Katastrophe in Haiti Warum Obama Tausende Retter schickt

Soldaten, Rettungskräfte, Ärzte, Diplomaten und Spenden sind unterwegs: Die USA reagieren unverzüglich und mit massivem Einsatz auf das Erdbeben in Haiti. Dahinter steckt nicht nur Nächstenliebe - sondern auch strategisches Kalkül.

Von , New York


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Haiti und die USA: Der Hilfseinsatz
Barack Obama verlor keine Zeit. "Ich habe meine Regierung angewiesen, mit einer raschen, koordinierten und aggressiven Kraftanstrengung zu reagieren", sprach der US-Präsident nur wenige Stunden nach der Bebenkatastrophe 2300 Kilometer entfernt. "Die Menschen von Haiti haben die volle Unterstützung der Vereinigten Staaten."

Steif stand Obama im diplomatischen Empfangssaal des Weißen Hauses, neben ihm sein Vize Joe Biden, beide in schwarzen Anzügen und mit ernsten Mienen. Dies war die Stunde für gesetzte Töne. Für eine andere Rhetorik, als sie Washington sonst gewohnt ist. Obama erinnerte an die "gemeinsame Menschlichkeit, die wir alle teilen", an die nur "wenige hundert Meilen Ozean zwischen uns". Dann schloss er mit einem Versprechen: "Ich schwöre den Menschen von Haiti, dass sie in den USA einen Freund und Partner haben."

Und so mobilisierte Obama, mit der ersten humanitären Megakrise seiner Amtszeit konfrontiert, eine beispiellose Hilfsaktion. Tausende Soldaten, Rettungskräfte, Ärzte, Schiffe, Flugzeuge, Helikopter, Spenden: Eine Welle der US-Unterstützung setzte sich in Bewegung.

Außenministerin Hillary Clinton brach ihre Pazifikreise ab. Ihr Mann Bill Clinton eilte zur Uno, der er als Haiti-Sonderbotschafter dient. All das ist sicher ein spektakuläres Fanal von Selbstlosigkeit und Nächstenliebe - Eigenschaften, mit denen die USA bei globalen Katastrophen immer wieder glänzen. Zugleich beginnt aber auch ein weiteres Kapitel in der Hassliebe, die die reichste und die ärmste Nation der westlichen Welt seit langem verbindet. "Hilfe" bedeutete da nicht immer einfach nur Hilfe - sondern meinte stets ein komplexes Geflecht aus geopolitischen Interessen und Eigennutz.

Auch diesmal preschte das US-Militär voran. Das Pentagon setzte den Flugzeugträger "Carl Vinson" nach Haiti in Marsch, wo er im Laufe des Donnerstags eintreffen sollte. Zahlreiche weitere Kriegsschiffe wurden zum Zivildienst mobilisiert, etwa das Lazarettschiff "Comfort" und ein Amphibienschiff mit einer Einheit aus schätzungsweise 2000 Marineinfanteristen.

"Das Ziel der ersten 72 Stunden: Leben retten"

General Douglas Fraser, der Kommandeur des US-Südkommandos in Miami, deutete an, dass die USA bereit seien, die dezimierten Uno-Friedenstruppen in Haiti zumindest vorübergehend mit eigenen Soldaten zu unterstützen. "Dies ist eine Katastrophe von epischen Proportionen", sagte ein Mitarbeiter Frasers zu SPIEGEL ONLINE. Auch die US-Küstenwache brachte vier Boote auf den Weg.

Hillary Clinton, auf Zwischenstation in Hawaii, trat dort zunächst mehrfach vor die Presse und kehrte dann nach Washington zurück. Im siebten Stock des State Departments tagte ein Krisenstab die Nacht hindurch. Clinton war sichtlich aufgewühlt. "Sie ist biblisch, die Tragödie, die Haiti und das haitianische Volk anhaltend plagt", sagte sie. "Es ist so tragisch. Es gab so viel Hoffnung für Haitis Zukunft. Und dann kommt Mutter Natur und macht das einfach platt."

Betroffen sind auch rund 45.000 Amerikaner, die sich zur Zeit des Bebens in Haiti aufhielten. Nach Angaben von Clinton-Beraterin Cheryl Mills hat die US-Botschaft in Port-au-Prince - die weitgehend unversehrt blieb - erst zu wenigen Dutzenden Kontakt aufnehmen können, um ihre Evakuierung vorzubereiten. Es gebe "eine Reihe" verletzter US-Bürger, sagte Mills. Acht seien Botschaftsmitarbeiter.

