Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kachelmann vs. Ex-Freundin: Schlammschlacht zweier Verlierer

Von

"Ich bin keine rachsüchtige Lügnerin", sagt sie. "Ich bin unschuldig", sagt er. Jörg Kachelmann und seine Ex-Freundin tragen ihren Zwist inzwischen coram publico aus. Da drängen sich zwei Fragen auf: Warum wurde im Prozess so oft die Öffentlichkeit ausgeschlossen? Und warum tun sie sich das an?

Jörg Kachelmann am Tag des Urteils: "Versiffte, verschissene und verkakerlakte Zelle" Zur Großansicht
REUTERS

Jörg Kachelmann am Tag des Urteils: "Versiffte, verschissene und verkakerlakte Zelle"

Dass der Streit zwischen dem Angeklagten Jörg Kachelmann und seiner Ex-Geliebten Claudia D., die ihn der Vergewaltigung bezichtigt, nach dem Freispruch durch das Mannheimer Landgericht beigelegt sein würde, darauf durfte nicht einmal der Gutgläubigste hoffen. Denn dazu war das mündliche Urteil zu giftig nach beiden Seiten. Eine Beruhigung der erhitzten Positionen trat denn auch nicht ein.

Die Richter hatten zwar freigesprochen. Sie entließen aber den Angeklagten und seine Widersacherin gleichermaßen unter dem Verdacht, entweder doch Täter oder aber rachsüchtige Lügnerin zu sein. So etwas ist in höchstem Maße unerfreulich und trägt überdies dazu bei, dass sich die Protagonisten erneut ein Forum suchen, um sich von einem solch schwärenden Verdacht zu befreien. Kachelmann ging voran, indem er sich als erstes gegenüber der "Zeit" äußerte.

Der Nachrichten- und Unterhaltungswert von Interviews hängt stets von der Qualität der Fragen ab. Was soll ein Interviewpartner antworten, wenn er gefragt wird, was denn richtig sei in seinem Leben und wie viele Leute ihn gern gehabt hätten? Oder ob er an seine Verurteilung geglaubt habe und ob er sie verkraftet hätte. Da gerät selbst ein eloquenter, intelligenter Medienmann wie der Ex-Wettermoderator ins Rudern und flüchtet sich in banale Statements ohne rechten Sinngehalt. Dass dieses Interview besser in einem Boulevardblatt gestanden hätte - dort wären seine ermüdenden Längen außerdem zusammengestrichen worden - steht wohl außer Frage.

Ebenso wenig Neues war aus dem Interview der Ex-Geliebten zu erfahren, das die Illustrierte "Bunte", stets auf Seite des "Opfers", zum Titel hochjazzte. Außer vielleicht, dass sich die Frau nun zeigt, dass sie posiert wie ein Glamour-Girl, ohne irgendwelche Scheu vor der Öffentlichkeit. Hatte sie nicht vor Gericht den Ausschluss jeder Öffentlichkeit zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechts verlangt? Das Gericht war ihren Wünschen pflichtgemäß nachgekommen und achtete peinlich genau auf die Einhaltung der entsprechenden Auflagen.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Die Richter müssen sich jetzt, da das "Bunte"-Interview vorliegt, wie Hampelmänner vorkommen. Schon in der Hauptverhandlung hatten sie mehr Respekt vor der Würde des Gerichts angemahnt, als bekannt wurde, dass einzelne Zeuginnen mit bis zu 50.000 Euro von der "Bunten" dafür entlohnt wurden, ihre Erlebnisse mit Kachelmann, wahrheitsgemäß oder auch nicht, zum Besten zu geben. Und nun das.

Der Fall Kachelmann ist nicht der erste, in dem es zu solchen medialen Auswüchsen kam. Auch im sogenannten Inzestfall von Fluterschen posierten die vom Angeklagten geschändeten Opfer, dieses Mal sogar schon vor Prozessbeginn, zusammen mit ihren Anwältinnen in der "Bunten" - zurechtgemacht und strahlend wie Models. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, sagte schon Bert Brecht.

Was erfuhren wir in der "Bunten" noch über den Fall Kachelmann? Das Leiden aneinander, der Alptraum, der Hass aufeinander, nun denn. Doch es verwundert schon, wenn der sogenannte Opferanwalt Thomas Franz in der "Bunten" bestätigt, seine Mandantin habe "bis zuletzt daran geglaubt, dass der Angeklagte verurteilt wird".

