Kampfhund-Prozess "Das Urteil kann das Leid nicht lindern"

Im Prozess um den Tod des von Kampfhunden zerfleischten sechsjährigen Volkan aus Hamburg sind die Urteile gesprochen worden. Stunden der Trauer und der Tränen vor dem Hamburger Landgericht.

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Volkans Vater Kali Kaya (re) mit seinem Anwalt auf dem Weg zur Urteilsverkündung
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Volkans Vater Kali Kaya (re) mit seinem Anwalt auf dem Weg zur Urteilsverkündung

Hamburg - Es muss ein schwerer Gang an diesem Morgen für Kali Kaya sein. Mit unsicheren Schritten und völlig in sich zusammengesunken geht der Vater des getöteten Kindes an seinen Platz im Raum 237 des Hamburger Landgerichtes; er wirkt wie ein alter Mann, dabei ist er erst 35 Jahre alt. Den Blick starr auf den Tisch vor sich gerichtet, scheint er seine Umgebung nicht wahrzunehmen. An den Wimpern hängen Tränen, die Augen sind rotunterlaufen. Immer wieder vergräbt er das Gesicht in seinen Händen.

Nachdem die Fotografen und Kameramänner den Raum verlassen haben, werden die Angeklagten hereingeführt. Ibrahim K. nimmt Platz, blickt zur Richterbank und verharrt bis zum Ende der Sitzung wie eingefroren. Silja W. zittert am ganzen Körper, den Kopf gesenkt versteckt sie ihr Gesicht hinter den schulterlangen braunen Haaren.

Der Vorsitzende Richter Egbert Walk erklärt, dass die beiden der fahrlässiger Tötung schuldig sind. Ibrahim K. muss für drei Jahre und sechs Monate in Haft, seine Freundin Silja W. wird zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Die 19-Jährige bricht in Tränen aus.

Trauer und Verzweiflung

Walk wendet sich direkt an den Vater Volkans: "Sie sind heute noch voller Traurigkeit und Verzweiflung. Dieses Leid kann durch das Urteil nicht gelindert werden. Aber vielleicht trägt es dazu bei, dass Sie nicht für immer in Ihrer Trauer verharren."

Mit dem Urteil blieben die Richter deutlich unter dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmaß von achteinhalb Jahren für Ibrahim K. sowie zwei Jahren und neun Monaten für Silja W.. In seiner Begründung erklärte Walk, dass er bei den beiden Angeklagten keinen Vorsatz für die Tat erkennen könne. "Die Gefahr war beiden bekannt, aber sie lag für sie nicht nahe. Sie rechneten nicht damit, dass ernsthaft etwas passieren könnte." Die Erschütterung der beiden über den Tod des Kindes sei nicht zu übersehen gewesen sei.

Einer der beiden erschossenen Kampfhunde liegt neben dem toten Volkan
DPA

Einer der beiden erschossenen Kampfhunde liegt neben dem toten Volkan

Und dann fasst der Richter noch einmal zusammen, wie es zu dem unheilvollen Tag im vergangenen Jahr im Juni gekommen ist. Dass die beiden ihre Kampfhunde Zeus und Gypsy zunächst liebevoll aufgezogen haben und später mit immer mehr Härte zum Beißen und Springen trainierten. Wie die zwei, die sich seit 1998 kennen, mit gelegentlichen Jobs und mit immer wieder zusammengeliehenen Geld gelebt haben, mal bei Freunden und mal zur Untermiete wohnten, viel Zeit mit den Hunden verbrachten. Die beiden lebten in den Tag hinein, ohne sich viele Gedanken zu machen. Sie machten aus ihren Hunden scharfe Waffen, ohne sich viele Gedanken zu machen.

Silja W. wollte ihren Hund töten lassen

Silja W. habe ihren Hund Gypsy wie ein Baby behandelt und immer mehr die Kontrolle über das schreckhafte Tier verloren, sagt Walk. Gypsy und Zeus fielen immer wieder andere Hunde an, und wenige Wochen vor der tödlichen Attacke auf Volkan biss Gypsy ein elfjähriges Mädchen in den Arm. Da wohnten sie schon neben der Schule Buddestraße in Hamburg-Wilhelmsburg. Das Ordnungsamt verfügte, dass Gypsy nur noch an der Leine und mit Maulkorb ausgeführt werden durfte. Silja W. war so geschockt von dem Angriff ihres Hundes auf das Kind, dass sie das Tier töten lassen wollte. Doch ihr Freund überzeugte sie, dass Gypsy noch jung sei und nur richtig erzogen werden müsse. Als der erste Maulkorb zerbissen war, kauften die beiden keinen neuen. Die "gut aussehenden" fanden sie zu teuer und einen billigen aus Plastik wollten sie nicht.

Am 26. Juni 2000 ging Ibrahim K. mit beiden Hunden in den Hof des Hauses. Auf dem angrenzenden Schulhof war große Pause, die Mauer dazwischen hatte oft genug zum Sprungtraining für die Hunde gedient. Richter Walk schildert in allen Einzelheiten, wie Gypsy auf den spielenden Volkan zurannte, welche Angst das Kind hatte, dass Zeus hinter Gypsy herrannte, wie die beiden Tiere sich zehn Minuten lang in Kopf und Hals des Kindes verbissen, wie Ibrahim K. und wenige Minuten später auch Silja W. vergeblich versuchten, die Hunde von dem Kind wegzureißen, welche Schmerzen Volkan hatte, wie zwei Passanten zur Hilfe eilten, wie Polizisten auf die Tiere schossen, dass Gypsy mit mehreren Kugeln im Körper wieder auf Volkan zukroch, wie sich das Kind mit blutüberströmtem und zerbissenem Gesicht noch einmal aufrichtete und Silja W. flehend anblickte.

Kali Kaya hört sich den Horror schluchzend an, es muss ihm das Herz zerreißen. Dreieinhalb Jahre Haft für ein Menschenleben - "Ich denke, das ist zu gering", flüstert er anschließend. Mehr kann er nicht sagen.



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