Empörung über Kardinal Meisner Ein Ausrutscher war das nicht

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat Muslime mit einer kruden Aussage zu Familien beleidigt. "Vielleicht unglücklich" nennt er nun seine Wortwahl - doch dahinter steckt eine klare Haltung: Meisner hat in seiner Amtszeit rechten Kirchengruppen Tür und Tor geöffnet.

Ein Kommentar von


Das war nicht der Ausrutscher eines alten Kirchenmannes kurz vor seinem Abtritt. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner, 80, weiß genau, was er redet und predigt. Er bedient und befeuert schon lange den rechten Flügel der katholischen Kirche, mal mit homophoben, mal mit islamkritischen Äußerungen, so wie jetzt auf einer Veranstaltung des Neokatechumenalen Weges. Dabei ist nichts weniger wünschenswert als ein Brückenschlag zwischen der politischen und der kirchlichen Rechten.

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Heft 5/2014
Vatikan-Umfrage zur Kluft zwischen Kirche und Gläubigen

Unter den 800 Zuhörern saßen Meisners strenggläubige Lieblingskatholiken, an die er ein nun heftig umstrittenes Wort richtete: "Ich sage immer, eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien." Meisner, dem die kinderreichen katholischen Familien gefallen, bedient so Ressentiments und islamfeindliche Stimmungen. Gleichzeitig ist es ein erschreckender Einblick in Mentalität und Geist eines hochrangigen Katholikenführers, der jahrzehntelang die Linie der deutschen katholischen Kirche und deren Personalentscheidungen geprägt hat.

Meisners Äußerung fand auch nicht zufällig vor diesem Publikum statt. Die anwesenden Jungkatholiken gehören zu den stark umstrittenen rechten Strömungen in der katholischen Kirche wie Opus Dei, Piusbrüder oder Petrusbrüder. Die "Neokats" haben schon vielerorts - nicht nur in Deutschland - mit sektenähnlichen Methoden nach der Macht in katholischen Gemeinden gegriffen und für Unruhe gesorgt.

Kritische Korrektive systematisch ausgeschaltet

Homophobe und islamophobe Vorstellungen grassieren in diesen Glaubenszirkeln. Meisner aber hat im Kölner Bistum diesen und anderen Gruppen Tür und Tor geöffnet und dabei gleichzeitig liberale Kritiker immer wieder mundtot gemacht. Der Kardinal dankte in seiner Ansprache ausdrücklich für das Glaubenszeugnis der "Neokats" und lobte die Bereitschaft der Gemeinschaft zur "Gründung großer Familien".

Viele Anwesende haben offenbar Meisners dann folgenden Satz hingenommen, Protest gab es keinen. Sieben katholische Bischöfe saßen ebenfalls im Saal, offenbar ohne sich merkbar aufzuregen, darunter der konservative deutsche Kurienkardinal Paul Josef Cordes, der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sowie der Bischof von Dresden-Meißen, Heiner Koch, der als ein möglicher Nachfolger Meisners gilt.

Erstaunlich ist auch, dass Meisners Pressestelle nichts dabei fand, dessen Äußerungen als Video ins Internet zu stellen. So kann's kommen, wenn man kritische Korrektive systematisch ausgeschaltet hat. Über Meisners Sprüche und Aktionen werden zwar selbst unter hohen Geistlichen hin und wieder die Augen verdreht, doch kaum einer hat es gewagt, Meisners kirchenpolitischen Kurs jemals offen anzugreifen, um letzten Endes auch Schaden von der Kirche abzuwenden.

Kritik unerwünscht

Wie die "Neokats" eine Gemeinde fundamentalistisch verändern können, weiß man in Köln eigentlich. Nachdem ein aufrechter Pfarrvikar das Treiben der frömmelnden Kirchenrechten in einem Brief an Kardinal Meisner kritisiert hatte, bekam er keinen Job mehr als selbständiger Pfarrer. Kirchenfürst Meisner, der in wenigen Wochen abtreten wird, kann Kritik an seinem langjährigen praktizierten Rechtsruck der Kirche nicht leiden. Trotz heftiger Auseinandersetzungen im Priesterrat seines Erzbistums genehmigte er ein Priesterseminar des Neokatechumenalen Weges.

Über seine Pressestelle versucht Meisner angesichts der Proteste islamischer Verbände jetzt Schadensbegrenzung, ähnlich wie in früheren Fällen stellt er seine Worte als angeblich unbedachte Äußerungen dar: "Meine Wortwahl", erklärt er, "war in diesem Fall vielleicht unglücklich."

Nun, wegen seines Alters am Ende seines Wirkens angekommen, hinterlässt der Gotteskrieger vom Rhein ein riesiges und reiches Bistum, in dem die Kluft zwischen Kirchenführung und Kirchenvolk viel zu groß geworden ist. Bei der Wahl seines Nachfolgers wollen die Kölner Katholiken diesmal mitbestimmen können. Lässt Papst Franziskus das bei solch einer wichtigen Entscheidung zu, würde er zeigen, dass er nicht nur anders redet als seine Vorgänger, sondern auch anders handelt.



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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
sara100 29.01.2014
1. Klar...
war das mit voller Absicht gesagt worden. Wer geglaubt hat das er das nur mal so gesagt hat ohne darüber nachzudenken der verklärt hier die rechte Ecke bei den Katholiken. Meisner ist vielleicht 80 aber er ist nicht dumm und er hat eine klare Haltung. Und die ist Rechts !!
freyhajt 29.01.2014
2. wo ist das Problem?
- seine Kirche will ich eh nicht angehören. - bei solchen Äußerungen kann man doch nur froh sein, dass das Zölibat zumindest teilweise die Ausbreitung solcher Meinungen einschränkt - Meissner ist in der Vergangenheit nicht gerade durch Liberalismus aufgefallen insgesamt bin ich froh, dass das Phänomen Kirche seit Jahren auf einem absteigenden Ast sitzt, solche Meinungen braucht doch im 21. Jahrhundert kein Mensch mehr
raber 29.01.2014
3.
Unglücklich war auch die Wahl von Joachim Meisner als Kardinal. Es nur als eine unglückliche Wortwahl zu bezeichnen zeigt schon von der Borniertheit dieser Person. Endlich muss er nun gehen und falls ein Nachfolgekandidat eine ähnliche Meinung haben sollte (selbst wenn nicht veröffentlicht), dann sollte er überhaupt nicht als Kandidat betrachtet werden.
gamh 29.01.2014
4. Verfallsdatum abgelaufen
Josef Ratzinger hat es ihm vorgemacht, man kann beizeiten in Pension gehen, emeritieren, sogar als Papst der katholischen Kirche. Warum also nicht auch als Kardinal? Diesen Zeitpunkt hat Meisner nun offensichtlich verpasst. Denkwürdige Äusserungen hat er schon früher zum Besten gegeben - dieser aktuelle Klops scheint mir die Krönung zu sein.
isegrim der erste 29.01.2014
5. Versprecher?
Diese katholischen Kirchenfürsten widersprechen sich all zu oft. Erst Tebartz-van Elst mit seinem First-Class Flug, jetzt der Meisner. Um eine Ausrede ist man nie verlegen und die Wahrheit hat das Nachsehen - Die Glaubwürdigkeit der gesamten Katholischen Kirche damit natürlich auch!
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