Da sollte einmal nach den Pflichten eines Nebenklagespezialisten gefragt werden. War er etwa nur zum Händchenhalten da? Oder hätte er seine Mandantin nicht darüber aufklären müssen, wohin der Prozess ganz offensichtlich steuerte? Hat er ihr nicht gesagt, dass die Sachverständigen ausnahmslos Zweifel an ihrer Schilderung des angeblichen Tatgeschehens anmeldeten? Und dass das Gericht letztlich keine einzige Spur, nicht einmal am angeblichen Tatmesser, als Beweis für die angeklagte Tat einer Verurteilung zugrunde würde legen können? Hat Franz ihr nicht gesagt, dass in einem Rechtsstaat niemand verurteilt werden darf, dem die angeklagte Tat nicht nachzuweisen ist?

Interviews als Einnahmequelle?

Die "von JK bezahlten Gutachter", selbst wenn es sich dabei um hochrenommierte und über jeden Verdacht der Käuflichkeit erhabene Wissenschaftler handelt, sind Claudia D. natürlich ein Dorn im Auge. Daher rät sie jeder Frau ab, "ihren Peiniger anzuzeigen, wenn dieser reich ist und sich mit Geld freikaufen kann". Abgesehen davon, dass dies einem bösen Rufmord an den Sachverständigen nahekommt und auch einer Beleidigung des Gerichts, vergisst D. zu erwähnen, dass sie mit dem "Bunten"-Interview ein recht gutes Geschäft gemacht hat. Wenn die Summe einmal bekannt wird, die der Burda-Verlag dafür womöglich gezahlt hat, wird sich so manche Frau sagen: Alle Achtung, das lohnt sich ja.

Es gibt jenseits dieser beiderseitigen Schlammschlacht aber ein weiteres Interview, über das zu berichten sich sehr wohl lohnt. Kachelmann sprach nach der "Zeit" mit der Schweizer Zeitschrift "Weltwoche". Und dabei ist ein durchaus substantieller, informativer Beitrag herausgekommen über die Erfahrungen eines Menschen, der von einem Augenblick auf den anderen in die Fänge der Justiz gerät und ohnmächtig erleben muss, was nun mit ihm geschieht.

Wer dieses Interview liest, dem teilt sich der Eindruck mit: Hier reflektiert ein tatsächlich Unschuldiger einen Alptraum, vor dem niemand gefeit ist. Wie es ist, wenn man plötzlich verhaftet wird und sich in einer "versifften, verschissenen und verkakerlakten Zelle" wiederfindet. Wie sich das Leben im Knast anfühlt. Mit welchen Menschen man Bekanntschaft schließt. Wie man einer Staatsanwaltschaft fast wehrlos ausgeliefert sein kann, wenn diese blindwütig alles ignoriert, was ihrer einmal gefassten Überzeugung entgegensteht.

Vor Gericht geht es weder um Wahrheit noch um Gerechtigkeit

Ärgerlich allerdings ist, dass auch Kachelmann zu der Mär beiträgt, den Freispruch habe er allein dem gegen den ursprünglichen Verteidiger Reinhard Birkenstock ausgewechselten Hamburger Johann Schwenn zu verdanken. Offenbar hat er vergessen, dass es Birkenstock war, der die Staatsanwaltschaft mit den Lügen der Nebenklägerin konfrontierte. Dass es auch Birkenstock war, der mit Hilfe erstklassiger Gutachter die Staatsanwaltschaft so unter Druck setzte, dass sie die Aussagepsychologin Luise Greuel hinzuzog, deren Expertise neben den rechtsmedizinischen Gutachten zum Freispruch erheblich beitrug.

Birkenstock hatte auch durch seinen Gang zum Karlsruher Oberlandesgericht Kachelmanns Entlassung aus der U-Haft erkämpft - eine Entscheidung, die den Weg zu einem freisprechenden Urteil wies. Damals wurden schon die Früchte gesät, die Monate später ein anderer ernten durfte.

In jedem schwierigen Strafverfahren gibt es Phasen der Verzweiflung, vielleicht auch der Panik, die den Angeklagten packen können. Selbst Verteidiger sind nicht immer immun dagegen. Doch das geht vorüber, wie jeder halbwegs Kundige weiß. Die Mannheimer Kammer hatte lange den Eindruck erweckt, als sei sie auf Verurteilungskurs. Doch vielleicht war sie auch nur vorsichtig, übervorsichtig, um sich später im Fall einer Revision vom Obergericht nicht Versäumnisse in der Aufklärungsarbeit vorhalten lassen zu müssen.