Die US-Hilfsorganisation USAID stellte eine Haiti-Sondertruppe zusammen und mobilisierte kommunale Such- und Rettungsteams aus dem ganzen Land, darunter Einsatzgruppen aus Los Angeles, Miami und Virginia, die sich in der Nacht zum Donnerstag auf den Weg machten. "Das Ziel des Hilfseinsatzes wird sich in den ersten 72 Stunden darauf konzentrieren, Leben zu retten", sagte USAID-Chef Raj Shah.

"Nur fünf Dollar können den Unterschied machen"

Aber auch für viele Uno-Mitarbeiter in Haiti kommt das wohl zu spät. Bis zu 150 wurden unter den Trümmern der eingestürzten Uno-Dependance in Port-au-Prince begraben, eines fünfstöckigen Hotels. 16 tote Uno-Angestellte waren am Mittwoch bereits identifiziert, darunter angeblich auch Hédi Annabi, der Uno-Chefgesandte und Leiter der Blauhelm-Truppe in Haiti, die aus 9000 Soldaten und Polizisten und fast 2000 Zivilisten besteht. Vor der Uno-Zentrale in New York wehten die blau-weißen Flaggen des Staatenbundes auf Halbmast.

Drinnen drängte Bill Clinton vor der Vollversammlung auf internationale Hilfe und Spenden und machte dann die Runde durch die TV-Nachrichtensendungen. "Nur fünf Dollar können den Unterschied machen", sagte er. Beide Clintons haben seit langem auch eine ganz persönliche Beziehung zu Haiti: Sie verbrachten dort 1975 ihre Flitterwochen.

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Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone
Bill Clinton spielte später auch eine tragende Rolle in der verzwickten US-haitianischen Geschichte. Als Präsident sorgte er durch eine amerikanische Intervention dafür, dass Haitis gestürzter Staatschef Jean-Bertrand Aristide ins Amt zurückkam, in der Hoffnung, in ihm einen Vasall zu haben. Doch Aristide entpuppte sich als ebenso korrupt wie seine Vorgänger und wurde 2004 erneut verjagt. Es war ein uraltes Dilemma.

Seit Columbus 1492 anlandete, ist Haiti ein außenpolitisches Paradox, an dem sich nicht nur die USA verhoben haben. Ein strategischer Stützpunkt unweit Kubas, ein Spielball fremder Mächte, unterjocht, ausgebeutet und seines Reichtums beraubt, von den Spaniern, den Franzosen, den Amerikanern. Und immer wieder hat es sich freigekämpft - nur um darauf wieder in einem neuen Elend zu landen.

"Pakt mit dem Teufel geschlossen"

Jetzt steht auch Obama, der kommende Woche exakt ein Jahr im Amt ist, vor seiner Haiti-Herausforderung: Der Außenposten darf nicht vor die Hunde gehen. Außerdem muss Obama die Pannen seines Vorgängers George W. Bush vermeiden, der sich zunächst nach dem Tsunami von 2004 blamierte und dann nach dem Hurrikan "Katrina". Obama sagte eine Reise nach Maryland ab, blieb im Weißen Haus und telefonierte den ganzen Tag mit Staatschefs und Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon.

Einige US-Konzerne warfen sich ebenfalls ins Zeug. Der Autobauer GM stellte 100.000 Dollar fürs amerikanische Rote Kreuz zur Verfügung. "Hier geht es nicht ums Geschäft", erklärte Vorstandschef Ed Whitacre. "GM-Angestellte empfinden tiefes Mitgefühl." Google spendete eine Million Dollar für Haiti und organisierte weitere Hilfsgelder übers Internet.

Mindestens ein US-Prominenter wollte davon allerdings wenig wissen. Der TV-Prediger Pat Robertson machte Haiti stattdessen für das Beben selbst verantwortlich: Seit es vor mehr als 200 Jahren "einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe", sei es eben vom Unglück verfolgt. Robertson spielte auf die Revolte des einstigen Sklavenstaats gegen Frankreich und Haitis Unabhängigkeitserklärung 1804 an. "Sie standen unter der Knute der Franzosen, Napoleon III. oder so einer", dozierte Robertson. Er meinte zwar Napoleon I., auch Bonaparte genannt - Napoleon III. wurde erst 1808 geboren. Aber mit der Geschichte haben es die Amerikaner in Haiti nie genau genommen.



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