Zwickauer Zelle Neonazis wählten Opfer nach Alter aus

Die Zwickauer Neonazi-Terroristen haben ihre Opfer nach SPIEGEL-Informationen anhand bestimmter Kriterien ausgesucht. Beweismaterial zeigt, dass sich die Täter auf "unarische" Männer im zeugungsfähigen Alter konzentrierten. Womöglich planten sie die Mordserie nach dem Vorbild amerikanischer Rassisten.

Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe (v.l.): "Gut, aber alt"
DPA/ BKA

Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe (v.l.): "Gut, aber alt"


Hamburg - Schritt für Schritt arbeiten sich die Ermittler durch sichergestelltes Beweismaterial der braunen Terrorzelle von Zwickau. Dort gefundene Aufzeichnungen legen nach SPIEGEL-Informationen nahe, dass sich die Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bei der Auswahl ihrer Opfer auf "unarische" Männer im zeugungsfähigen Alter konzentrierten. In einem Fall sahen die Täter von der geplanten Ermordung eines türkischen Unternehmers in Dortmund ab; die "Person" sei zwar "gut, aber alt (über 60)", heißt es in den Notizen.

Das Neonazi-Trio plante seine Mordserie womöglich nach dem Vorbild amerikanischer Rassisten. In einem frühen, bislang unveröffentlichten Bekennervideo, das Polizisten auf einer Festplatte in der Wohnung von Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe fanden, erscheinen Kästchen, die sich jeweils mit dem Datum eines Attentats füllen. Auffällig sei, so heißt es in einem aktuellen Ermittlungsbericht des Bundeskriminalamts (BKA), "dass bei den Einblendungen immer 14 umrahmte Felder zu sehen sind".

Die Zahl 14 habe "in der rechtsextremistischen Szene eine besondere Bedeutung" und beziehe sich auf die ideologische Leitlinie eines amerikanischen Rassisten, die aus 14 Wörtern bestehe. Die Parole lautet: "We must secure the existence of our people and a future for White Children" ("Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern"). Wie SPIEGEL und SPIEGEL TV berichten, gehen die Ermittler dem Verdacht nach, dass die Neonazis für jedes dieser Wörter einen Mordanschlag begehen wollten. Teile des bislang unveröffentlichten Propagandafilms strahlt SPIEGEL TV Magazin am heutigen Sonntag aus (RTL, 23.20 Uhr).

"Aufbau weiterer rechtsterroristischer Kampfzellen im Untergrund"

Ein vom BKA sichergestelltes Pamphlet der Zwickauer Zelle liefert den Fahndern weitere Einblicke in die Gedankenwelt der Terrorgruppe. Der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU), so heißt es in dem auf einer Computerfestplatte entdeckten Dokument, verkörpere "die neue politische Kraft im Ringen um die Freiheit der Deutschen Nation". Aufgabe des NSU sei die "energische Bekämpfung der Feinde des Deutschen Volkes". "Getreu dem Motto ,Sieg oder Tod'" werde es "kein Zurück geben".

Ob der Text tatsächlich verbreitet wurde, ist allerdings unklar. Überdies gehen die Fahnder dem Verdacht nach, dass ein Teil des durch die Raubüberfälle der NSU erbeuteten Geldes für den "Aufbau weiterer rechtsterroristischer Kampfzellen im Untergrund" vorgesehen gewesen sein könnte, wie es in einem BKA-Bericht heißt.

Derweil verdichten sich die Verdachtsmomente gegen den inhaftierten mutmaßlichen NSU-Helfer André E. Nach BKA-Erkenntnissen mietete der gelernte Maurer bereits 1999 eine konspirative Wohnung für die Zelle sowie später drei Wohnmobile, die bei Überfällen und einem Sprengstoffanschlag in Köln zum Einsatz gekommen sein sollen.

Die Bundesanwaltschaft sieht ihren Verdacht gegen die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Zschäpe bestätigt. "Aufgrund der weiteren Ermittlungen sind wir überzeugt, dass sie die terroristische Vereinigung NSU mitbegründet hat und sich auch bis zum Ende an ihr beteiligt hat", sagte der Sprecher der Bundesanwaltschaft, Markus Köhler. Einzelheiten wollte er mit Blick auf das Haftbeschwerdeverfahren nicht mitteilen. Zschäpes Anwälte haben die Aufhebung des Haftbefehls beantragt. Sie halten eine Beteiligung der 36-Jährigen an den Terroraktionen für nicht ausreichend belegt. Der Bundesgerichtshof muss nun darüber entscheiden.