Dass Kachelmann sich Knall auf Fall von Birkenstock per SMS verabschiedete, worauf Schwenn, angeblich ohne irgendwelche Zeit zur Einarbeitung in die Akten zu benötigen, schon am nächsten Tag als neuer Verteidiger auftrat, das war schon seltsam. Und dass Kachelmann nun über seinen ersten Verteidiger, den er so schmählich aus dem Mandat warf, obwohl er ihm so vieles zu verdanken hat, allerorten ablästert - das ist nicht anständig.

Doch vor Gericht geht es, wie man weiß, weder um Wahrheit noch um Gerechtigkeit, und um Anstand schon gar nicht. Der Angeklagte ist freigesprochen. Eine Straftat ist ihm nicht nachzuweisen. Staatsanwaltschaft und Nebenklage haben zwar formal Revision eingelegt. Doch ob sie wirklich etwas gegen den Freispruch unternehmen werden, entscheidet sich erst, wenn das schriftliche Urteil vorliegt.

Sollten den Mannheimer Richtern bei dessen Abfassung keine gravierenden Fehler unterlaufen, könnte es durchaus sein, dass sich nicht auch noch der Bundesgerichtshof mit einer Sache befassen muss, die besser unter den vier Augen der Beteiligten ausgemacht worden wäre statt auf der öffentlichen Bühne der Justiz.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 528 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Einfache Antwort:
viwaldi 17.06.2011
Zitat von sysop"Ich bin keine rachsüchtige Lügnerin", sagt sie. "Ich bin unschuldig", sagt er. Jörg Kachelmann und seine Ex-Freundin tragen ihren Zwist inzwischen*coram publico*aus. Da drängen sich zwei Fragen auf: Warum wurde im Prozess so oft die Öffentlichkeit ausgeschlossen? Und warum tun sie sich das an? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,769106,00.html
Ist der Ruf erstmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Und verdienen können beide auch noch schön daran: Bücher, Interviews (> 50.000€), Talk-Shows, usw. usw. Jeder blamiert sich so gut er kann. Die beiden können gut.
2. Da dreht eine immer noch voll auf
ddkddk 17.06.2011
"Ich bin keine rachsüchtige Lügnerin" sagt Claudia D. Es ist gerichtlich nicht nachgewiesen, dass sie rachsüchtig ist. Dass sie eine Lügnerin ist, aber schon. Im Übrigen hatte sie ja ihre Rache. Kachelmann musste immerhin mehrere Monate absitzen. Wenn mir das passiert wäre, wäre ich auch stinksauer. Damit ist wohl auch Kachelmanns Abkanzeln seines ersten Anwalts zu erklären, der das nicht verhindert hat.
3. Ermittlungen gegen die Justiz
regierungs4tel 17.06.2011
Etappensieg für Kachelmann: In Mannheim wird jetzt gegen die Ermittler und offenbar auch gegen Richter ermittelt: http://berlin2011.wordpress.com/2011/06/16/ermittlungen-gegen-kachelmann-anklager/
4. ...
unifersahlscheni 17.06.2011
...ich hatte früher Kachelmann als einen witzigen, aber auch kompetenten Wettermoderator wahrgenommen. Wie man halt Wettermoderatoren, die wenigstens etwas herausstechen, wahrnimmt... ...aber durch einige Aussagen nach dem Ende des Urteils, ich betone: "Nach dem Ende"... ...hat er jetzt doch viel Ansehen für mich verloren.
5. Wer verdient ?
franziskus, 17.06.2011
Zitat von sysop"Ich bin keine rachsüchtige Lügnerin", sagt sie. "Ich bin unschuldig", sagt er. Jörg Kachelmann und seine Ex-Freundin tragen ihren Zwist inzwischen*coram publico*aus. Da drängen sich zwei Fragen auf: Warum wurde im Prozess so oft die Öffentlichkeit ausgeschlossen? Und warum tun sie sich das an? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,769106,00.html
Wenn es sich für die Klägerin wirtschaftlich gelohnt hat, Herr Kachelmann zu beschuldigen, dann ist nicht ausgeschlossen, dass es auch andere Frauen versuchen. Leidtragende sind nicht nur die Opfer dieser Beschuldigungen, sondern die Frauen, denen Gewalt angetan wurde. Wenn die Auflagen der Zeitungen sinken, dann könnte ich mir vorstellen, dass so ziemlich alles versucht wird, dem entgegenzuwirken, Auftragsvergewaltigungen sozusagen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Spektakulärer Prozess: Der Fall Kachelmann

Die wichtigsten Aspekte des Verfahrens

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: