Zwickauer Zelle Puzzleteile einer grausamen Verbrechensserie

Die Hinterlassenschaften des Zwickauer Trios Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos ergeben das Bild von kaltblütigen Rechtsextremisten, die jahrelang mordeten und sich ihrer Taten rühmten. Wie ist der Stand der Ermittlungen? Wie reagieren Politiker? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

dapd

Rechtsterroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" touren jahrelang unerkannt durch Deutschland. Sie töten offenbar gezielt Ausländer und eine Polizistin, rauben Banken aus. Ermittler fanden Waffen, Propagandamaterial und Bekennervideos in den Trümmern des Hauses, in dem Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lebten. Sie stießen auf Puzzleteile, die nach und nach das Bild eines kaltblütigen Verbrechertrios ergeben.

Wie ist der Ermittlungsstand?

Böhnhardt und Mundlos rühmen sich in einem 15-minütigem Film, der in den Trümmern in Zwickau gefunden wurde, Menschen ermordet zu haben: Zwischen 2000 und 2006 acht türkische Einwanderer und einen Griechen, 2007 die Polizistin Michèle Kiesewetter. Außer den DVDs fanden die Ermittler in Zwickau die Tatwaffe aus den sogenannten Döner-Morden. In einem Wohnmobil im thüringischen Eisenach finden die Ermittler die Dienstpistole von Kiesswetter. In dem Fahrzeug hatten sich Böhnhardt und Mundlos erschossen, die Polizei fand ihre Leichen.

Am Sonntag verhafteten Fahnder einen mutmaßlichen Komplizen des Trios in Lauenau bei Hannover. Der 37-Jährige Holger G. soll laut Bundesanwaltschaft seit den neunziger Jahren in Kontakt mit der Jenaer Zelle stehen und dieser immer wieder geholfen haben. Die Bundesanwaltschaft ermittelt, ob er auch unmittelbar an den Morden beteiligt war.

Gehen die Taten auf eine rechtsextreme Einstellung zurück?

Offensichtlich ja. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass alle vier Verdächtigen einer Terrorgruppe namens "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) angehören, so bezeichnen sie sich selbst in dem Bekennervideo. Im Video erklären sie demnach auch, ihre Gruppe sei ein "Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz Taten statt Worte". Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos gehörten bereits in den neunziger Jahren der Gruppierung "Thüringer Heimatschutz" an. Sie verübten schon damals Anschläge, deponierten zum Beispiel einen Koffer mit Sprengstoff vor dem Theater von Jena. Auf den Koffer hatten sie ein Hakenkreuz gesprüht.

Warum sollten sich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschießen?

Das bleibt ein Rätsel. Nach Informationen des SPIEGEL war ein Banküberfall der beiden Männer kurz vor ihrem Tod missglückt. Demnach hatte ein Streifenwagen das Wohnmobil der Flüchtigen in einem Vorort von Eisenach entdeckt, in dem sie sich versteckten, und Verstärkung angefordert. Vermutlich hörten die Männer den Polizeifunk ab und sahen womöglich keinen anderen Ausweg als den Selbstmord. Es wurde aber auch über Spannungen innerhalb der Gruppe spekuliert.

Meldungen aus dem bayerischen Innenminstierium und einem Parteibüro der Linken in Sachsen-Anhalt lassen allerdings auch die Möglichkeit offen, dass die Männer den Suizid öffentlichkeitswirksam geplant hatten: Am Sonntag wurde bekannt, dass bei beiden DVDs mit dem Bekennervideo aufgetaucht sind.

Kommt die Zelle für weitere Gewalttaten infrage?

In dem Bekennervideo erklären sich die beiden Männer auch verantwortlich für einen Nagelbombenanschlag in einer überwiegend von türkischen Einwanderern bewohnten Straße in Köln 2004. Die Behörden sind darum in etlichen ungeklärten Fällen in ganz Deutschland erneut aktiv geworden. Weil das Trio schon vor seinem Abtauchen 1998 als Bombenbauer aufgefallen war, untersuchen Ermittler etwa auch Sprengstoffanschläge in Berlin, Düsseldorf und Saarbrücken.

Ist das eine neue Dimension von Rechtsterrorismus?

Vergleichbare Fälle hat es in Deutschland bisher noch nicht gegeben. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) spricht von einer "neuen Form des rechtsextremistischen Terrorismus". Manche Politiker vergleichen die Aktionen der mutmaßlichen Serientäter mit dem Terror der Roten Armee Fraktion (RAF), etwa Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU).

Wie organisieren sich rechtsextreme Terroristen?

Nach Einschätzung des Berliner Rechtsextremismus-Experten Bernd Wagner gibt es in Deutschland vor allem kleinere Gruppen, "die daran arbeiten, terrorismusfähig zu werden" und sich zu Netzwerken zusammenschließen. Diese Zellen von zwei bis vier Personen agierten isoliert im Untergrund und versuchten häufig, sich Waffen und Sprengmittel zu beschaffen und einen Partisanenkampf gegen Demokratie und Ausländer zu führen. Auch der Verfassungsschutz warnt in seinem jüngsten Bericht vor steigender Gewaltbereitschaft von Rechts- und Linksextremisten.

Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz in dem Fall?

Das muss noch geklärt werden. Klar ist, dass das Neonazi-Trio schon in den neunziger Jahren unter Beobachtung stand. Damals lebten sie in Jena und waren Teil des "Thüringer Heimatschutzes" und hatten Kontakt zu einem V-Mann: Führender Kopf der Gruppe war Tino Brandt. Der wurde 2001 als V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes enttarnt. Brandt hatte nach Informationen des SPIEGEL noch Kontakt zu dem Trio, als es schon untergetaucht war.

Welche Konsequenzen müssen Politik und Behörden ziehen?

Politiker werfen vor allem dem Verfassungsschutz vor, versagt zu haben. Der Vorsitzende des für die Nachrichtendienste zuständigen Kontrollgremiums des Bundestages, Thomas Oppermann (SPD), will eine Sondersitzung einberufen. Darin soll geklärt werden, was die Behörden wussten und wie solche Straftaten in Zukunft verhindert werden können. Aus Niedersachsen kommt die Forderung, den Kampf gegen Rechts neu zu organisieren - etwa mit einem neuen Terrorabwehrzentrum für den Rechts- und Linksextremismus. Politiker fordern mehr Durchsuchungen in der rechtsextremen Szene. Der Zentralrat der Juden macht sich für ein rasches NPD-Verbot stark.

Wie stark ist die rechte Szene in Deutschland?

Der Verfassungsschutz geht in seinem aktuellen Bericht, der sich auf das Jahr 2010 bezieht, von 25.000 Rechtsextremisten aus. Im Vergleich zu 2009 sank ihre Zahl damit um 1600. Als gewaltbereit werden rund 9500 davon eingeschätzt - 500 mehr als im Jahr 2009. Die Sicherheitsbehörden zählten im Vorjahr mehr als 15.900 Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund, rund 1200 weniger als 2009. Knapp fünf Prozent waren Gewalttaten. Bei den meisten übrigen Fällen handelte es sich um Propagandadelikte oder Volksverhetzung. Die NPD, die am Sonntag Holger Apfel zum neuen Vorsitzenden wählte, ist trotz rückläufiger Zahlen weiterhin die mitgliederstärkste rechtsextreme Partei.

