Katastrophe von Duisburg Razzia bei Love-Parade-Veranstalter Schaller

Bei der Untersuchung des Love-Parade-Unglücks bleiben Fragen offen: Was haben die Veranstalter geplant - und wie haben sie die Polizei informiert? Nach Informationen des SPIEGEL wurden jetzt die Geschäftsräume des Veranstalters Rainer Schaller durchsucht, um entsprechende Dokumente sicherzustellen.

Gedenken an die 21 Opfer von Duisburg: Polizei sieht sich von Veranstaltern getäuscht
ddp

Gedenken an die 21 Opfer von Duisburg: Polizei sieht sich von Veranstaltern getäuscht


Hamburg/Duisburg - Rund drei Wochen nach der Love-Parade-Katastrophe mit 21 Toten hat die Staatsanwaltschaft Duisburg Geschäftsräume des Veranstalters Rainer Schaller sowie zweier privater Sicherheitsfirmen durchsuchen lassen. Anfang voriger Woche erschienen die Ermittler in insgesamt sechs Objekten in Berlin, Duisburg, Essen und Köln sowie im bayerischen Taufkirchen und im fränkischen Schlüsselfeld, dem Firmensitz von Schallers Sportstudiokette McFit.

Wie aus einem bereits am 9. August erlassenen Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Duisburg hervorgeht, sollten vor allem "Daten über die Organisationsstruktur", "Auftragsunterlagen" und "Personaldaten" der auf der Love Parade eingesetzten Mitarbeiter gesichert werden.

Unterdessen belegen neu aufgetauchte Dokumente der Duisburger Stadtverwaltung, dass sich die Polizei vor der Love Parade von den Organisatoren getäuscht fühlte. In einer Sitzung der Arbeitsgruppe Sicherheit ("AG 4") hatte der Düsseldorfer Polizeidirektor Jörg Schalk bereits am 18. Juni das dubiose PR-Konzept angeprangert: Die öffentlichen "Aussagen des Veranstalters" wichen "erheblich von denen ab, die in den Sicherheitsbesprechungen benannt wurden", wird Schalk in dem vertraulichen Protokoll zitiert, das dem SPIEGEL vorliegt. "Insbesondere die Aussagen zur Größe der geplanten Veranstaltung" ließen "eine Werbestrategie vermuten, die den tatsächlichen Möglichkeiten des Veranstaltungsraumes und damit notwendigen Sicherheitsüberlegungen nicht entsprechen".

Sicherheitsbedenken und Marketinglügen

Obwohl das Gelände nur für 250.000 Besucher zugelassen war, hatten Veranstalter Schaller und Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland stets von mehr als einer Million erwarteter Besucher gesprochen. Inzwischen hat der CDU-Politiker eingeräumt, seine Angaben seien eine Marketinglüge gewesen.

Polizeidirektor Schalk hatte die "offensive Bewerbung" mit den falschen Zahlen bereits bei der Sitzung im Juni scharf kritisiert: Der Öffentlichkeit werde "suggeriert", dass eine Teilnahme an der Love Parade "auch bei derart hohen Teilnehmerzahlen vollkommen problemlos möglich" sei.

In Wahrheit aber werde die "eigentliche Veranstaltungsfläche ab einer gewissen Besucherzahl überfüllt sein"; es werde "zu Rückstauungen auf den Wegführungen" kommen.

Das wiederum führe "zu einem nicht mehr funktionierenden Wegekonzept".

Dieses Szenario trat später dann auch ein. Der Tunnel, durch den Zehntausende Besucher auf das Gelände geführt wurden, barg aber noch ein anderes Risiko, das den Organisatoren der Love Parade bewusst war: Wie aus internen Unterlagen der Stadt Duisburg hervorgeht, hatten Experten bereits im April vor einer möglichen Überflutung gewarnt: "Bei Unwetter sammelt sich Wasser im Tunnel."

Interner Polizeibefehl

Bei der Aufarbeitung der Katastrophe gerät jedoch auch die Polizei zunehmend in die Kritik. Während einer Sitzung des Innenausschusses hatte sich der Innenminister von NRW, Ralf Jäger, gegen den Verdacht gewehrt, "die Polizei sei schuld an der Katastrophe". "Das ist schäbig", sagte der Politiker. Das Sicherheitskonzept sei auf "Veranstalterseite" zusammengebrochen. Er werde nicht zulassen, dass die Polizei als Sündenbock für Fehler und Versäumnisse auf anderer Seite herhalten müsse.

