Katastrophe in Italien Erdbeben in den Abruzzen macht Zehntausende obdachlos

Ganze Orte gleichen einem Trümmerfeld: Nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien wurden bisher mehr als 90 Tote geborgen - die Helfer vermuten viele weitere Leichen unter den Ruinen. Der Zivilschutz rechnet mit 50.000 Obdachlosen, Ministerpräsident Berlusconi rief den Notstand aus.


Hamburg - Das Beben überraschte die Menschen im Schlaf: Um 3.32 Uhr zitterte in der Region um die Stadt L'Aquila die Erde. Menschen liefen in Panik auf die Straßen, mehrgeschossige Gebäude fielen in sich zusammen wie Kartenhäuser. Stunden nach der Katastrophe laufen Überlebende, in Decken gehüllt, wie in Trance durch die völlig zerstörten Straßen, bahnen sich ihren Weg durch Geröllwüsten und Schuttberge. Viele haben alles verloren: Angehörige und Freunde, ein Dach über dem Kopf, das persönliche Hab und Gut.

Innenminister Roberto Maroni schätzte die Zahl der Toten am Mittag auf mindestens 50, die italienische Nachrichtenagentur Ansa zitiert Rettungskräfte, wonach bereits 92 Leichen geborgen sein worden sollen.

Doch niemand weiß, wie viele Menschen noch unter den Trümmern begraben sind. Die Behörden fürchten, dass die Zahl der Opfer in den kommenden Stunden weiter steigen wird.

"Wir müssen uns um Tausende Menschen kümmern"

Viele der Gebäude, die dem Beben scheinbar getrotzt haben, sind nach Angaben des Zivilschutzes einsturzgefährdet, so auch das größte Krankenhaus der Stadt L'Aquila, die am schwersten betroffen ist. Nur zwei der Operationssäle sind noch funktionsfähig. Ein Feldlazarett war laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa auf dem Weg nach L'Aquila. Die besonders schwer Verletzten wurden per Hubschrauber in benachbarte Kliniken transportiert.

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10.000 bis 15.000 Häuser sollen beschädigt worden sein - rund 50.000 Menschen haben nach Schätzungen der Zivilschutzbehörde ihr Dach über dem Kopf verloren. Sie sollen rasch in Hotels oder Notunterkünften untergebracht werden, sagte Innenminister Maroni bei einem Besuch in L'Aquila. "Das heißt, dass wir uns in den nächsten Wochen um Tausende Menschen kümmern müssen", sagte Agostino Miozzo vom Zivilschutz dem Sender Sky Italia. Doch Nachbeben erschweren die Suche nach den Vermissten.

Es waren nicht mehr als 30 Sekunden, in denen die Erde zitterte - sie reichten aus, um die historischen Stadtkerne völlig zu zerstören. Augenzeugen berichten, sie hätten zunächst an Einbrecher gedacht, als sie in der Nacht von den Geräuschen geweckt worden seien - "dann war es so laut, als sei eine Bombe explodiert", sagte eine Frau.

"Wie eine Apokalypse"

"Wir wurden plötzlich aus dem Schlaf gerissen und rannten in den Schlafanzügen auf die Straße", erzählte Antonio D'Ostilio. Mit einem riesigen Koffer voll hastig zusammengepackter Kleidungsstücke stand der 22-Jährige inmitten der Trümmer von Castelnuovo. "Wir sind beim ersten Zittern aus der Wohnung geflüchtet."

Das Beben sei "wie die Apokalypse" gewesen, berichtete die Überlebende Maria Francesco aus L'Aquila. Ihr Haus sei komplett eingestürzt, ihr sei nichts geblieben. Ganze Wohnblocks fielen in sich zusammen wie Kartenhäuser, in vielen Fällen steht kein Stein mehr auf dem anderen. "Mir ist das Haus über dem Kopf eingestürzt. Wir sind gerade noch rausgekommen", berichtete Vittorio Perfetto auf der Internet-Seite der römischen Zeitung "La Repubblica".

Viele Regionen wurden erst Stunden nach dem Beben von Hilfskräften erreicht. "Ich war drei Stunden unter den Trümmern begraben. Erst dann kamen die Helfer", erzählte Guido Mariani. Die Rettungsmannschaften hätten nicht schneller zur Stelle sein können, erwiderte Innenminister Maroni. "Schon eine Viertelstunde nach dem Beben waren sie auf dem Weg."

Berlusconi rief den Notstand aus

Der Zugang zum Erdbebengebiet ist schwierig: Die Autobahn zwischen L'Aquila und Rom wurde teilweise gesperrt, für Lkw sogar ganz. Ausgenommen sind Rettungsfahrzeuge und Laster mit Hilfsgütern. Für die Region besteht außerdem ein Überflugverbot, damit die Hubschrauber ihre Hilfsflüge ungehindert fortsetzen können.

Feuerwehrleute und andere Retter arbeiteten sich am Montagvormittag in fieberhafter Eile auf der Suche nach Überlebenden durch die Trümmer eingestürzter Häuser. Viele gruben mit bloßen Händen nach den Opfern.

Mit einer Stärke von mindestens 5,8 auf der Richterskala hatte das Beben um 3.32 Uhr die Region um die Stadt L'Aquila rund 90 Kilometer nordöstlich von Rom erschüttert. Es ereignete sich Geologen zufolge in zehn Kilometern Tiefe, der Zivilschutz sprach sogar nur von fünf Kilometern Tiefe. In der gesamten Region fielen Strom und Telefon weitläufig aus.

Ministerpräsident Silvio Berlusconi rief den Notstand aus. Dadurch können Mittel für Hilfsaktionen und den Wiederaufbau sofort freigegeben werden. Er sagte wegen des Unglücks auch eine nach Russland geplante Reise ab und machte sich auf den Weg ins Katastrophengebiet. "Lassen wir alle Polemik beiseite. Wir müssen denen helfen, die Hilfe brauchen", sagt er. In Rom trat ein Krisenstab zusammen.

Bei der italienischen Regierung gingen Hilfsangebote aus aller Welt ein. Das Nachbarland Österreich kündigte Unterstützung mit Suchhunden an. Allerdings wird es noch lange dauern, bis die Hilfe vor Ort eintrifft. Papst Benedikt XVI. drückt seine tiefe Anteilnahme aus. Er bete vor allem für die toten Kinder und ermutige die Helfer.

Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .

In den vergangenen Wochen waren mehrere kleine Beben in den Abruzzen gemessen worden. Am Freitag hatte der Erdbebenforscher Giampaolo Giuliani vor einem starken Beben in L'Aquila und Umgebung gewarnt. Der Wissenschaftler hatte laut Informationen des Radiosenders NDR Info versucht, aufgrund der Emission von Radongas Beben vorherzusagen. Seine Warnung hatte eine Panik ausgelöst.

Das Erdbeben war das letzte und stärkste einer ganzen Reihe von Erdstößen, die am Sonntag und Montag um L'Aquila gemessen wurden. Das Epizentrum habe vermutlich rund 85 Kilometer nordöstlich von Rom gelegen, teilte das US-Institut Geological Survey mit. Das Institut hatte die Stärke zunächst mit 6,7 angegeben, sie dann aber auf 6,3 verringert.

Italiens Zivilschutzchef Guido Bertolaso wehrte sich gegen den Vorwurf, Warnungen von Experten in den Wind geschlagen zu haben. Trotz der häufiger auftretenden Erdstöße in den vergangenen Tagen sei nicht absehbar gewesen, wann es zu einem starken Beben kommen konnte, sagte Bertolaso. Zu dem Schluss seien Fachleute gekommen.

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien
Erdbeben 2009 in L‘Aquila
Am 6. April 2009 bebte in der Region Abruzzen um die mittelalterliche Stadt L‘Aquila nachts um 3.32 Uhr die Erde. Das Beben hatte nach verschiedenen Messungen eine Stärke von 5,8 bis 6,3 auf der Richter-Skala . Mehr als 290 Menschen kamen ums Leben, Schätzungen zufolge wurden rund 17.000 Menschen obdachlos.
2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise)
Bei einem Erdbeben der Stärke 5,3 auf der Richter-Skala starben am 31. Oktober 2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise) 30 Menschen - darunter 26 Kinder, die unter den Trümmern ihrer baufälligen Schule verschüttet wurden.
1997 in Umbrien und Marken
Ein Beben der Stärke 5,7 auf der Richter-Skala beschädigte am 26. September 1997 in den Apennin-Regionen Umbrien und Marken in 77 Orten etwa 9000 Gebäude. Insgesamt starben zwölf Menschen. Schwere Schäden erlitt auch die Basilika San Francesco von Assisi , in der sich weltberühmte Fresken von Giotto und Cimabue befinden. Als ihr Dach einstürzte, starben vier Menschen. Der Gesamtschaden des Bebens wird auf umgerechnet mindestens 2,56 Milliarden Euro beziffert.
1980 in Irpinia
Ein Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschütterte am 23. November 1980 das süditalienische Gebiet Irpinia . Über 3000 Menschen verloren ihr Leben, rund zehntausend Menschen wurden verletzt.
1976 in Friaul
Bei einem Erdbeben der Stärke 6,5 auf der Richter-Skala in Friaul kamen im Mai 1976 etwa 970 Menschen ums Leben, 70.000 Menschen wurden obdachlos. Die Erdstöße waren bis nach Bayern spürbar.
1915 in Avezzano
Am 13. Janur 1915 gab schon einmal ein schweres Erdbeben in der Provinz L’Aquila . Das Epizentrum lag in der der Stadt Avezzano , die vollständig zerstört wurde. Das Beben der Stärke 7,5 auf der Richter-Skala forderte nach Schätzungen fast 30.000 Todesopfer.
1908 in Messina (Sizilien)
Am 28. Dezember 1908 erschütterte eines der schwersten Erdbeben Europas mit einer Stärke von 7,5 auf der Richter-Skala die sizilianische Stadt Messina und die Region Südkalabrien . Mehr als hunderttausend Menschen starben.

