Tödliche Angriffe Kampfhund-Debatte - das müssen Sie wissen

Gibt es Hunderassen, die grundsätzlich gefährlich sind? Was ist ein Wesenstest? Fakten zur Debatte über sogenannte Kampfhunde.

Pitbull-Terrier
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Pitbull-Terrier


Sind manche Hunderassen grundsätzlich aggressiver als andere?

Das ist umstritten. Die sogenannten Rasselisten beruhen auf der Annahme, dass manche Rassen von Geburt an aggressiver sind als andere. Kritiker der Rasselisten streiten das ab und sagen: Der Hund ist, was der Mensch aus ihm macht.

"Man kann jeden Hund gefährlich machen, das ist das Problem", sagt Hansjoachim Hackbarth, Leiter des Instituts für Tierschutz und Verhalten an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Keine Rasse sei aggressiver als die andere. Das sieht auch Franziska Kuhne von der Uni Gießen so. Aggressives Verhalten habe immer etwas mit den Erfahrungen des einzelnen Hundes zu tun, nicht mit seiner Rasse. Allerdings hätten große Hunde mehr Kraft und seien daher potenziell gefährlicher als kleine Tiere.

Der österreichische Verhaltensforscher Kurt Kotrschal von der Universität Wien ist anderer Meinung. "Es ist vollkommen klar, dass unterschiedliche Rassen zu unterschiedlichen Zwecken gezüchtet wurden", sagt Kotrschal. Jede Rasse habe andere Eigenschaften, die eine sei gefährlicher als die andere. "Jetzt so zu tun, als seien alle Hunde gleich, ist einfach Unsinn." Staffordshire-Terrier etwa seien Kampfhunde, sie würden schneller außer sich geraten und sich festbeißen.

Gibt es Studien zu dem Thema?

Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover haben sich in den Jahren 2002 und 2004 mit dem Thema beschäftigt. Eine Doktorandin unterzog damals fünf gelistete Hunderassen einem Wesenstest, insgesamt 415 Tiere der Rassen American Staffordshire-Terrier, Bullterrier, Pitbullterrier, Rottweiler, Dobermann und Staffordshire-Bullterrier. Ergebnis: 95 Prozent der Hunde reagierten "angemessen" und zeigten "kein gestört oder inadäquat aggressives Verhalten".

Ein weiterer Doktorand testete 70 Golden Retriever nach demselben Verfahren. 98,6 Prozent der Tiere reagierten "angemessen" - für die Forscher kein "signifikanter Unterschied" zu den als gefährlich gelisteten Hunden. Die vermeintlichen "Kampfhunde" reagierten also kaum aggressiver als die vermeintlichen Familienhunde. Wie oft welche Rasse in Wirklichkeit zubeißt, ist allerdings schwer zu sagen. "Es gibt keine vernünftigen Statistiken", sagt Hackbarth.

Was ist eine Rasseliste?

Auf diesen Listen stehen Hunde, die allein aufgrund ihrer Rasse als gefährlich gelten. Ihre Halter müssen besondere Auflagen erfüllen: In Brandenburg dürfen sie nicht in Mehrfamilienhäusern gehalten werden, Hamburg schreibt einen Haltungsnachweis und den Besuch einer Hundeschule vor.

Welche Hunde als gefährlich gelten, ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Doch in den meisten Fällen stehen Staffordshire-Terrier, Staffordshire Bullterrier, Pitbull, Bullterrier und Mischlinge aus diesen Rassen auf dieser Liste; Hunde also, die im Volksmund "Kampfhund" heißen. In manchen Ländern stehen noch mehr Tiere auf der Liste, in Bayern etwa der Tosa Inu.

Wo gibt es keine Rasselisten?

Vier Bundesländer verzichten laut Tierschutzbund auf eine pauschale Beurteilung von Hunden aufgrund der Rasse: Niedersachsen, das Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen. In diesen Ländern gelten Hunde erst dann als gefährlich, wenn sie auffällig geworden sind.

Der thüringische Landtag hat die Rasseliste im Januar dieses Jahres abgeschafft. Das Argument: Sie habe sich als nicht hilfreich erwiesen, um die Gefährlichkeit eines Hundes abschätzen zu können, hieß es laut "Mitteldeutscher Zeitung" aus den Fraktionen.

Die Liste war laut dem Bericht 2011 eingeführt worden. Ein Jahr zuvor hatten vier Staffordshire-Terrier-Mischlinge eine Dreijährige in Oldisleben, nördlich von Erfurt, getötet.

Sachkundeprüfung und Hundeführerschein - was ist das?

In Bundesländern mit Rasselisten müssen Halter von Listenhunden in der Regel ihre Sachkunde nachweisen, also ihre Kenntnisse über den richtigen Umgang mit Hunden. Die Prüfung unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland.

In Niedersachsen muss jeder Hundehalter eine Sachkundeprüfung ablegen, der sich nach dem 1. Juni 2011 einen Hund zugelegt hat. Im theoretischen Teil der Prüfung geht es vorrangig um den richtigen Umgang mit dem Tier, die Prüflinge müssen Multiple-Choice-Fragen beantworten (Beispiele können Sie sich hier anschauen). Im praktischen Teil müssen sie unter anderem nachweisen, dass sie ihren Hund unter Kontrolle haben und dass von ihm keine Gefahr ausgeht. Behördlich anerkannte Prüfer nehmen den Nachweis ab.

Die meisten Bundesländer akzeptieren auch Hundeführerscheine als Sachkundenachweis. Diese werden nicht von Behörden ausgestellt, sondern von Hundeverbänden. Ansonsten ähneln sie den Sachkundeprüfungen.

Was passiert bei einem Wesenstest?

Auch der Wesenstest unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, in der Regel aber wird der Hund dabei stressigen Situationen ausgesetzt, gereizt, mitunter provoziert. "Es geht darum, zu gucken, wie der Hund auf bedrohliche Situationen reagiert", sagt Franziska Kuhne, Fachärztin für Verhaltenskunde von der Uni Gießen. Beispielsweise nehme der Tester dem Tier ein Spielzeug weg oder deute an, den Hund zu schlagen.

In Niedersachsen werden die Reaktionen des Hundes auf seine Umwelt, auf Menschen und auf andere Hunde getestet. Das Tier durchläuft etwa 30 Situationen. "Beispielsweise läuft ein Jogger wenige Meter an ihm vorbei", sagt Hansjoachim Hackbarth, Leiter des Instituts für Tierschutz und Verhalten an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. In Niedersachsen müssen alle Hunde den Test absolvieren, die als auffällig gemeldet wurden.

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