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Zwickauer Terrorzelle: Zwischen Urlaub und Untergrund

Von , Karlsruhe

Sie machten Ferien auf dem Campingplatz, Erinnerungsfotos und Urlaubsvideo inklusive, unterlegt mit der Melodie von Paulchen Panther: Das Zwickauer Terrortrio lebte ein fast normales Leben, während es seine Morde plante. Der BKA-Chef erwartet jetzt neue Hinweise auf Verbindungen zur NPD.

Auf den beiden Tischen in der Ecke liegen die Mordwerkzeuge auf gemangelten Leinendecken, fast sehen sie aus wie harmlose Exponate einer Kunstausstellung. Zu sehen sind unter anderem die angesengte Dienstpistole der ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter, die Ceska 83 samt Schalldämpfer, mit der neun Männer erschossen wurden und die Pumpgun Winchester 1300 Defender, mit der sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt selbst töteten.

Es ist ein Kabinett der Gewalt, das so unpassend nüchtern erscheint und doch von der vielleicht schrecklichsten Mordserie kündet, die es in den vergangenen Jahren in Deutschland gegeben hat. "Mit nicht gekannter Brutalität, Kaltblütigkeit und Fremdenhass" hätten die Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) gemordet, sagt der Generalbundesanwalt Harald Range am Donnerstagmittag.

Zehn Menschen starben, Dutzende wurden verletzt, und die, die dieses Leid wohl verbreitet haben, lächeln gut gebräunt von einem Plakat an der Wand. Die Ermittler setzen bei der Suche nach Hinweisen auf die Bevölkerung, deswegen der öffentliche Fahndungsaufruf.

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Fahndungsplakate zu Terrorzelle: Ermittler hoffen auf neue Hinweise
Die Bilder stammten von einer Ferienbekanntschaft des Trios, so der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke. Die abgetauchten Extremisten hätten phasenweise immer wieder "normal am Leben teilgenommen". Sie urlaubten auf einem Campingplatz an der Ostsee und machten fleißig Fotos. Die Aufnahmen seien später sogar zu einer Art Erinnerungsvideo verarbeitet und mit derselben Paulchen-Panther-Melodie unterlegt worden wie das menschenverachtende Bekennervideo der Zelle, sagt Ziercke.

"Wir werden noch weitere Bezüge entdecken"

Auch gebe es Gerüchte, die mutmaßlichen Verschwörer seien einige Zeit lang berufstätig gewesen, so der Chef des BKA. In einem rechtsradikalen Forum kursiert die Behauptung, Zschäpe habe in einem Kaufhaus gearbeitet und Böhnhardt als Kurierfahrer. Ein Informant des baden-württembergischen Landeskriminalamts war über diese Information gestolpert und hatte die Ermittler davon in Kenntnis gesetzt. Dem werde nun ebenfalls nachgegangen, sagt Ziercke.

Vorwiegend sollen die Extremisten ihr Leben im Untergrund jedoch mit Banküberfällen finanziert haben. 14 entsprechende Taten schreiben ihnen die Beamten inzwischen zu, die geraubte Gesamtsumme soll bei etwa 600.000 Euro liegen. Das BKA habe bislang aber keine Erkenntnisse, dass Zschäpe als V-Frau des thüringischen Verfassungsschutzes gearbeitet habe, sagt Ziercke, der sich in dieser Frage auffallend bedeckt hält: "Ich kann nicht sagen, ob es eine Verbindung gab."

Wesentlich deutlicher wird Deutschlands oberster Kriminalist, als die Rede auf mögliche Verflechtungen zwischen der Zwickauer Zelle und der NPD kommt. "Wir werden noch weitere Bezüge entdecken", prophezeit er. Die Schlussfolgerungen daraus müsse jedoch die Politik ziehen, fügt Ziercke im Hinblick auf die Debatte über ein mögliches Verbotsverfahren hinzu.

Am Dienstag war mit Ralf Wohlleben ein weiterer mutmaßlicher Helfer der NSU in Untersuchungshaft genommen worden. Der frühere NPD-Funktionär wird verdächtigt, den Rechtsterroristen 2001 oder 2002 eine Schusswaffe vermittelt zu haben. Die Generalbundesanwaltschaft wertet das bislang als mögliche Beihilfe zu fünf Morden und einem Mordversuch.

Keine Ermittlungen gegen die Familie Michèle Kiesewetters

Grundsätzlich gehen die Ermittler inzwischen davon aus, dass die Terrorbande sehr planvoll vorgegangen ist. Unter den 2500 im Schutt der ausgebrannten Wohnung sichergestellten Asservaten seien Dokumente, die zeigten, wie genau das Trio seine Verbrechen "ausbaldowert" habe, so Generalbundsanwalt Range. Die Opfer seien nicht zufällig ausgewählt worden. Jedoch sei die Frage bislang ungeklärt, was genau jeden einzelnen in den Fokus der Mörder gerückt habe.

Das gelte insbesondere für den Anschlag auf die beiden Streifenbeamten in Heilbronn. "Wieso geriet ausgerechnet diese junge Polizistin ins Visier der Täter?", fragt BKA-Chef Ziercke. Wer habe überhaupt wissen können, dass Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 in Heilbronn sein würde? Die Polizeimeisterin, die einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit der Bereitschaftspolizei Böblingen angehörte, war seinerzeit kurzfristig zum Streifendienst in der Innenstadt angetreten.

Es sei auffällig, dass es in der persönlichen Biografie der Beamtin Berührungspunkte zu der mutmaßlichen Tätergruppierung gebe, so Ziercke. So sei etwa eine Gastwirtschaft im Heimatort Kiesewetters zeitweilig an den Schwager des inzwischen verhafteten Ralf Wohlleben verpachtet worden. "Wir ermitteln nicht gegen die Familie des Opfers", betont der BKA-Chef. Jedoch müsse diesen Spuren nachgegangen werden. Offenbar nehmen die Fahnder derzeit nicht an, dass die mit einem Kopfschuss getötete Beamtin ein Zufallsopfer war.

Die Beamten der Besonderen Aufbauorganisation "Trio" im BKA haben inzwischen festgestellt, dass die Terroristen zwischen 2000 und 2011 mindestens 56 Fahrzeuge angemietet hatten. Oftmals könne man dabei "klare Übereinstimmungen" mit den Verbrechen der Gruppe feststellen, sagt Ziercke. 53 Wagen seien mit den Personalien von Holger G. und André E. sowie eines Dritten geliehen worden. Zu letzterem, der sich noch auf freiem Fuß befinden soll, mochte der BKA-Chef keine weiteren Angaben machen.

Auf einem der beiden Tische rechts in der Ecke des Siegfried-Buback-Saals im vierten Stock der Karlsruher Generalbundesanwaltschaft liegt am Mittag eine Waffe, die zusätzlich bei zwei der sogenannten Ceska-Morde eingesetzt wurde. Es ist eine Bruni-Pistole, Modell 315 Auto, und sie ist so klein, dass ein durchschnittlich großer Mann sie nur schwerlich bedienen könnte. Gegen Beate Zschäpe, die noch immer schweigt, wird derzeit wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und besonders schwerer Brandstiftung ermittelt.

Vielleicht aber bleibt es nicht dabei.

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frank4979 01.12.2011
Zitat von sysopSie machten Ferien auf dem Campingplatz,*Erinnerungsfotos und Urlaubsvideo inklusive - unterlegt mit*der Melodie von Paulchen Panther: Die Mitglieder der*Zwickauer Terrorzelle*lebten mitunter ein fast normales Leben. Jetzt suchen die Ermittler Menschen, die ihnen im Laufe der Jahre begegnet sind. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,801123,00.html
Ist schon "enorm" was in den letzten Wochen so "unerwartet und ploetzlich" ans Licht kommt. Wirkt wie eine Explosion nach all den Jahren der ueblichen Nachforschungen. Es faellt einem wirklich nichts mehr zu den sogenannten "Ermittlungsbehoerden" ein.
2. Zufälle
michael2273 01.12.2011
Kann es bloß ein Zufall gewesen sein, dass sich ein Mitarbeiter des Verfassungsschutz bei einem der Nazi-Morde am Tatort aufhielt? Natürlich kann es sein. Aber selbstverständlich mussten die deutschen Ermittler diesen Umstand überprüfen (und werden der Spur an Hand der neuen Fakten auch weiter nachgehen).
3. xxxx
Dramidoc 01.12.2011
Zitat von sysopSie machten Ferien auf dem Campingplatz,*Erinnerungsfotos und Urlaubsvideo inklusive - unterlegt mit*der Melodie von Paulchen Panther: Die Mitglieder der*Zwickauer Terrorzelle*lebten mitunter ein fast normales Leben. Jetzt suchen die Ermittler Menschen, die ihnen im Laufe der Jahre begegnet sind. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,801123,00.html
Wie ist soetwas möglich? Ich vermute, das hier ein quid pro quo gegeben hat zwischen den Ermittlungsbehörden und dem NSU. Anders kann ich mir das nicht mehr erklären. Möglicherweise führten sie auch Aufträge für die Dienste aus, mit der Gegenleistung nicht gegen sie zu ermitteln.
4. Man verkauft uns für dumm
hausmeister hempel 01.12.2011
Zitat von sysopSie machten Ferien auf dem Campingplatz,*Erinnerungsfotos und Urlaubsvideo inklusive - unterlegt mit*der Melodie von Paulchen Panther: Die Mitglieder der*Zwickauer Terrorzelle*lebten mitunter ein fast normales Leben. Jetzt suchen die Ermittler Menschen, die ihnen im Laufe der Jahre begegnet sind. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,801123,00.html
...man sollte die Führungsoffiziere der Stasi (äh, sorry, die Beamten des Verfassungsschutzes!) befragen ..... die sollten genau Bescheid wissen. Genauso wie US-amerikanische Dienste (siehe Meldung über Polizistenmord in Heilbronn).
5. Wer ermittelt gegen die Vertuscher?
Brand-Redner 01.12.2011
Zitat von frank4979Ist schon "enorm" was in den letzten Wochen so "unerwartet und ploetzlich" ans Licht kommt. Wirkt wie eine Explosion nach all den Jahren der ueblichen Nachforschungen. Es faellt einem wirklich nichts mehr zu den sogenannten "Ermittlungsbehoerden" ein.
Noch toller: Vergegenwärtigen Sie sich mal spaßeshalber, _wieso_ wir (die Öffentlichkeit) eigentlich überhaupt etwas erfahren haben: Offensichtlich, weil die Mordgesellen bei ihrem letzten Beschaffungs-Feldzug unerwartet die Nerven verloren und der Polizei ihre eigenen Leichen nebst allerlei Beweismaterials überlassen hatten. Dies hatten die Schlapphüte ganz sicherlich _nicht_ einkalkuliert. Wäre es nach denen gegangen, wüssten wir heute noch nichts über den Hintergrund aller dieser Morde. Falls es überhaupt die letzten geblieben wären...
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