Personelle Konsequenzen beim Verfassungsschutz

Laut ARD-Magazin "Panorama", der "Süddeutschen Zeitung" und der Nachrichtenagentur dpa prüfen die Ermittler, ob sie den Vorwurf der besonders schweren Brandstiftung auch auf versuchten Mord erweitern. Zschäpe hat demnach die Zwickauer Wohnung Anfang November 2011 in Brand gesetzt, obwohl möglicherweise eine Nachbarin noch in dem Doppelhaus war. Dies könnte als versuchter Mord gewertet werden.

Die Strafverfolger gehen davon aus, dass Zschäpe in die Taten der mit ihr zusammenlebenden Böhnhardt und Mundlos eingeweiht war. Kurz vor einem Mord in München soll sie den Berichten zufolge die beiden angerufen haben. Ein Waffenkurier soll in ihrem Beisein eine Waffe gezeigt haben.

Die Gruppierung NSU soll in den Jahren 2000 bis 2006 neun Morde an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft sowie den Mord an einer Polizistin in Heilbronn vom 25. April 2007 verübt haben. Zudem soll sie für die Sprengstoffanschläge vom 19. Januar 2001 und vom 9. Juni 2004 in Köln verantwortlich sein.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat nach SPIEGEL-Informationen unterdessen erste personelle Konsequenzen aus den Versäumnissen der Sicherheitsbehörden nach dem Abtauchen des Zwickauer Terror-Trios gezogen. Zum Jahreswechsel enthob BfV-Präsident Heinz Fromm den Leiter der Abteilung 2, Artur Hertwig, seiner Zuständigkeit für den Rechtsextremismus. Die 2006 zusammengelegten Abteilungen für Links- und Rechtsextremismus will Fromm wieder trennen.

Neben einigen Landesämtern für Verfassungsschutz war auch das BfV nach Bekanntwerden der Neonazi-Mordserie in die Kritik geraten. Es sei "weder gelungen, das Abtauchen der Mitglieder des 'Nationalsozialistischen Untergrundes' zu verhindern noch Hinweise auf Unterstützer zu erhalten", hatte Fromm Ende November in einem Vortrag eingeräumt. Hertwigs Posten übernimmt Dinchen Franziska Büddefeld. Sie hat Erfahrung bei der Bekämpfung islamistischer Terrorzellen und kennt die Kooperation mit den Ländern im Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum. Berlin plant derzeit eine ähnliche Einrichtung gegen Rechtsextremismus.

