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Zwickauer Terrorzelle: Polizei vernahm Beate Zschäpe bereits 2007

Die Fahnder waren den mutmaßlichen Rechtsterroristen dicht auf den Fersen: Nach Informationen des SPIEGEL wurde Beate Zschäpe bereits 2007 von der Polizei vernommen. Sie verwickelte sich in Widersprüche, fälschte Unterschrift und Geburtsdatum - trotzdem ließen die Beamten sie laufen.

Beate Zschäpe: Spuren einer mutmaßlichen Terroristin Fotos
Antifa

Hamburg - Drei Monate bevor im April 2007 in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter getötet und ihr Kollege schwer verletzt wurde, hätte die Terrorzelle des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) womöglich auffliegen können. Sächsische Polizisten stießen im Januar 2007 nach Informationen des SPIEGEL zufällig auf das Versteck von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die zu diesem Zeitpunkt bereits neun Morde verübt haben sollen.

Doch die Beamten in Zwickau ahnten nicht, wen sie vor sich hatten, als sie an der Wohnungstür des Trios klingelten. In dem Appartement über der konspirativen Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße war es zu einem mutwillig verursachten Wasserschaden gekommen. In der ebenfalls beschädigten Erdgeschosswohnung, so erzählten es damals Hausbewohner der Polizei, wohne eine "Lisa D." - gemeinsam mit zwei Männern.

Eine Person mit diesem Namen war unter der Adresse allerdings nicht gemeldet. Als Polizisten an der Wohnungstür klingelten, öffnete eine Frau, die zur Beschreibung der Nachbarn passte. Den Polizisten sagte sie jedoch, sie sei nicht "Lisa D." Lediglich ihr Spitzname sei "Lise", in Wahrheit heiße sie "Susann E." und versorge hier nur die Katzen eines Bekannten. Die Polizei wollte sich den Wasserschaden ansehen, aber die Frau ließ sie nicht rein.

Widersprüche und falsche Angaben zur Person

Um den 10. Januar 2007 herum bestellten die Fahnder sie deshalb in die Polizeidirektion Südwestsachsen in Zwickau zur Vernehmung. Die Zeugin kam tatsächlich und ließ sich knapp 20 Minuten lang befragen. Dabei verstrickte sie sich in Widersprüche. Mehrfach sprach die Frau etwa von "unserer Wohnung", obwohl sie zuvor erklärt hatte, gar nicht dort zu wohnen. Doch die Beamten wurden nicht misstrauisch.

Die Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass die Zeugin in Wahrheit Beate Zschäpe war, die in der Wohnung mit ihren Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos lebte. Im Untergrund benutzte Zschäpe sowohl den Alias-Namen "Lisa D." als auch "Susann E.".

Die Unterschrift auf dem Vernehmungsprotokoll weicht zudem erheblich von der Signatur der real existierenden Susann E. ab, genau wie das angegebene Geburtsdatum. Auch die Telefonnummer, welche die Zeugin bei der Polizei nannte, konnte jetzt einem Handy zugeordnet werden, das damals von Beate Zschäpe genutzt wurde.

Im Januar 2007 waren die Vorwürfe gegen die untergetauchte Rechtsextremistin bereits verjährt, jahrelang war sie allerdings wegen Bombenbaus mit Fahndungsplakaten gesucht worden.

Die Polizistin Michèle Kiesewetter wurde neben ihrem Streifenwagen erschossen - mutmaßlich von NSU-Terroristen.

Der Vorsitzende des Bundestags-Untersuchungsausschusses zu den Taten der NSU, Sebastian Edathy, fordert schon jetzt ein NPD-Verbot. "Ich halte ein Verbotsverfahren schon jetzt eindeutig für gerechtfertigt", sagte Edathy der "Welt". Ein Verbot würde einen "zentralen Strukturpfeiler" des Rechtsextremismus dauerhaft zerschlagen, das Parteienprivileg und die Parteienfinanzierung fielen weg.

