Karneval in Rio: Samba alemão

Von , Rio de Janeiro

Brasilianischer Samba und Goethe haben nicht viel gemein - eigentlich. Doch dieses Jahr wählte eine von Rios berühmten Sambaschulen das "bezaubernde Deutschland" als Thema ihres Auftritts. So tanzte auch Mephisto mit. Er hatte es schwer.

Die Bartfusseln made in China kleben im Mund, der Helm mit den Hörnern rutscht, die pinkfarbenen Kunstlederschuhe sind zwei Nummern zu klein, die Reißverschlüsse an den Seiten haben sich gerade verabschiedet. Helfer zerren an dem Reifenkorsett, das meinen Kostümmantel in Form halten soll, es guckt unten raus, so lassen sie mich nicht ins Sambodrom, das gibt Punktabzug. Also alles noch einmal runter.

Der Auftritt der Sambaschulen im Sambodrom ist der Höhepunkt des Karnevals von Rio de Janeiro - und Deutschland ist in diesem Jahr prominent vertreten: Die Schule Unidos da Tijuca hat als Motto "Bezauberndes Deutschland" - und ich bin mittendrin: Als Mephisto.

Jemand hebt den riesigen Federkranz samt Kragen aus der Verankerung und setzt ihn auf dem Straßenpflaster ab. Vorsicht mit den scharfen Stahlhaken, die sich in den Nacken bohren, eigentlich bräuchte man für dieses Kostüm einen Waffenschein. Ein Totenkopf aus Plastik löst sich vom Mantel, rasch ist ein Helfer mit einem Klebespray zur Stelle, bei meinem Kollegen zur Linken hat er gerade ein Horn wieder an den Helm gepappt, als Einhorn macht Mephisto keine gute Figur.

Defilieren hat was von Masochismus, jedenfalls wenn man so ein Monster-Kostüm mit sich herumschleppt. Etwa 30 Kilo Schaumstoff, Synthetikpelz und Federschmuck verbargen sich in den schwarzen Plastiksäcken, die mir ein Konsulatsmitarbeiter zwei Tage vor dem großen Umzug in die Hand gedrückt hatte.

Ist das womöglich die Rache der Sambaschule Unidos da Tijuca dafür, dass sich die Deutschen mit ihrem Auftritt bei der "größten Fete der Welt" so schwer getan haben? Grund genug hätten sie: Erst mussten sie ihr Thema von Wagner in "Verzaubertes Deutschland" ändern, weil Wagner zu nah an den Nazis schien, dann machten sich die erhofften Sponsoren aus der deutschen Wirtschaft rar. Der Generalkonsul in Rio schaffte es schließlich, drei deutsche Firmen ins Boot zu holen, aber das Geld reichte nicht, die Schule musste abspecken, ausgerechnet ein französisches Unternehmen sprang als größter Sponsor ein.

Sambastrapazen bei 30 Grad

Aber irgendwie hat dann doch noch alles geklappt. Wir laufen als dritte Schule, zwei Stunden dauert es noch, das Thermometer am Straßenrand zeigt um 21 Uhr immer noch 30 Grad, die Bierverkäufer frohlocken. Und irgendwie haben sie es jetzt auch geschafft, mein Reifenkorsett unter dem Teufelsmantel verschwinden zu lassen.

Eigentlich müsste ich ja als Faust gehen, denn ich habe heute Abend meine Seele verkauft. Mein Herz schlägt eigentlich für die Sambaschule, die vor uns läuft. Die heißt Salgueiro und kommt wie die Unidos aus Tijuca, einem Viertel im Norden von Rio. Vor genau 20 Jahren bin ich mit Salgueiro zum ersten Mal im Sambodrom defiliert - und wurde Champion. Den Samba, der uns damals durch die Arena begleitet hat, kennt jeder Carioca, wie die Einwohner von Rio heißen: Explode Coracao, das Herz explodiert. Damals ging ich als Vogelhändler, das Kostüm war leicht und luftig, Regen hat uns abgekühlt. Mein Herz ist damals explodiert, ich habe mir die Kehle aus dem Hals gesungen, und das als hüftsteifer Hamburger. Der Karneval wäscht die Seele, Cariocas kennen keinen Burnout.

Touristen können bei den meisten großen Sambaschulen mitlaufen, man muss nur das Kostüm kaufen. Bei Salgueiro habe ich damals 100 Dollar bezahlt, heute kostet so eine "Fantasía" über 500 Euro.

Mit dem Donnergott durch die deutsche Geschichte

Die Organisatoren positionieren die Gringos strategisch so zwischen Gruppen von Brasilianern, dass es nicht auffällt, wenn sie den Samba nicht auswendig können oder mehr stolpern als tanzen. Bei Unidos da Tijuca machen rund 4000 Leute mit, da lassen sich locker ein paar Dutzend Gringos verstecken.

Glücklicherweise ist der Samba in diesem Jahr so eingängig, dass auch Ausländer schnell den Refrain beherrschen. Er erzählt die Reise des Donnergotts Thor, der zur Erde fährt und einen Streifzug durch die deutsche Geistes- und Erfindergeschichte unternimmt. Die Jahre von 1933 bis 1945 spart er freundlicherweise aus.

Vor uns tanzen Elfen und Drachen, hinter uns schiebt sich der "Fliegende Holländer" als weiß leuchtender Karnevalswagen Richtung Sambodrom. Ein bisschen Wagner hat Paulo Barros, der Regisseur dieser Karnevalsoper, doch noch belassen, die alten Damen der Sambaschule gehen als Walküren. Vor uns heben Kräne die Tänzerinnen auf die Karnevalswagen, die Truppe hinter uns stimmt den Samba an, gleich geht es los. Schnell noch ein letztes Bier, Straßenhändler mit Kühlboxen wuseln zwischen den Teufeln. Betrunkene werden aussortiert, sie dürfen nicht defilieren, aber ein bisschen Mut antrinken ist erlaubt.