bim/dpa

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
yaelle.schlichting 13.11.2011
1. Guten Morgen allerseits!
Die Innenminister wollen doch nicht allen Ernstes glauben machen, dass das eine Ueberraschung sei?!?!?! Es wird nicht die letzte ueble Ueberraschung in diesem Land sein. Die extreme Rechte paktiert mit den Rockern und ueberhaupt wird zwischen diesen Outlaws jede unheilige Allianz geschlossen, die irgendeinen Vorteil fuer die eigene Sache zu bieten scheint. Da werden Drogen, Waffen und Menschen gehandelt und was weiss ich noch alles. Der Staat geraet dabei immer staerker ins Hintertreffen, weil er sich nicht hinlangen traut. Eines der groesseren Probleme dabei ist, dass sich der Staat zusehens in seiner eigenen Rechtsstaatlichkeit verheddert, waehrend die Delinquenten eben diesen Rechtsstaat ruecksichtslos zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen.
Meshada 13.11.2011
2. No title.
Zitat von yaelle.schlichtingDie Innenminister wollen doch nicht allen Ernstes glauben machen, dass das eine Ueberraschung sei?!?!?! Es wird nicht die letzte ueble Ueberraschung in diesem Land sein. Die extreme Rechte paktiert mit den Rockern und ueberhaupt wird zwischen diesen Outlaws jede unheilige Allianz geschlossen, die irgendeinen Vorteil fuer die eigene Sache zu bieten scheint. Da werden Drogen, Waffen und Menschen gehandelt und was weiss ich noch alles. Der Staat geraet dabei immer staerker ins Hintertreffen, weil er sich nicht hinlangen traut. Eines der groesseren Probleme dabei ist, dass sich der Staat zusehens in seiner eigenen Rechtsstaatlichkeit verheddert, waehrend die Delinquenten eben diesen Rechtsstaat ruecksichtslos zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen.
Absolut nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Das Problem ist, das der Staat bei manchen Gruppen die Rechtsstaatlichkeit völlig überdehnt - bei anderen Gruppen hingegen, eben Rechtsextremen wie hier, garnicht erst hinschaut. Der Staat benutzt nicht einmal die Mittel, die rechtsstaatlich wären. DAS ist das Problem. Wir haben faktisch nicht genug Rechtsstaat, in dem sich der Staat bei Ermittlungen im rechtsradikalen Milieu verheddern könnte. Beispiel? Jede linke Demo kann sofort komplett abgehört werden, samt Gesprächen der Bewohner von Häusern in der Gegend. Bei den Rechten geht das nicht.
krassmann 14.11.2011
3. Selbstmord-These
Komisch, daß DER SPIEGEL in diesem Artikel nicht mehr weiß, was er anderswo schon geschrieben hat. "So erscheinen auch die Umstände der gewaltsamen Tode Mundlos' und Böhnhardts rätselhaft. Einem Ermittler zufolge deutet die Spurenlage in dem Wohnmobil, in dem die Leichen der beiden gefunden wurden, nicht unbedingt auf einen gemeinsamen Suizid hin. Überhaupt: Warum sollten sich zwei mutmaßliche Schwerkriminelle nach einem geglückten Banküberfall umbringen? Aus Reue? Aus Angst vor der Polizei?" http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,797355,00.html Merkwürdig, daß hier auf "Spannungen innerhalb der Gruppe" spekuliert wird, obwohl die Ermittler scheinbar schon an der Suizid-These zweifeln.
paxXmataxX 14.11.2011
4. Meckern hilft auch nicht
Zitat von yaelle.schlichtingDie Innenminister wollen doch nicht allen Ernstes glauben machen, dass das eine Ueberraschung sei?!?!?! Es wird nicht die letzte ueble Ueberraschung in diesem Land sein. Die extreme Rechte paktiert mit den Rockern und ueberhaupt wird zwischen diesen Outlaws jede unheilige Allianz geschlossen, die irgendeinen Vorteil fuer die eigene Sache zu bieten scheint. Da werden Drogen, Waffen und Menschen gehandelt und was weiss ich noch alles. Der Staat geraet dabei immer staerker ins Hintertreffen, weil er sich nicht hinlangen traut. Eines der groesseren Probleme dabei ist, dass sich der Staat zusehens in seiner eigenen Rechtsstaatlichkeit verheddert, waehrend die Delinquenten eben diesen Rechtsstaat ruecksichtslos zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen.
Mal halblang - bitte..Der Staat ist ganz gut ausgerüstet und überlegt sich eben zweimal, ob und wie man reagiert - wäre ja auch dumm, die Täter laufen lassen zu müssen, weil bestimmte Dinge nicht eingehalten worden oder Beweise nicht anwendbar sind. Und der traut sich hinzulangen - keine Sorge.. Immer nur schimpfen und miesmachen hilft auch nichts..und wem es nicht gefällt - aus Deutschland kann man jederzeit auswandern (ist ja nicht selbstverständlich soetwas).
beigenaueremhinsehen 14.11.2011
5. einer denkt quer und denkt ggf. vollkommen richtig
Zitat von krassmannKomisch, daß DER SPIEGEL in diesem Artikel nicht mehr weiß, was er anderswo schon geschrieben hat. "So erscheinen auch die Umstände der gewaltsamen Tode Mundlos' und Böhnhardts rätselhaft. Einem Ermittler zufolge deutet die Spurenlage in dem Wohnmobil, in dem die Leichen der beiden gefunden wurden, nicht unbedingt auf einen gemeinsamen Suizid hin. Überhaupt: Warum sollten sich zwei mutmaßliche Schwerkriminelle nach einem geglückten Banküberfall umbringen? Aus Reue? Aus Angst vor der Polizei?" http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,797355,00.html Merkwürdig, daß hier auf "Spannungen innerhalb der Gruppe" spekuliert wird, obwohl die Ermittler scheinbar schon an der Suizid-These zweifeln.
Exakt beobachtet! Ich weiss nicht,was der Augenoptiker den Politikern und Schnellschussjournalisten empfiehlt(damit meine ich zumindest i.d.R. nicht den Spiegel!) Ich empfehle, die ganze Angelegenheit genau! zu untersuchen. Es würde mich nicht wundern, wenn der (Einzel-)Täter/Auftragsmörder überhaupt nichts mit den verdächtigten 3 Personen zu tun hat, sondern sogar aus dem ursprünglichen Sprachraum der Opfer stammt. Bevor die Dinge hochgekocht werden und sogar die Buntenrepublik-Kanzlerin hierzu sich äußert, sollten mehr Hausaufgaben gemacht werden. Wir erinnern uns auch mal alle Jahre wieder - nur als kleines Beispiel - an Uwe Barschel, der "sich" umgebracht und dann sicherlich in die Wanne gelegt hat. Wir erinnern uns an Bin Laden, der übrigens schon lange vor der Aktion der USA diesen Jahres nicht mehr lebte. In dem aktuellen "Trio-Fall" darf auch überlegt werden, ob A)"Dienste" des Auslands bspw. den "erlahmten" Terror-Gaul in der Buntenrepublik wieder anschieben wollen. B) dies dann garnieren mit einem Dessert aus (neuer/alter) Schuld - also Slogan "Deutschland und die neue rechte Gefahr" (was nicht heißen soll, daß Extremismus in irgendeiner Richtung gebilligt werden kann!) C) Falls Leute des BND oder der Politik in die Schußlinie i.S.v. Fehlern geraten, wäre denkbar, dass man gewisse Personen absägen möchte - das müsste dann nicht unbedingt von Deutschland aus lanciert werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.