"Damit hätte der Rechtsstaat mindestens erreicht, dass er seine Feinde nicht länger finanziert. Die Vorteile überwögen den Nachteil, dass ein harter Kern in den Untergrund ginge", so Edathy. Allerdings könne ein Verbotsverfahren nur unter der Voraussetzung eingeleitet werden, dass die Bedingung des Bundesverfassungsgerichts für ein erfolgreiches Verfahren erfüllt werde, auf V-Leute des Verfassungsschutzes in der Führungsebene der Partei zu verzichten. "Die Bereitschaft dazu sehe ich zum Beispiel in Bayern, Hessen und Niedersachsen nicht", sagte Edathy.

jjc

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1. ...
Loewe_78 28.01.2012
Zitat von sysopDie Fahnder waren den mutmaßlichen Rechtsterroristen dicht auf den Fersen: Nach Informationen des SPIEGEL wurde Beate Zschäpe bereits 2007 von der Polizei vernommen. Sie verwickelte sich in Widersprüche, fälschte Unterschrift und Geburtsdatum - trotzdem ließen sie die Beamten laufen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,811935,00.html
Das mit dem Geburtsdatum hätte auffallen können - Unterschriften wechseln öfter mal ihr Aussehen. Ferner sind viele Menschen bei der Polizei etwas nervös - da ist seltsames Verhalten nicht ungewöhnlich. Hinzu kommt, dass gegen Lisa alias Susan alias Beate Z. nichts vorlag - die Vorladung auf's Revier war rechtlich ein Schuss in's Blaue. Da sie ihr folgte, werden die Beamten die Sache tiefer gehängt haben. Allerdings könnte diese Befragung zwei Dinge erklären: 1) den Wechsel des "Feindes" (vom "Ausländer" zum "Bullen"): Man wähnte sich bedroht / angegriffen 2) die "Sendepause" im Anschluss an den Mord an Frau Kiesewetter: Man bekam Muffensausen und dachte, es sei besser, erst mal die Füße still zu halten. Schließlich klingelten die Cops schon an der Tür. Das kann nervös machen, wenn man Dreck am Stecken hat.
2. xxx
Dumpfmuff3000 28.01.2012
Zitat von Loewe_78Das mit dem Geburtsdatum hätte auffallen können - Unterschriften wechseln öfter mal ihr Aussehen. Ferner sind viele Menschen bei der Polizei etwas nervös - da ist seltsames Verhalten nicht ungewöhnlich. Hinzu kommt, dass gegen Lisa alias Susan alias Beate Z. nichts vorlag - die Vorladung auf's Revier war rechtlich ein Schuss in's Blaue. Da sie ihr folgte, werden die Beamten die Sache tiefer gehängt haben. Allerdings könnte diese Befragung zwei Dinge erklären: 1) den Wechsel des "Feindes" (vom "Ausländer" zum "Bullen"): Man wähnte sich bedroht / angegriffen 2) die "Sendepause" im Anschluss an den Mord an Frau Kiesewetter: Man bekam Muffensausen und dachte, es sei besser, erst mal die Füße still zu halten. Schließlich klingelten die Cops schon an der Tür. Das kann nervös machen, wenn man Dreck am Stecken hat.
Jaaa. Hundert plausible Erklärungen, warum trotz permanentem Behördenkontakt die drei 10 Jahre unbehelligt trieben konnten, was sie wollten. Ich hab auch noch ne pplausible Erklärung, ist natürlichrein spekulativ, also total VT, aber irgendwie doch plausibler als an eine Kette aus 800 Zufällen, Pannen, Mißgeschicken und Versehen zu glauben: Die Polizei hat die Zschäpe nach der Vernehmung laufenlassen weil man der Polizei zu verstehen gegeben hat daß sie die Zschäpe besser mal laufen lassen soll. Geburtsdatum, plus Unterschift, plus eine Handynummer, plus zwei Decknamen, die der den Behörden bekannten Zschäpe zu dem Zeitpunkt schon eindeutig zuzuordnen waren? Die Beamten müssen doch gemerkt haben, daß die Frau sich als jemand ausgibt, der sie nicht ist. Man bringt hunderte Kilometer vom Wohnort irgendeine Polizistin um ,weil man sich Monate nach einer Vernehmung wegen auffälligen Verhaltens bei einem Wasserschaden von Polizisten diffus bedroht fühlt? mal die Reihenfolge der Ereignisse beachten: Januar 2007: Zschäpe wird vorgeladen April 2007: Kiesewetter wird bei Heilbronn ermordet Ab da: Man hält die Füsse still wegen der Vorladung? Also man fühlt sich nach der Vorladung bedroht, deshalb bringt man irgenwo noch schnell irgendeine Polizistin um (die zufällig aus dem selben kleinen Örtchen kommt wie einer der Täter) und ab da hält man dann still, um kein Aufsehen zu erregen? Aber vorher noch kurz spektakulär eine Polizistin abknallen? Ist ja fast genauso hanebüchen wie die Erklärung des BKA, man habe Kiesewetter umgebracht, um an ihre Dienstwaffe zu gelangen.