Nur: Wie wird man die Flüssigkeit wieder los? Wenige Meter vor dem Sambodrom gibt es keine Chemieklos mehr, Aus- und Anziehen dauert bei diesen Klamotten mindestens eine halbe Stunde. Mein Teufelsnachbar hat sich in weiser Voraussicht eine Pinkelflasche gebastelt, die er irgendwo unter dem Reifenrock versteckt hat.

Feuerwerksraketen in blau und gelb, den Farben der Sambaschule, zischen in den Nachthimmel, sie kündigen unseren Auftritt an. Die Batería, wie die Trommlertruppe heißt, spielt sich warm. Schubweise nähern wir uns dem Sambodrom. Der Chef unserer Teufelstruppe, ein stämmiger Brasilianer, heizt uns ein, ich reiße die Arme hoch. Plötzlich tauchen wir in gleißendes Scheinwerferlicht ein. "E Campeao!" grölen Zuschauer von den voll besetzten Tribünen, "Ihr seid der Champion!", sie schwenken blaugelbe Fähnchen.

Samba tanzen ist in diesem verteufelten Kostüm praktisch unmöglich, der Rock beschränkt die Beinfreiheit, ich gebe trotzdem mein Bestes. Orangefarbene Federbüsche wippen um mich herum, beim Singen kaue ich auf falschen Barthaaren, mein Hintermann rempelt mich an. Eine Zeitlang treten wir auf der Stelle, mit dem Karnevalswagen vor uns gibt es Probleme, er hat sich offenbar festgefahren.

750 Meter können ganz schön lang sein

Links winken Bürgermeister und Gouverneur aus ihren Logen, Präsidentin Dilma Rousseff hat abgesagt, ihre Begeisterung für den Karneval ist etwa so groß wie die von Angela Merkel. Irgendwo in der VIP-Loge steht Megan Fox, auch ihr Schauspielerkollege Will Smith ist da, Harrison Ford hat sich angesagt.

Der Schweiß brennt in den Augen, in meinem Kostüm herrscht Saunatemperatur. Der Vordermann vorne links macht schlapp, er kann sich gerade noch zur Absperrung schleppen, hoffentlich haben die Juroren das nicht gesehen. Ich versuche zwischen den wippenden Federbüscheln einen Blick auf den riesigen Bikinipo zu erhaschen, so heißt der von Oscar Niemeyer entworfene Betonbogen am Ende des Sambodroms im Volksmund. Er ist die Zielmarke, da müssen wir hin, 750 Meter können ganz schön lang sein.

Links rückt die erste Loge mit den Juroren ins Blickfeld, ich gröle den Sambarefrain und drehe mich, vielleicht macht das Eindruck. Eine Dame neben mir hüpft wie frenetisch über den Asphalt, wie hält die das nur durch? Der Aufbau unserer Teufelstruppe ist längst dahin, irgendwo vorne rechts tanzt meine Frau.

Die ersten Bärte fallen, mein Nachbar hat ein Horn verloren, Kollateralschäden. Langsam nähern wir uns dem riesigen Betonbogen mit den Fernsehkameras, vor ihm zittern alle Sambaschulen, manch ein Karnevalswagen ist hier schon hängengeblieben, jedes Jahr werden die Wagen höher. Der "Fliegende Holländer" geht glatt durch, die Leute klatschen, jetzt fehlen nur noch hundert Meter zum Bikinipo, gut eine Stunde sind wir am Tanzen.

Völlig ausgepumpt traben wir auf den "Platz der Apotheose", den Platz am Ende des Sambodroms. Ich reiße mir den Helm vom Kopf und den Federschmuck vom Rücken, irgendwie winde ich mich aus dem Totenkopfmantel, der Reifenrock fliegt in die Ecke, endlich frei, in Bermudas, T-Shirt und pinkfarbenen Stiefeln lehne ich am Gitter, erschöpft aber glücklich. Am Aschermittwoch ist Auszählung, wenn wir unter den ersten sechs sind, dürfen wir bei der Siegerparade am Samstag defilieren. Wenn dann noch was von den Kostümen übrig ist.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Samba alemana
osambista 11.02.2013
"Samba alemana" - bei der Überschrift tun einem Augen und Ohren weh! Erstens heißt es "o samba" und zweitens ist "alemana" nicht Portugiesisch (die weibliche Form wäre "alemã"). Richtig müsste es "samba alemão" heißen.
2. Fragezeichen...
jochenbrirske 11.02.2013
Wieso sollen Samba und Goethe nichts gemein haben? Mir scheint vielmehr, der Autor weiß über beide letzlich...quasi nichts.
3. Sehr schön!
Jan Svensson 12.02.2013
Wie immer ein toller, sehr realistischer, aber feinfühlig liebevoller Beitrag von Jens Glüsing über Brasiliens wundersame Eigenarten. Ein kleiner Hinweis an Autor oder Lektorat: Worte mit Endung -ia erhalten im Portugiesischen keinen Akzent, es heißt also "Fantasia", "Bateria", ... oder auch "Maria" (und nicht "Fantasía" usw.).
4. Portugiesische Grammatik
ratinhomineiro 12.02.2013
gemeine Falle, nicht alle Wörter die auf a enden sind weiblich. Einem Touristen sei es entschuldigt. lol
5. Alaaff fuer den Autor Jens Gluesing
Islamkritiker 12.02.2013
... weil er versucht hat uns dieses Ereignis, witzig verpackt, aus der Mitte des Geschehens heraus naeherzubringen. Jens, besuch mich, wenn Du mal in Maceió bist...
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