Rotlicht-Prozess "Gesandter, darf ich dir meine Hingabe erweisen?"

In Düsseldorf beginnt ein Prozess gegen zwei Männer, die Frauen mit einem pseudo-religiösen Kult in die Prostitution geschickt haben sollen. Ein Opfer verdiente laut Anklage 430.000 Euro - für den Guru.

Von , Düsseldorf


Wenn sie Mohamed A. sah, sagte Milena*, was sie sagen sollte: "Gesandter, darf ich dir meine Hingabe erweisen? Gesandter, mein Körper ist dir. Danke, was du aus mir gemacht hast. Ich liebe dich."

Da war Milena schon zur Hure geworden. Nachdem Männer, von denen sie einen zu lieben glaubte, sie hoch verschuldet hatten. Milena schaffte in Saunaklubs in Düsseldorf und Erkrath an, von elf Uhr vormittags bis fünf Uhr morgens, fast jeden Tag. Wenn sie nicht 15 Minuten nach ihrem letzten Freier einen neuen aufgegabelt hatte, gab es Ärger. Wenn sie eine Stunde lang keinen Freier hatte, wurde sie bestraft, geschlagen, gedemütigt. Manchmal war Milena so müde, dass sie beim Sex einschlief. Ihre Einnahmen - mehr als 430.000 Euro in zweieinhalb Jahren - bekam ihr Guru, Mohamed A.

So jedenfalls sieht die Staatsanwaltschaft Düsseldorf die Vorgänge um A., 30, und seinen mutmaßlichen Handlanger Dennis B., 26. Das Duo ließ sich von mindestens zwei jungen Frauen als "Die Heiligen Zwei" verehren. Milena tätowierte sich eine Abkürzung des Slogans sogar auf ihren Hals. Die Behörde hat inzwischen Anklage gegen A. und B. erhoben, sie wirft ihnen schweren Menschenhandel, Geiselnahme, Vergewaltigung, besonders schweren Betrug und gefährliche Körperverletzung vor.

Erpressen, drohen, manipulieren

Der Algerier A. - in Deutschland nur geduldet, aber bereits zehnfach vorbestraft - soll insgesamt mehr als 730.000 Euro erbeutet haben, indem er Frauen verschuldete und sie auf den Strich schickte. Am Dienstagmittag beginnt vor dem Landgericht Düsseldorf der Prozess gegen den Schein-Heiligen und seinen Kompagnon Dennis B. Die Verteidigung der Angeklagten ließ eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu den Vorwürfen bislang unbeantwortet.

Das Verfahren wird wohl einmal mehr die Mechanismen offenbaren, die dem vermeintlich ältesten Gewerbe der Welt zugrunde liegen: Es sind zumeist Männer, die Frauen in Lebenslagen bringen, in denen sie sich prostituieren. Ob sie dazu pseudo-religiöse Kulte ersinnen, Liebesverhältnisse vorgaukeln, erpressen, drohen, schmeicheln, manipulieren, missbrauchen, verletzen - die Methoden sind so zahlreich wie niederträchtig und abstoßend.

Doch strafbar sind in einem Land, das Prostitution nicht nur erlaubt, sondern sogar als Beruf anerkennt, eben nicht alle Methoden. Daher wird es auch Aufgabe des Gerichts sein zu unterscheiden, wie sehr Milena und ihre Kollegin Silvia* sich einließen auf das, was ihnen geschah. Die Kammer muss herausarbeiten, wo die Frauen Zwang erlitten und welche Entscheidungen sie aus freien Stücken trafen. Das dürfte nicht einfach werden.

Geschlechtsverkehr auf dem Friedhof

Der Kölner Strafverteidiger Ulrich Sommer, der Mohamed A. zunächst vertreten hatte, schrieb in einer ersten Haftbeschwerde an das Gericht, der vermeintlich ausgeübte Zwang sei eine Konstruktion der Polizei. Sommer verglich darin den Kult von Guru A. mit der "Osho-"Bewegung, deren Gründer ebenfalls erheblich finanziell profitiert habe. Es sei jedoch nicht bekannt, "dass in irgendeiner Form einer der Organisatoren dieser Veranstaltung strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden wäre".

Auch im Fall A. "gab es nichts, was die These stützen könnte, dass Gespräche mit religiösem Bezug bei den betroffenen Damen in irgendeiner Form eine psychische Konstellation hätten auslösen können, die einem illegalen Zwang gleichgekommen wäre", so Sommer.

Die Staatsanwaltschaft ist anderer Auffassung. Demnach dienten die obskuren Rituale, die A. und sein Helfer Dennis B. inszenierten, vorrangig dazu, die Opfer noch gefügiger, abhängiger und arbeitsamer zu machen. So führten die Männer laut Anklage Exorzismen mit Milena durch, bei denen sie sexuelle Handlungen an ihr vornahmen und ihr zugleich weismachten, den Teufel auszutreiben. Sie hatten laut Anklage auch Geschlechtsverkehr auf einem Friedhof mit ihr.

Mitunter entwickelte das Theater der Unheiligen absurdeste Züge. Eines Abends holte Dennis B. den Ermittlern zufolge seine Freundin Milena aus dem Saunaklub in Düsseldorf-Reisholz, er täuschte auf offener Straße einen Anfall vor, warf sich auf den Boden, schrie, er spüre den Zorn des Guru. Milena musste ihm Erde auf die Stirn streichen, um ihn zu beschützen. Anschließend eilte sie zurück ins Bordell - um die ausgefallene Zeit nachzuholen.

"Körper ohne Seele"

Immer wieder sollen die Männer die Frauen auch körperlich drangsaliert, geschlagen und sogar vergewaltigt haben. Mohamed A., ein Freizeit-Bodybuilder, drohte Silvia laut Anklage, dass er ihr "die Fresse einschlagen" werde, wenn sie nicht mit ihm schlafe. Den Beamten erzählte Silvia später, sie - die Gedemütigte und Missbrauchte - habe sich irgendwann als "Körper ohne Seele" wahrgenommen, die von allen nur benutzt würde.

Mohamed A. hingegen lebte privat ein anscheinend biederes Leben in einem netten Kölner Vorort. Er hatte ein Einfamilienhaus, eine deutsche Lebensgefährtin, ein gemeinsames Kind mit ihr. Und auch finanziell ging es ihm gut. Die Ermittler beschlagnahmten später bei ihm 122.000 Euro Bargeld, goldene Ketten, Armreifen, Münzen, Medaillons und Ringe. Dazu acht Luxusuhren von Breitling, Rolex und Maurice Lacroix. Ein legales Einkommen konnten die Beamten indes nicht feststellen - richtige Arbeit wäre vielleicht auch zu profan für einen Religionsstifter gewesen.

Der Prozess soll bis Ende September dauern.

* Namen geändert



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.