Kaiserslautern: Als das Geld vom Himmel fiel

Von Uwe Martin, Kaiserslautern

In Kaiserslautern schneit es Fünf-Euro-Scheine. Auf ungewöhnliche Art und Weise bringt ein Lkw-Fahrer mitten in der Pfalz Geld unter die Menschen. Doch zugute kommt die Aktion nur wenigen Auserwählten - und vor allem einem Radiosender.

Kaiserslautern - Klaus Astheimer wollte sich das nicht entgehen lassen. Seit 6 Uhr morgens steht er auf dem Stiftsplatz in Kaiserlautern. Bei neun Grad minus, doch der Lufthansa-Mitarbeiter aus Rüsselsheim bei Frankfurt hofft auf den warmen Geldregen am bislang kältesten Tag dieses Winters. Die Kamerateams kommen erst drei Stunden später. Sogar ein russischer TV-Sender ist vertreten. Interviewanfragen hatte es auch aus Irland und Südafrika gegeben.

Um 10.17 Uhr kommt er schließlich: Marco Hilgert, 49, der Superstar für einen Tag, der Messias der Geldscheine, begafft von etwa 3000 Menschen. Jener Mann, der die Aktion "Was würden Sie für 100.000 Euro tun?" des Privatsenders RPR1. gewonnen hatte. Hilgert war einer von 12.000, die sich beworben hatten. Mehr als zwei Millionen hatten schließlich abgestimmt und die Idee Hilgerts, das Geld einfach aus dem Fenster zu werfen, für die beste befunden. Nur ein Viertel des Betrags, so der Vorschlag, würde er für sich behalten.

Ursprünglich wollte der Lkw-Fahrer die 75.000 Euro aus dem Mainzer Rathaus regnen lassen. Doch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt hielt man nicht viel von dieser "Schnapsidee" (Hilgert) und verwies auf die falsche Symbolik angesichts der hochdefizitären Stadtkasse. Geld hat Kaiserslautern auch nicht, aber auch keine Skrupel, sich für die Aktion "Marcos Geldregen" herzugeben. Ein Rathausfenster zum Geldrauswerfen wollte ihm Kaiserlautern aber auch nicht zur Verfügung stellen. Stattdessen muss er in der Kälte auf die Hebebühne eines kleinen Krans steigen.

Der Mann aus Sankt Sebastian unweit von Koblenz reckt beide Arme in die Höhe, den Pappkarton, gefüllt mit Fünf-Euro-Scheinen, hat er kurz abgestellt. Er ist bereit. Hilgert wird in die Höhe gehoben, wenig später rieseln die ersten Scheine. Um ein allgemeines Hauen und Stechen zu vermeiden, mussten sich die potentiellen Geldjäger zuvor registrieren lassen, notiert wurden Alter und Personalausweisnummer.

"Marco, schmeiß die Kohle raus!"

Doch wirklich ums Geld kämpfen dürfen nur wenige durch Los bestimmte Glückliche. Alle 30 Minuten werden jeweils zehn Personen in einen separat abgesperrten Bereich gelassen. Der Boden ist mit Turnmatten ausgelegt, die Netze sind etwa drei Meter hoch. "Stopft es Euch überall hin“, brüllten die Moderatoren Kunze & Kati, während die jungen Frauen und Männer auf den Matten umherhüpfen und nach den Scheinen schnappen. "Marco, schmeiß die Kohle raus!"

Auch die Mutter von Hilgert, die 70-jährige Hiltrud Hütter, ist da. Sie sei "ja so stolz" auf ihren Sohn, erzählt sie. Der sei schon immer sozial veranlagt gewesen, wenn man das mal so formulieren könne.

Dabei ist es keine Wohltätigkeitsveranstaltung, die sich hier auf dem Stiftsplatz abspielt, sondern ein Beitrag zum Thema "Neues aus der Spaßgesellschaft". Die Frage: Was sind Menschen für Geld bereit zu tun? Hilgert, der mit den verbleibenden 25.000 Euro seine Dreizimmer-Eigentumswohnung weiter abbezahlen will, war mit seinem Vorschlag noch relativ gemäßigt. Andere Bewerber wollten sich für 100.000 Euro alle Zähne ziehen lassen, vier Wochen nackt bei Affen im Zoo verbringen oder das Deutsche Eck in Koblenz mit einer Zahnbürste reinigen.

Ja, sagt Hilgert, Spaß zu haben sei schon eine Art Lebensmotto von ihm. Die Reporter müssen ihn duzen ("Ich bin der Marco, okay?"), und geduldig beantwortet er alle Fragen. "Held oder Clown, es mir eigentlich egal, wie Sie mich nennen." Heute Abend, nach 17 Uhr, wenn alles vorbei sei, werde er sich vielleicht fragen, was er gemacht habe. "Aber ist das nicht auch bei einem Wohnzimmerschrank für 5000 Euro so? Da denkt man wohl auch: Mit dem Geld hätte ich etwas anderes anfangen können."

Warten und frieren

Zum Zug kommen in den sieben Stunden letztlich nur etwa 140 Personen, die milden Gaben von Hilgert werden in Tranchen à 5300 Euro unters Volk gebracht - in kleinen Scheinen. Wer nicht gelost wurde, steht einfach nur herum und friert. Unter denen, die nicht in das Geldabwurfgebiet dürfen, macht sich Unmut breit, von "Verarsche" ist die Rede.

Die 23-jährige Nadine Strippling aus Kaiserslautern dagegen ist zufrieden: 560 Euro klaubte sie auf, damit will sie jetzt ihre Handyrechnung begleichen. Auch Larissa Bügler, 18, aus Neustadt an der Weinstraße schnappte 255 Euro auf - für die Minijobberin viel Geld. Hilgert der Barmherzige selbst ist nach zwei Stunden ebenfalls glücklich. "Das ist echt irre hier, super." Nein, nachtragend sei er nicht wegen der Absage von Mainz, wo man ihn nicht haben wollte. "So viele Leute hier, unglaublich, das gibt’s ja gar nicht."

Vor allem nutzt die PR-Aktion freilich dem veranstaltenden Sender RPR1. "So viel internationale Aufmerksamkeit hatten wir noch nie", meint Andrea Willig aus der Presseabteilung. Und die durchschnittliche stündliche Tagesquote von 293.000 Hörern dürfte erheblich in die Höhe geschnellt sein. Es geht um die Absicherung der Marktführerschaft im Land.

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