium beginnen wolle.

"Der Tod war der einzige Ausweg"

Zwei Tage später, am 2. November vergangenen Jahres, kam Sergejus A. auf die Idee, alle Probleme auf einen Schlag zu lösen: Man müsse den Zuhälter einfach umbringen. Jokubas S. willigte ein. Als Renaldas D. angetrunken auf dem Bett lag, schmiedeten sie den Plan - und setzten ihn prompt um. Sie fesselten den Schlafenden mit einer Schnur und Klebeband.

Als dieser aufwachte, gaukelten sie ihm vor, das Fesseln sei Teil eines Sexspiels. Renaldas D. habe "nicht den Hauch eines Argwohns" verspürt, so die Kammer in ihrer Urteilsbegründung. Im Gegenteil: womöglich hat diese Ausrede den sexuell aktiven 37-Jährigen, den die Staatsanwältin als "unangenehmen Zeitgenossen" beschrieb, eher in Sicherheit gewogen.

"Er wurde verschnürt und verklebt wie eine Mumie", so der Vorsitzende Richter. Zum Teil sei das Klebeband in siebenfacher Lage um Beine und Arme gebunden worden. Dann bekam er eine Decke über den Kopf, ein Kissen aufs Gesicht und Sergejus A. drückte zu. "Er hat - ich muss es jetzt mal so krass sagen - zugedrückt, bis Renaldas D. nicht mehr gezuckt, sich nicht mehr bewegt und keinen Atemzug mehr getan hat", formulierte es der Richter.

Seelenruhig hätten die beiden Männer dann 80 Euro Bargeld, Flachbildschirm, mehrere Computer, Fotokameras und Uhren eingepackt und - so gaben es Zeugen zu Protokoll - schwere Koffer aus der Wohnung gewuchtet. Am Bahnhof kauften sie zwei Fahrkarten für je 60 Euro für den Bus nach Vilnius und fuhren um 22 Uhr in ihre Heimat.

Der Traum ist geplatzt

Wie die quälend lange Fahrt verlaufen sei, welche Gespräche die beiden wohl geführt hätten - "Ich mag es mir nicht vorstellen", stellte der Richter nüchtern fest.

Jokubas S. flog von Litauen aus nach New York und hielt Kontakt zu Breuner, dem NDR-Moderator. Die Polizei stieß im Rahmen der Ermittlungen auf den Fernsehjournalisten, der Jokubas S. schließlich überredete, zurück nach Berlin zu kommen. Breuner zahlte ihm das Flugticket.

Bei der Ankunft am 1. Dezember vergangenen Jahres wurde Jokubas S. festgenommen. "Der Tod war der einzige Ausweg, diesem Tyrannen zu entkommen", beteuerte der 19-Jährige mehrfach. Sein Komplize Sergejus A. wurde aufgrund eines internationalen Haftbefehls in Vilnius festgenommen und ausgeliefert.

Jokubas S. und Sergejus A., geboren und aufgewachsen in Litauen, wollten in Deutschland ihren Traum realisieren. Ihr Leben in der Heimat war trist - auch weil sie sich als Homosexuelle dort am Rande der Gesellschaft fühlten, abgelehnt und ausgegrenzt. Als Jokubas S. seinen Eltern von seiner sexuellen Orientierung berichtete, waren sie entsetzt, verbaten ihm den Umgang mit Nichte und Neffe. Sergejus A. traute sich erst gar nicht, sich zu outen. Er fühlt sich gefangen im falschen Körper.

Erfahrungen, die die Kammer dazu bewog, in ihrem Fall Jugendrecht anzuwenden. Hätte das Gericht nach Erwachsenrecht geurteilt, wären Jokubas S. und Sergejus A. wegen heimtückischen Mordes in Tateinheit mit Unterschlagung zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte achteinhalb Jahre Haft für beide gefordert.

"Sie wurden sklavenartig gehalten, ausgebeutet und unterdrückt", konstatierte Verteidiger Mirko Röder vor Gericht. Er empfindet das Urteil als zu hart. Es hat auch Frank Breuner entsetzt. Er hat sich mit Jokubas S. verlobt, als dieser in der Untersuchungshaft saß. "Das Verfahren wurde schlampig geführt", sagte der 41-Jährige am Montag nach dem Ende der Verhandlung. Er werde seinen Verlobten besuchen, ihm Briefe schreiben - und mit dessen Rechtsanwalt Revision und Verfassungsbeschwerde einlegen. Er habe den Litauer zurück nach Deutschland geholt, damit er sich stellen konnte, sagte Breuner. "Ich bin nun verantwortlich dafür, dass er das lebend übersteht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. optional
soulseeker 20.08.2012
mutet schon sehr merkwürdig an, dass man diese leute erst wieder zurückholt, um sie hier zu verurteilen ... und nach 8 jahren haben wir sie hier an der backe, was, außer wieder kriminell zu werden, haben denn zwei dann 28jährige litauer, die kein deutsch können, denn vor sich?
2.
eduardschulz 20.08.2012
Zitat von sysopDPAZwei Litauer suchen ein besseres Leben, Wohlstand, Sicherheit. Sie finden einen Zuhälter in Deutschland, gehen anschaffen - und fühlen sich erniedrigt, ausgenutzt. Schließlich bringen sie den Mann um. Das Landgericht Berlin hat die beiden zu hohen Strafen verurteilt. Zuhältermord in Berlin: Callboys aus Litauen erhalten hohe Haftstrafen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,851021,00.html)
Man fragt sich schon, welche Strafe dem Verteidiger vorschwebte, wenn er das Urteil als zu hart empfunden hat. Es war ein Mord, der nach Jugendstrafrecht mit bis zu 10 Jahren Haft geahndet werden kann. Das Urteil blieb deutlich darunter. Hatte er gar auf eine Strafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden kann gehofft?
3. Guter Rat....
ohnebenutzername 20.08.2012
ist selten. Herr S. muss sich zu Recht Vorwürfe machen, seinen Verlobten zur Rückreise überredet zu haben. Zum einen -man muss es leider so sagen- werden Delikte im homosexuellen Bereich sowieso nur halbherzig verfolgt (und nach Litauen hat die Amtshilfe sicher keinen heißen Draht); zum anderen ist die Annahme von Rechtfertigungs- oder Entschuldigungsgründen bei diesem Tatbild eher unwahrscheinlich, zeigt es doch, dass kein Angriff des Opfers vorlag und es möglich war zu fliehen, ohne jemanden zu verletzen. Was soll da das Verfassungsgericht dran ändern?
4. "8" Jahre für einen Mord
pauschaltourist 20.08.2012
Zitat von soulseekermutet schon sehr merkwürdig an, dass man diese leute erst wieder zurückholt, um sie hier zu verurteilen ... und nach 8 jahren haben wir sie hier an der backe, was, außer wieder kriminell zu werden, haben denn zwei dann 28jährige litauer, die kein deutsch können, denn vor sich?
Das wird dann das Problem der Litauischen Polizei sein, denn vermutlich werden die beiden nach ungefähr zwei Jahren unter der Auflage, Deutschland schnurstracks zu verlassen, entlassen und des Landes verwiesen.
5. Schengen
Billy Bob Winchester 20.08.2012
pauschaltourist, Litauen ist seit 2007 Teil des Schengeraumes, insofern bringt diese Auflage nichts.
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