han/dpa/APAFP/reuters



Forum - Erdbeben-Gefahr - Gibt es ausreichenden Schutz in Europa?
insgesamt 309 Beiträge
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Seite 1
IsArenas, 06.04.2009
1.
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
In Italien gewiss nicht. Viele neue, als erdbebensicher geltende Gebäude (seit dem großen Beben in Messina /Reggio Calabria von 1908 sind theoretisch sowieso alle Gebäude per Gesetz "erdbebensicher") sind heute Nacht/Morgen eingestürzt wie Kartenhäuser. Außerdem sind Erdbeben einfach zu unkalkulierbar, die Werte auf den Skalen sagen nicht viel aus. Der Zivilschutz geht jetzt davon aus, das Epizentrum habe nur 5 km unter der Erdoberfläche gelegen. Im Übrigen denke ich, dass es gegen die gewaltigen Verschiebungen der afrikanischen Platte gegen Norden (die Alpen wachsen immer noch!) letztlich keinen Schutz gibt, außer vielleicht aus bestimmten Zonen wegzuziehen -- da gibt es in Italien aber noch viel gefährlichere Gegenden als die Abbruzzen, wo es ja ständig bebt...
ntholeboha 06.04.2009
2. Nein!
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
Auch mit modernsten und in der Zukunft noch besseren Instrumentarien sowie vielfaeltigen Vorsorgen wird es keinen ausreichenden Schutz in Europa geben koennen. Sicher Panikmache waere ebenso unangebracht aber wir leben nun einmal quasi auf einem recht aktiven Pulverfass. Eindaemmungen von Gefahren sind sicher weiterhin denkbar. Es gibt jedoch auch Punkte, die es mit zu beruecksichtigen gilt: Warum z. B. muessen sich Menschen am Fusse von Vulkanen ansiedeln? Sind die Einwohner von Gefahrengebieten ausreichend ueber die gegebenen Situationen informiert und wie sind sie auf etwaige Naturereignisse vorbereitet? Wer kann mit absoluter Sicherheit sagen, wie sich das Erdinnere kuenftig auch in sicherer geglaubten Gebieten entwickeln wird? Und nicht zuletzt: warum 'nur' ueber Europa nachdenken im Zeitalter der Globalisierung? Die eigenen Fehlleistungen beim Umgang mit unserer Umwelt sind dabei noch gar nicht beruecksichtigt. Ausserdem mutet es auch seltsam an, Katastrophen dann als solche zu postulieren wenn es um Menschenleben geht - als ein Teil der gesamten Erde, die uns nicht aber die wir brauchen.
ebert 06.04.2009
3. Schäden?
Erstaunlich ist, dass ein Beben mit "nur" 5,7 auf der Richterskala (laut Landeserdbebendienst Freiburg übrigens in 10km Tiefe) solche Schäden verursacht. Das Beben 2004 im Kandelwald hat trotz 5,4 lediglich zu einzelnen Gebäuderissen und herunterfallenden Dachziegeln geführt. Wird in Italien anders gebaut?
Mo2 06.04.2009
4. Und
Berlusconi möchte Atomkraftwerke bauen, schön mit sandigem Mafia-Beton...
Lottofreak 06.04.2009
5. Sicherheit gibt es wohl nur begrenzt in
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
statisch korrekten und auf tiefem Fundament gebauten Häusern. Wie man aus dem Süden eben leider nur zu gut weiß wurde und wird dort noch immer beim Bau arg gepfuscht und gespart wo es nur geht.Billigbeton, dünne tragende Wände, schlechter Stahl oder kaum einer... ec. - Bin kein Bau Ingeneur aber soviel sagt mir mein gesunder Verstand, daß ein Objekt welches fast nur auf Sand oder lösigem Boden gebaut ist eben schneller einstürzt als ein Haus fest auf/in Beton verankert. Ich selber wohne in einem 80 Jahre altem 3stöckig. 4 Kant Altbaublock mit Innenhof in Bayern - die Bausubstanz ist erbärmlich verkommen und es gibt schon viele Risse in Wohnungen - außerdem ist der Pfusch unverkennbar, keine Wohnung gleicht der anderen d.h. es haben unendlich viele unterschiedliche Leute hier rumgebaut.... bei einem Edbebeben dieser Stärke - Oh Gnade Gott..... würde hier alles ebenso zusammenbröseln- ein gruseliger Gedanke - ich wohne nämlich Parterre.....
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