wit

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insgesamt 40 Beiträge
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Phoenix2006 15.01.2012
1. Zwickauer Zelle: Neonazis wählten Opfer nach Alter aus
"Demokratie ist immer bedroht...." Zitat Stieg Larsson
somasemapsyches 15.01.2012
2. Es ist immer wieder erstaunlich,
Zitat von sysopDie Zwickauer Neonazi-Terroristen haben ihre Opfer nach SPIEGEL-Informationen anhand bestimmter Kriterien ausgesucht. Beweismaterial zeigt, dass sich die*Täter auf "unarische" Männer im zeugungsfähigen Alter konzentrierten. Womöglich planten sie die Mordserie nach dem Vorbild amerikanischer Rassisten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,809150,00.html
mit welch krimineller Energie und auch Intelligenz radikale Gruppen vorgehen. Wer das nur auuf die rechte Szene bezieht, ist ein Narr. Und wer mit tiefschürfenden Sozialanalysen auf scheinbar einfache Fragen einfache Antworten anbietet, ist ,wie schon Adorna bemerkte, schlichtweg naiv. Das alles gab es schon immer, gibt es und wird es immer wieder geben. Egal wie die Welt ist.
msmt 15.01.2012
3. Der zweite beitrag!!!!!
Zitat von sysopDie Zwickauer Neonazi-Terroristen haben ihre Opfer nach SPIEGEL-Informationen anhand bestimmter Kriterien ausgesucht. Beweismaterial zeigt, dass sich die*Täter auf "unarische" Männer im zeugungsfähigen Alter konzentrierten. Womöglich planten sie die Mordserie nach dem Vorbild amerikanischer Rassisten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,809150,00.html
Ich muss dem anderem Kommentator recht geben insofern, als das Interesse an der Neonazi-Szene wirklich nicht groß ist. Dabei sollte dies unbedingt einen Aufschrei in der Gesellschaft verursachen. Wie ist eine solche Entwicklung nach Ende des 2. Weltkrieges möglich? Man beschäftigt sich mit allem möglichen, aber man übersieht die Zusammenhänge der wirtschaftlichen mit den gesellschaftlichen Problemen. Die Rechte ist im Aufwind, europaweit. Wird das noch als Bedrohung empfunden? Haider wurde noch sanktioniert und geschnitten, aber nun sind die Faschisten in Ungarn und in anderen Ländern höchstens eine Randbemerkung. Der Umgang mit den Neonazis in Deutschland ist ein Skandal. Ein Skandal, für den die meisten unserer politischen Vertreter mit verantwortlich sind. Nicht allein Merkel ist schuld. Die Abgrenzung gegen links, die starke Betonung der STASI-Verbrechen und das hochstilisieren der DDR als undemokratischen Staat, hat diese Entwicklung möglich gemacht. Man hat ein Feindbild aufgebaut, anstatt die DDR in ihrer wirklichen Entwicklung und in ihrem Einfluss zu analysieren und zu verarbeiten. Man hat einen Staat, der viele Probleme hatte, knallhart zerschlagen und in dieses Vakuum nichts ausser Negativkommentare gesetzt. Für die Rechtsradikalen ein gefundenes Fressen. Dann hat man diese Gruppen auch finanziell unterstützt um gegen die Linke eine Macht aufzubauen. Und jetzt wundert man sich, das man die Geister die man rief nicht mehr los wird. Bezahlen muss diese Entwicklung das ganze Volk. Den eine engstirnige Gesellschaft wird auch den wirtschaftlichen Preis zahlen müssen. Deutschlands Wirtschaft lebt von der Innovation. Wie soll es Innovation geben, wenn Rückschritt, Engstirnigkeit, Vorurteile, Hass usw. in den Köpfen von Menschen herrscht. Natürlich nicht bei allen, aber bei mehr Menschen als wir glauben. Und, und das halte ich für besonders gefährlich, offensichtlich auch in den Köpfen unserer sogenannten politischen Elite und bei den Führungskräften der Polizei und des Verfassungsschutzes. Da reicht nicht das Auswechseln einer Person, hier müssen viele Köpfe rollen und eine durchgreifende Umstrukturierung stattfinden, um wieder Vertrauen in diese Organisationen herzustellen. In einem Artikel las ich vorgestern, immer mehr Akademiker kommen nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Und wir brauchen diese neue Gruppe der hochqualifizierten Einwanderer unbedingt. Wohin kommen diese Hochqualifizierten? und werden wir sie halten können, wenn wir gleichzeitig den Neonazis und ihren Aktivitäten keinen Einhalt gebieten?
hinko 15.01.2012
4. Ja und?
Zitat von Phoenix2006"Demokratie ist immer bedroht...." Zitat Stieg Larsson
Was wollen sie uns damit sagen? Dass man tatenlos zusehen soll, weil Demokratie sowieso immer bedroht ist? Ich würde mich von solchen Plattitüden lieber nicht beeindrucken lassen, die sind eine Denkbremse! Im Gegensatz dazu stimme ich dem ersten Kommentar voll zu. Eine Gesellschaft darf nicht zulassen, das ein Teil von ihr einfach "abschmiert" und vergessen oder aufgegeben wird. Die daraus entstehende Frustration kann (muss nicht) in Extremismus münden.
msmt 15.01.2012
5. Demokratie muss man sich verdienen!
Zitat von Phoenix2006"Demokratie ist immer bedroht...." Zitat Stieg Larsson
Das fällt uns nicht in den Schoss wie ein reifer Apfel. Ich sehe aber das Problem, das die deutsche Gesellschaft noch nicht erkannt hat, das es eine Demokratiegefahr gibt und das nicht nur eine konfuse Gruppe, mit der man selbst nichts zu tun hat, von dieser Gefahr bedroht ist. Wenn unsere Demokratie ein Problem hat, dann haben wir alle ein Problem. Und deshalb müssen wir mehr Mut zeigen und uns offen auf die Seite unserer Demokratie stellen. D.h. für mich nicht, ich darf keine Kritik mehr üben, aber es heisst, ich muss immer die Wahrung und den Ausbau der unserer wichtigsten Errungenschaft als Volk im Auge behalten, unsere Demokratie. Das hört sich vielleicht schwülstig an, aber es ist einfach so. Wenn wir unser Land den braunen Horden überlassen, versinken wir in der Barbarei!
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