Kanzlers Haarpracht Schröder zieht vor den Kadi

Bundeskanzler Schröder macht in Sachen eigene Haarfarbe Ernst: In einem Verfahren vor dem Landgericht Hamburg will er offiziell feststellen lassen, dass seine Haare weder gefärbt noch getönt sind. An schlagkräftigen Beweisen arbeitet mittlerweile ein ganzer Stab von Juristen, denen kein Mittel zu peinlich ist.

Von


Gerhard Schröder will die Causa Haare endgültig vom Tisch haben, agiert aber etwas unwirsch
REUTERS

Gerhard Schröder will die Causa Haare endgültig vom Tisch haben, agiert aber etwas unwirsch

Berlin/Hamburg - Am 12. April wird die Haar-Affäre des Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) einen neuen Höhepunkt erreichen. Dann nämlich will der Kanzler-Anwalt Michael Nesselhauf vor dem Landgericht Hamburg eine gerichtliche Unterlassungserklärung gegen die Nachrichtenagentur ddp erreichen. Ziel des juristischen Kampfs: Die Agentur soll in Zukunft ein Zitat der Imageberaterin Sabine Schwind von Egelstein nicht mehr verbreiten dürfen. In einem ddp-Interview hatte die erfahrene Gesellschaftsdame im Januar vorsichtig geäußert, dass es der "Überzeugungskraft" des Kanzlers zugute kommen würde, "wenn er sich die grauen Schläfen nicht wegtönen würde".

In der Presse sorgte das Zitat nicht für großen Wirbel, denn unter der Hauptstadt-Journaille gilt der Klatsch über die erstaunlich kastanienbraunen Haare des Kanzlers als Klamotte aus dem Wahlkampf 1998. Dutzendfach wurde über Tönungen an Haar und Augenbrauen des 57-jährigen Politikers sinniert, meist in eher klatschlastigen Postillen. Damals wie heute tobte der Kanzler. Vertraute berichteten in den letzten Wochen immer wieder, dass er durch die Vermutungen über seine künstlich verdunkelte Haarfarbe "sauer bis zur Weißglut" war und deshalb eigens seinen Vertrauensanwalt Michael Nesselhauf in die Spur schickte. Der Jurist sollte verhindern, dass die Gerüchte über die getönten Haare in den kommenden Monaten in den Porträts über den Kanzler im Wahlkampf auftauchen. Zuerst hatte dies auch Erfolg: ddp schickte an seine Kunden per Eilmeldung eine Richtigstellung - die Kuh war offenbar vom Eis.

Ermittlungen und Beweise

Doch nun will der erfahrene Medienmann Nesselhauf, der auch zwölf Jahre Verlagsleiter beim SPIEGEL war und in Journalistenkreisen als Abfindungsexperte bei Kündigungen gilt, eine Kapitulation von ddp. Deshalb setzte er offenbar eine ganze Rechercheeinheit in Gang. Beweise wurden gesichert und Spuren in der Causa Haarfarbe verfolgt. Mittlerweile umfasst die Akte "Schröder gegen Nachrichtenagentur ddp" mehrere Dutzend Seiten.

Starfigaro Udo Walz aus Berlin ist der Kronzeuge des Kanzlers in der Haaraffäre

Starfigaro Udo Walz aus Berlin ist der Kronzeuge des Kanzlers in der Haaraffäre

Darin legten zum Beispiel die beiden Friseure des Kanzlers, Stephan Kraus aus Hannover und Udo Walz aus Berlin, eidesstattliche Versicherungen ab. Wortgleich versichern die beiden Haarkünstler, dass des Kanzlers Haupthaar in der Zeit bei den beiden Figaros "stets in natürlichem Zustand war". Die Haare des Bürgerkönigs seien weder "gefärbt noch getönt" gewesen, schreiben die beiden Haarexperten. Offenbar beschäftigt die Affäre mittlerweile nicht mehr nur die Juristen um Nesselhauf, sondern auch das Kanzleramt - zumindest sind auf der eidesstattlichen Versicherungen von Walz noch die Faxkennungen des Kanzleramtes zu erkennen.

ddp will keine Kampagne

ddp-Chefredakteur Bernd von Jutrczenka versteht die Aufregung der Kanzler-Juristen nicht. "Wir haben alles getan, was verlangt wurde, und hätten das Zitat nicht mehr verwendet", sagte er SPIEGEL ONLINE am Freitag, "doch wenn der Kanzler meint, uns ein Zitat, das nicht von uns stammt, verbieten zu können, ist das presserechtlich äußerst bedenklich." Deshalb werde man sich dem Gericht stellen, um den "komischen Vorgang" zu klären. Von Jutrczenka zeigte sich optimistisch, den Fall zu gewinnen. Doch auch dann will er die Haarfarbe nicht mehr zum Thema machen. "Wir haben nie eine Kampagne gewollt", so Jutrczenka.

Doch die ddp-Journalisten sind nicht die einzigen Betroffenen des Kanzler-Feldzuges. Auch die "Bild"-Zeitung, des Kanzlers Lieblingsblatt, bekam Post von Michael Nesselhauf. Grund war eine der täglichen Kolumnen "Post von Wagner", die der ehemalige "Bunte"-Chefredakteur Franz Josef Wagner, eine veritable Boulevardlegende, verfasst. Wagner hatte dort eigentlich an Edmund Stoiber die Bitte gerichtet, nicht so wie Schröder zu werden, der durch "ewig dunkles Haar im Kreis der graubärtigen Weggenossen" auffalle. Nesselhauf bat daraufhin die "Bild"-Zeitung, "in Zukunft sicherzustellen, dass Formulierungen dieser oder ähnlicher Art unterbleiben". Wenn nicht, ergehe es der "Bild"-Zeitung wie ddp, drohte der Anwalt. Einen ähnlichen Brief erhielt auch die Society-Postille "Gala", die ebenfalls eine Andeutung über die Haarpracht des Regierungschefs abgedruckt hatte. Beide wollen sich an diese Kanzler-Weisung halten.

Zu Beginn des Rechtsstreits hatte der Kanzler-Anwalt Nesselhauf noch gesagt, man wolle die Sache mit der Richtigstellung ein für alle Mal "vom Tisch" haben. Andere Medien würden sich nach der Eilmeldung von ddp an die Regeln halten, hoffte Nesselhauf. Ob die Theorie mit dem Gang vor den Kadi aufgeht, ist zweifelhaft. Denn jetzt werden sich die Medien nicht mehr mit de.r Haarfarbe an sich, sondern mit dem Rechtsstreit darüber befassen.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.