Kannibalismus Britischer TV-Sender zeigte Künstler beim Essen eines toten Babys

Gesellschaft ohne Tabus: Der britische TV-Sender Channel 4 zeigte einen Film über einen chinesischen Künstler, der den Körper eines toten Kindes verzehrt.


London - Schon die Ankündigung hatte in Großbritannien eine der schärfsten Debatten über Medienfreiheit und Kunst ausgelöst: Der britische Fernsehkanal "Channel 4" wollte Donnerstagnacht den Dokumentarstreifen "Beijing Swings" senden, der Fotos zeigt, auf denen der chinesische Künstler Zhu Yu offenbar ein totes Baby verspeist.

Bei dem angeblichen Leichnam handelt es sich nach Angaben Zhus um eine Totgeburt. Auf einem der Fotos wäscht er den Körper in einem Spülbecken. Ein weiteres Foto zeigt, wie Zhu in abgetrennte Körperteile beißt. Die Fotos entstanden nach seinen Angaben bei einer Performance mit dem Titel "Menschen essen" in seinem Haus vor etwa zwei Jahren.

Die Dokumentation von "Channel 4", die extreme Praktiken chinesischer Künstler thematisiert, sollte außerdem einen Mann zeigen, der Wein aus einem Glas mit einem marinierten Penis trinkt. "Die Sendung wird kontrovers sein und manche Zuschauer schockieren", sagte ein Channel-4-Sprecher vor der Sendung. "Aber vor der Ausstrahlung des Berichts wird es eine Warnung geben."

Zhu Yu sagte am Donnerstag in Peking, als Künstler sei es seine Aufgabe, Diskussionen über Moral und Kunst auszulösen. Die umstrittenen Fotos hingen an den Wänden der Wohnung, in denen er Journalisten empfing. "Nur wenn Leute es nicht verdammten, es nicht abscheulich fänden, wäre da etwas falsch. Sie schimpfen zu Recht", sagte er. Bei seiner Kunst gehe es darum herauszufinden, ob es noch Grenzen gebe. "Sogar geklonte Menschen tauchen jetzt auf. Wir haben nicht mehr viele Tabus."

Keine Religion verbiete den Konsum von Menschenfleisch, sagte Zhu, der sich als frommen Protestanten beschrieb. Der umstrittene Künstler sorgte bereits im Jahr 2000 für Aufsehen, als er ein Stück Haut von seinem Bauch auf den Körper eines toten Schweins transplantierte.

Politiker und Medienkritiker protestierten gegen die geplante Ausstrahlung des Dokumentarfilms. Die britische Rundfunkaufsichtsbehörde teilte mit, sie könne den Film erst bewerten, nachdem er ausgestrahlt worden sei. Die chinesische Botschaft in London bezeichnete den Film als rufschädigend. Der Sender "Channel 4" hatte im November für Wirbel gesorgt, als er live übertrug, wie der deutsche Mediziner Gunther von Hagens öffentlich eine Leiche sezierte.

Im Mai 2001 hat das chinesische Kulturministerium eine Verordnung herausgegeben, die den Gebrauch von menschlichen und tierischen Körperteilen in der Kunst unter Strafe stellt. Demnach kann gegen Künstler, die dagegen verstoßen, eine Haftstrafe von zehn Jahren verhängt werden.



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