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Zwangsprostitution: Die dubiosen Methoden von Mission Freedom

Von Sabrina Andorfer

Der Hamburger Verein Mission Freedom gibt vor, Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel unterstützen zu wollen. Doch Behörden halten sich mit einer Kooperation zurück. Die Helfer sind fundamentalistische Christen, die mit einem offenbar erfundenem Schicksal für sich warben.

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CBN Deutschland/ Club 700 e.V.

Käufliche Liebe: Mission Freedom versprach Hilfe für Zwangsprostitutionsopfer

"Ich war acht, als ich das erste Mal vergewaltigt wurde." Die Frau, die das sagt, nennt sich Lisa, Mitte 20, ihre langen brauen Haare fallen locker über die Schultern. "Heiße Ware" heißt der Film, in dem sie durch St. Pauli läuft, jenen Kiez, auf dem sie zur Prostitution gezwungen wurde. So erzählt sie es zumindest. "Regelmäßig hat mein Vater Freunde von sich in mein Zimmer gelassen. Irgendwann musste ich in seinem Bordell arbeiten."

Begleitet wird Lisa, die im echten Leben anders heißt, von Gaby Wentland, einer blonden, schick gekleideten Dame, 56 Jahre alt. Sie leitet den Hamburger Verein Mission Freedom. Ein Verein, der angibt, gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel zu kämpfen, und mit dem Film über Lisas Schicksal Werbung für sich macht.

Zahlreiche Medien berichteten in der Vergangenheit über Mission Freedom, die Organisation erhielt Anerkennung und vor kurzem auch einen Preis: Im September verkündete der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), sich bei der Wahl zum Bürgerpreis für den Verein entschieden zu haben.

Betreuungsvertrag für Klientinnen

Jörn Blicke, Leiter des Dezernats "Milieu" vom Landeskriminalamt Hamburg, kennt sich gut aus mit Schicksalen wie jenem von Lisa. Und er ist sich sicher: Diese Geschichte ist frei erfunden. "Zum behaupteten Zeitpunkt kannte 'Lisa' ihren Vater noch nicht. Der Vater selbst hatte auch nichts mit dem St. Pauli-Milieu zu tun; er besaß kein Bordell, dementsprechend konnte sie dort auch nicht gearbeitet haben."

Blicke konfrontierte Gaby Wentland mit den Erkenntnissen, doch sie blieb dabei; auf Nachfrage heißt es: "Wir kennen 'Lisa' seit vielen Jahren, sie hat uns diese Geschichte wortwörtlich erzählt."

Nachdem die "tageszeitung" und die Redaktion der NDR-Sendung "Panorama 3" über den dubiosen Hintergrund von Mission Freedom berichtet hatten, veröffentlichte die Organisation auf ihrer Internetseite eine Stellungnahme. Darin steht zur Skepsis an Lisas Geschichte: "Es gab für Mission Freedom keinen Anlass, dieser Frau nicht zu glauben." Der Film wird inzwischen nicht mehr vertrieben.

Gaby Wentland hat Mission Freedom e.V. 2011 gegründet. Mit Streetworkern und einem Frauenhaus, das nicht offiziell anerkannt ist, will die Pastorenfrau Opfern von Zwangsprostitution und Menschenhandel helfen. Der Verein hat nach eigenen Angaben bisher 23 Frauen und zwölf Kindern geholfen.

Der Hamburger Bürgerschaftsabgeordneten Kersten Artus ist die Sache nicht geheuer. Keine seriöse Hilfsorganisation zeige Opfer auf einer DVD und gefährde dadurch ihre Sicherheit. "Wir wissen von zwei betroffenen Frauen, die bei Mission Freedom ihr Handy abgeben mussten und keine weltliche Musik mehr hören durften", so Artus. In seiner Stellungnahme schreibt Mission Freedom, es sei falsch, "dass bei uns nur christliche Musik gehört werden muss".

Das Konzept des Vereins liegt SPIEGEL ONLINE vor, darin heißt es: "Außerdem wird ein Betreuungsvertrag zwischen der Klientin und Mission Freedom abgeschlossen, in dem gegenseitige Erwartungen und Verpflichtungen geklärt werden." So ein Vertrag ist bei seriösen Organisationen völlig unüblich.

Auf die Frage, um welche genauen Erwartungen und Verpflichtungen es sich handelt, gibt es keine konkrete Antwort. Wentland sagt lediglich: "Ziele werden nicht unterschrieben."

In Interviews und auf der Homepage ihres Vereins spricht Gaby Wentland auch immer wieder von den Kindern der Zwangsprostituierten, die sie im Mission Freedom Home aufnehme. Ein für die Betreuung Minderjähriger notwendiger Antrag wurde bei den zuständigen Behörden aber nie gestellt.

Die Abgeordnete Artus und ihre Parteikollegin bei der Linken, Cansu Özdemir, hakten im Oktober mit einer Kleinen Anfrage beim Senat nach. Die Antwort: Zwischen den zuständigen Behörden in Hamburg und Mission Freedom gebe es keine offizielle Zusammenarbeit. Vor allem die spezifisch religiöse Ausrichtung im Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs werde kritisch gesehen.

Verband hält an Preisträger fest

Das ist nachvollziehbar. Gaby Wentland sagt, die Folgen von sexuellem Missbrauch seien heilbar. Und zwar indem für die Betroffenen gebetet werde. Eine bizarre Sicht auf die Welt.

Dass Religion bei Mission Freedom eine wichtige Rolle spielt, zeigen auch die Verbindungen zu der evangelikalen Freien Gemeinde Neugraben am Rande Hamburgs. Diese wird von Gaby Wentland und ihrem Mann Winfried geleitet und im Internet offen als Missionszentrum bezeichnet. Mission Freedom und die Neugrabener Gemeinde haben zudem dieselbe Anschrift.

Außer der Leitung der Freien Gemeinde Neugraben und ihres Vereins Mission Freedom ist Gaby Wentland auch im Leitungsteam der Evangelischen Allianz in Hamburg aktiv. "Das ist ein Netzwerk vieler christlicher Gemeinden, die den biblischen Wortlaut eher streng - manchmal auch fundamentalistisch oder biblizistisch - auslegen", so Pastor Jörg Pegelow, Weltanschauungsbeauftragter der Nordkirche. Bei den Mitgliedern gelte beispielsweise Homosexualität als Sünde.

Der BDZV wird seinen Bürgerpreis am 20. Februar in Berlin überreichen. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte der Verband, dass es keine Anhaltspunkte gebe, die dafür sprächen, Wentland den Preis wieder zu entziehen.

Mission Freedom hat schon eine Idee, wie das Preisgeld von 20.000 Euro investiert werden soll: Der Verein will über die Machenschaften von Loverboys aufklären, auch mit einem neuen Film.

*Name von der Redaktion geändert

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