Zwickauer Zelle: BKA durchsucht Wohnungen in drei Bundesländern

Razzien in drei Bundesländern: Im Zusammenhang mit den Ermittlungen zur Zwickauer Zelle lässt die Bundesanwaltschaft mehrere Wohnungen durchsuchen. Dabei geht es um eine mögliche Unterstützerin und die Waffen der terroristischen Vereinigung.

Abrissarbeiten an dem Haus des Zwickauer Terror-Trios: BKA verfolgt Spur der Waffen Zur Großansicht
dapd

Abrissarbeiten an dem Haus des Zwickauer Terror-Trios: BKA verfolgt Spur der Waffen

Hamburg - In Hessen, Thüringen und Sachsen werden im Zuge der Ermittlungen zu der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) mehrere Wohnungen und weitere Objekte durchsucht. Die Bundesanwaltschaft ließ die Razzien seit dem frühen Morgen von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) vollziehen. Ziel der Maßnahmen in Hessen und Thüringen ist, die Herkunft der Waffen des NSU weiter aufzuklären, wie die Bundesanwaltschaft auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mitteilte. Die Personen, bei denen durchsucht wurde, seien allerdings keine Beschuldigten in dem Verfahren.

Die Razzia in Sachsen hingegen fand laut Bundesanwaltschaft in der Wohnung einer Person statt, die seit längerem als mögliche Unterstützerin des NSU beschuldigt wird. Es habe in keinem der Fälle eine Festnahme gegeben.

Dem NSU werden zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge vorgeworfen. Insgesamt wurden bei der Zwickauer Zelle 20 Waffen gefunden, davon allein zwölf in ihrem letzten Versteck in der Zwickauer Frühlingsstraße. Außerdem stießen die Fahnder dort auf mehrere Munitionsdepots mit insgesamt 1424 scharfen Patronen. Die Ermittler versuchen weiterhin zu klären, wie genau die Täter an das Arsenal gekommen sind.

Nach SPIEGEL-Informationen verfolgen die Fahnder mit den Durchsuchungen in Hessen und Thüringen auch die Spur der Ceska 83, der Tatwaffe der sogenannten Ceska-Mordserie, der neun zumeist türkischstämmige Männer zum Opfer fielen.

Unterdessen hat der Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Mordserie der Neonazi-Zelle mit der Zeugenvernehmung begonnen. Drei Beamte der bayerischen Sonderkommission "Bosporus" und ein Vertreter der Staatsanwaltschaft Nürnberg/Fürth sollen im Laufe des Tages über ihre Ermittlungen zum Mord an fünf Männern türkischer oder griechischer Herkunft in Bayern aussagen. Dabei soll geklärt werden, wieso ein möglicher rechtsextremistischer Hintergrund nicht ausreichend untersucht wurde.

Deutsche Fallanalytiker und Spezialisten der US-Bundespolizei FBI hatten die deutschen Behörden bereits 2007 auf einen möglichen ausländerfeindlichen Hintergrund der Mordserie hingewiesen.

siu/dpa

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Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.