3. .
TS_Alien 28.01.2012
Unabhängig von diesem Fall, der die Polizei nicht gerade gut dastehen lässt, muss man nicht wenigen Polizisten eine fehlende Spürnase attestieren. Wer sich als Zeuge in Widersprüche verwickelt, muss näher in Augenschein genommen werden. Wie wäre es, wenn man die Papiere genauer untersucht? Oder die Nachbarn noch einmal befragt, ob das wirklich ein Spitzname ist??? Aber vermutlich geht es manchen Polizisten nur darum, irgendwelche Verfahren abzuarbeiten. Nach dem Motto: Zeuge soll vernommen werden, Zeuge ist vernommen worden, es geht etwas zu den Akten. Fall erledigt. Wenn ich Polizist wäre, würde ich mich nicht anlügen lassen, ohne dass das Folgen für den Lügner hätte. Das ist vielleicht mit etwas Aufwand verbunden. Aber es nutzt dem Rechtsstaat und allen ehrlichen Bürgern.
4. Unverständnis!
ronald1952 28.01.2012
Zitat von sysopDie Fahnder waren den mutmaßlichen Rechtsterroristen dicht auf den Fersen: Nach Informationen des SPIEGEL wurde Beate Zschäpe bereits 2007 von der Polizei vernommen. Sie verwickelte sich in Widersprüche, fälschte Unterschrift und Geburtsdatum - trotzdem ließen sie die Beamten laufen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,811935,00.html
für mich ist nicht Nachfollziehbar, warum so auf unserer Polizei herumgehackt wird.Wie jeder Staatsbürger, so hat auch die Polizei sich an unser Gesetz zu halten. Und das ist auch gut so, oder möchten einige Herrschaften solche Zustände wie im nahen Ausland, wo keine Sau darauf achtet was die Polizei so alles anstellt? Unsere Polizei hat für mich den schlimmsten Job den man sich vorstellen kann.Wenig Geld und oft angefeindet für nichts.Immer an der Front und immer zwischen 2 Stühlen sitzend. Dabei sind es auch nur Menschen die auch ab und zu einen Fehler machen.Und wer mir sagt er hat noch keine Fehler gemacht, Lügt oder ist Strohdumm.Außerdem sollte man viel mehr das Augenmerk auf unsere bekloppten Superspione und V-Männer vom Verfassungsschutz richten. Wenn diese Damen und Herren unserer Polizei nicht mitteilen was im Busch ist, woher sollte denn die Polizei das wissen.Diese Leute haben schon genug zu tun. Und es passiert wohl auch des öffteren, daß es ist wie bei uns Normalbürgern, man erfährt es aus der Zeitung.Man sollte unserer Polizei doch etwas mehr Gerechtigkeit walten lassen. schönen Tag noch,
5.
sophistocat 28.01.2012
Zitat von sysopDie Fahnder waren den mutmaßlichen Rechtsterroristen dicht auf den Fersen: Nach Informationen des SPIEGEL wurde Beate Zschäpe bereits 2007 von der Polizei vernommen. Sie verwickelte sich in Widersprüche, fälschte Unterschrift und Geburtsdatum - trotzdem ließen sie die Beamten laufen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,811935,00.html
Die Polizei war dem Trio "dicht auf den Fersen"? Das ist ja wohl so nicht ganz richtig. Die Polizei hatte durch einen Zufall (Wasserschaden in der Wohnung darüber) Beate Zschäpe entdeckt, ohne zu wissen wen sie da vor sich hatte. Und hat bei der Gelegenheit Ungereimtheiten fest gestellt, denen sie allerdings nicht nachgegangen ist. Das war wohl ein Fehler, keine Frage. Der wahre Knackpunkt ist aber doch, daß niemand - übrigens auch die kritische Presse nicht! - hinter der Mordserie an 9 Kleingewerbetreibenden mit ausländischen Wurzeln irgendwelche rechtsradikalen Umtriebe auch nur in Erwägung gezogen hat.
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