Doch ein interner Polizeibefehl, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, belegt, dass die Beamten auch Eingänge, Zäune und Treppen sichern - und keineswegs nur Diebstähle aufnehmen - sollten. Ein Sprecher sagte auf Anfrage: "Die originäre Zuständigkeit für die Sicherheit auf dem Gelände lag beim Veranstalter. Dabei bleibt es."

Ein von der Stadt Duisburg in Auftrag gegebenes anwaltliches Gutachten belegt, dass der Veranstalter die Unterstützung der Polizei auch auf dem Gelände eingeplant hatte. Sowohl die Bundespolizei als auch das Polizeipräsidium Duisburg waren im Vorfeld der Veranstaltung an der "Arbeitsgemeinschaft Sicherheit" beteiligt, die insgesamt 16-mal tagte. Die Polizei hatte sich schließlich mit dem Sicherheitskonzept des Veranstalters einverstanden erklärt.

Man wusste wohl, worauf man sich einließ.

oka

Forum - Love Parade - Welche Lehren müssen aus Duisburg gezogen werden?
insgesamt 5984 Beiträge
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Seite 1
fiutare 31.07.2010
1.
Zitat von sysop21 Tote und Hunderte von Verletzten mussten nach der Katastrophe von Duisburg im Rahmen der diesjährige Love Parade beklagt werden. Welche Lehren für die Zukunft von Großveranstaltungen dieser Art sind aus dem Desaster zu ziehen?
Wieviel Spass um jeden Preis verträgt die Gesellschaft? Diese Frage sollte sich jeder stellen.
donbilbo 31.07.2010
2. Persönlich
Persönlich ziehe ich daraus keine Lehre sondern eine Bestätigung: Menschenmassen meide ich, wenn nur irgendwie möglich. Ob das nun eine Loveparade ist, Public Viewing, Rock Festivals oder die Mitternachtseröffnung eines Elektromarktes. Das tue ich mir nicht an! Wenn ich feiern und tanzen will kann ich das auf einer Party für 1000 Leute genauso gut, wie auf einer für 1.000.000. Ein Unterschied für den Einzelnen ist eh nicht festzustellen, ausser vielleicht Schwierigkeiten bei Anreise/Abreise/Toilettensuche usw.
betawa 31.07.2010
3.
Die selbe Lehre die wir auch in vielen anderen Bereichen wieder neu erlernen müssen: Es geht um Menschen und demenstrechend sorgfältig sollte man handeln. Unsere Gesellschaft ist menschenfeindlich geworden. Profit, Erfolg und Geld steht über allem.
Sumerer 31.07.2010
4.
Zitat von sysop21 Tote und Hunderte von Verletzten mussten nach der Katastrophe von Duisburg im Rahmen der diesjährige Love Parade beklagt werden. Welche Lehren für die Zukunft von Großveranstaltungen dieser Art sind aus dem Desaster zu ziehen?
Es muß generell gewissenhaft geprüft und überprüft werden ob die Wegekapazitäten dem Besucherandrang und der Kapazität des Veranstaltungsortes tatsächlich entsprechen. Veranstaltungen dieser Größenordnung können generell nicht auf einem hermetisch abgeriegelten Areal, mit nur einem Zu- und Abgang durchgeführt werden. Die Veranstaltung hätte weder so geplant, beantragt, genehmigt, noch durchgeführt werden dürfen. Sie war von der Planung an zum unweigerlichen Scheitern verurteilt.
IsArenas, 31.07.2010
5. Chaos-Theorie und Praxis
Dazu wurde ja schon einiges und eigentlich alles gesagt. Technisch-planerisch-organisatorisch wird man gewiss viel versuchen zu verbessern, das liegt in der Natur des Menschen. Ansonsten: Shit happens oder feiner,neutraler: Murphys Gesetz (das vom Toast, der immer mit der belegten Seite nach unten faellt), alles, was passieren kann, passiert eben irgendwann...ich denke mal, das weiss man allerspaetestens seit Tschernobyl (im Negativen) und dem Fall der Berliner Mauer (im Positiven). Lebe jeden Tag, als waere es dein letzter, waere auch noch so ein Lehrsatz. Der beruehmte Fluegelschlag des Falters im Amazonas-Urwald bestimmt vielleicht jetzt gerade meinen Tod...
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