Kampusch-TV "Das ganze Land hat sich in Natascha verliebt"

Österreich im Kampusch-Rausch: Das erste Fernsehinterview mit der Ex-Entführten Natascha brachte dem ORF einen neuen Quotenrekord. Die Österreicher sind verblüfft, beeindruckt, neidisch - und schämen sich.

Von Gerlinde Pölsler, Graz


Graz - "Ich - mag - Natafa - Kampuf - faun." Marlena, fünf, zwei Zahnlücken, macht mit Nachdruck klar, dass sie nicht gedenkt, sich gegen acht Uhr abends vom Fernsehgerät zu entfernen: Würde sie doch damit das für 20.15 Uhr angesetzte Interview mit Natascha Kampusch versäumen. Das erste Fernsehinterview mit der für mehr als acht Jahre vermissten jungen Frau war ein Straßenfeger.

Mehr als 2,5 Millionen Zuseher und einen Marktanteil von 80 Prozent bescherte die Sendung dem öffentlich-rechtlichen ORF. Damit ist sie dessen meistgesehene Sendung, seit es in Österreich auch Privatsender und die Quotenmessung per Teletest gibt. Auch Menschen, die eigentlich nicht "dem Voyeurismus Vorschub leisten" wollen, schauten dann doch - und waren "berührt", wie jemand von sich selbst beichtete. Die meisten verfolgten das Ereignis zu Hause, manche in kleinen, privaten Runden mit Freunden oder der Familie.

In Lokalen sahen nur wenige zu. Gerade dort nämlich fanden sich die Kampusch-Resistenten: Im Grazer Café Uhu, bekannt für gemeinsames Fernsehen, hieß es: "Nein, Kampusch schauen geht nicht - es ist ja heute Fußball-Länderspiel mit Österreich."

Schon am Nachmittag gingen die Natascha-Festspiele los, weil auch die Printmedien nicht hintanstehen wollten: Das Magazin "News" sowie Österreichs größte Tageszeitung, das Boulevardblatt "Kronen Zeitung", veröffentlichten in ihren Donnerstagausgaben die ersten Print-Interviews und Fotos des "begehrtesten Gesichts der Welt", als das Frau Kampusch derzeit gehandelt wird. Dazu erhöhten sie ihre Auflagen, erschienen früher als üblich und schickten Straßenverkäufer aus.

"Es ist ein Wunder"

Als Kampusch dann am Bildschirm erschien, machte sich Verblüffung und Bewunderung darüber breit, wie stark und selbstbewusst sie wirkte. "Es ist ein Wunder, dass sie nach so langer Zeit so beinand' ist", brachte es eine ältere Wienerin in der Nachrichtensendung "Zeit im Bild 2" auf den Punkt. Und rasch hatte die so lang Vermisste die Sympathie der Zuseher auf ihrer Seite, wie von vielen Zusehern zu hören und in Online-Foren zu lesen ist.

"Das ganze Land hat sich in Natascha verliebt", schreibt Wolfgang Fellner, Herausgeber der eben neu auf den Markt gekommenen Tageszeitung "Österreich". Respekt nötigt vielen ihre "soziale Kompetenz" ab - dass sie viel Geld in einen Opferfonds stecken und Rücksicht auf die Mutter von Wolfgang P. nehmen wolle. Schon kurz nach Ende des Interviews verkündete die Moderatorin beim "Runden Tisch" zum Thema: "Die Spendenhotline läuft heiß."

Vor allem eines können die Österreicher kaum fassen - und es hinterlässt viele beschämt und ratlos: wie gebildet Kampusch ist und wie gewählt ihre Sprache. Auf die meisten wirkte sie sehr selbstbewusst, ihr Aussagen waren reflektiert. Schon beim "Runden Tisch" war das ein großes Thema: Ihr Anwalt meinte, er würde allen seinen Mandanten wünschen, dass sie so eigenständig agierten wie Kampusch.

"Freiheit für Natascha Kampusch!"

Die große Frage, die der "Österreich"-Herausgeber auf den Punkt brachte: "Warum weiß ein Mädchen, das nie eine Schule besucht hat, mehr über die Welt und das Leben als diejenigen, die jeden Tag acht Stunden pauken müssen? Was läuft falsch an unserem Bildungssystem?" Hämisch schreibt jemand in einem Online-Forum: "Wie ist es möglich, dass ungefähr acht Millionen Österreicher in eine Lage geraten konnten, dass sie vor dieser 18-jährigen erbleichen, während ihnen aufgeht, dass sie selbst nur hilflos stammeln können? Kampusch ist eine Aufforderung, ihren Trainingsrückstand aufzuholen."

Was allerdings manche auch beschäftigt, sind Zweifel an Kampuschs Authentizität. Inwieweit ist Natascha wirklich so stark, wie sie erscheint? Manche Antworten hätten "eintrainiert" gewirkt, meint eine Zuseherin; man habe doch den Eindruck, es sehr stark mit einem "Medienprodukt" zu tun zu haben, eine andere.

Aber auch weniger wohlwollende Meinungen werden laut. Nicht nur die Medien, Kampuschs Beraterteam und die "dummen" Leute, die sich das alles anschauen, werden etwa auf Online-Foren heftig kritisiert. Auch der junge Medienstar selbst ist Ziel von Angriffen. Dies hat offenbar gerade mit Kampuschs starkem Auftreten und der Intelligenz, die sie vermittelt, zu tun. Einige behaupten: "Die spielt ja das alles nur", und überhaupt sei die ganze Geschichte unglaubwürdig. Häufiges Thema ist auch, dass sie "für ihr Leben ausgesorgt" hat. Der Neid darauf ist oft offensichtlich: "Spendenkonto für eine Millionärin?", meint einer provokant in einem Posting. Und manche unterstellen Kampusch, ausgekocht und berechnend zu sein.

Die wesentliche Stimmung ist heute aber: Wohlwollen, Respekt, und: Jetzt haben wir sie gesehen, und jetzt soll man sie in Ruhe lassen. Oder wie es die "Presse" formuliert: "Freiheit für Natascha Kampusch!" Dass sie die bekommt, ist freilich unwahrscheinlich - denn das Interesse an ihr ist noch lange nicht erloschen.



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