Katastrophen in China Tausende fliehen aus Angst vor Riesen-Flutwelle

Nach dem verheerenden Erdbeben mit mehr als 50.000 Toten könnte es in China eine neue Katastrophe geben: Tausende Menschen und die Bergungsmannschaften flüchten vor einem drohenden Dammbruch, der eine riesige Flutwelle auslösen könnte.


Peking - Aus Angst vor einem Dammbruch sind die Einwohner der Stadt Beichuan evakuiert worden. Tausende Menschen und die Bergungsmannschaften seien schnell in höher gelegene Gebiete geflohen, berichtete die ARD-Korrespondentin Ariane Reimers, während sie selber mit dem Kameramann und einer Assistentin den Berg heraufrannte. Die Menschen riefen "lauft, lauft" oder "schnell, schnell". "Alle helfen sich gegenseitig, auch an Engpässen."

Anfangs habe es kurz Panik und Hektik gegeben, doch sei die Evakuierung nach zehn Minuten eher wie ein "geordneter Rückzug" verlaufen. "Alle ziehen aus der Stadt ab." Die Zerstörung in der Stadt, wo nur 10.000 der 30.000 Einwohner überlebt haben, nannte Reimers "unfassbar". "Alles ist voller Leichen."

Kurz zuvor hatten Soldaten laut amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, der Wasserstand steige und der Damm könne "jederzeit brechen". Es müsse evakuiert werden.

Die Gefahr droht nach Angaben der Provinzregierung von einem Damm oberhalb von Beichuan. Bei dem Erdbeben am vergangenen Montag hatte ein Erdrutsch einen Fluss blockiert, so dass sich ein See herausbildete. Experten waren bereits zu diesem natürlichen Damm aus Geröll, Felsen und Erde gefahren, um die Gefahr einschätzen zu können. Die Behörden hatten auch das Wasser aus dem Fluss, der an Beichuan vorbeifließt, abgelassen, möglicherweise um Platz für eine Flutwelle zu schaffen.

Ein Polizist sagte der Nachrichtenagentur AP in Beichuan, Katastrophenschutzstellen seien vom Anstieg eines Flusses alarmiert, der von einem Erdrutsch aufgestaut werde. Dieser Damm drohe unter dem Druck der Wassermassen zu bersten. Einer der Fliehenden, Liang Xiao, sagte, sollte dies geschehen, werde eine zehn Meter hohe Flutwelle entstehen.

Die Zahl der amtlich bestätigten Toten durch das Erdbeben stieg am heutigen Samstag auf fast 29.000. Die Zahl der Verletzten gab die Regierung mit fast 200.000 an. Im Erdbebengebiet haben rund fünf Millionen Obdachlose eine fünfte Nacht in meist notdürftigen Unterständen verbracht. Mehr als 100.000 Soldaten sind im Einsatz, um in den Trümmern nach Opfern zu suchen und die Hilfe zu organisieren.

Auswärtiges Amt prüft Berichte über geretteten Deutschen

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114 Stunden nach dem Erdbeben in der südwestchinesischen Provinz Sichuan wurde noch ein deutscher Tourist gerettet. Die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, mehr als 20 Soldaten hätten den Deutschen in den Ruinen eines Hauses im Dorf Taoguan im Landkreis Wenchuan gefunden. Der Gerettete sei in ein medizinisches Notaufnahmelager in Wenchuan gebracht worden. Ein Militärsprecher sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa: "Die Möglichkeiten in Wenchuan sind sehr begrenzt. Falls der Deutsche in einem schlechten Zustand ist, wird er in eine größere Stadt oder ein anderes Hospital geflogen." Xinhua meldete, der Deutsche sei "aus den Trümmern" gezogen worden.

Über die Identität des Deutschen gibt es noch Unklarheiten. Das Auswärtige Amt prüft die Berichte über den geretteten Deutschen. Das sagte eine Außenamtssprecherin am heutigen Samstagvormittag in Berlin. Zugleich teilte sie mit, dass einer der vermisst gemeldeten Deutschen sich nach mehreren Tagen mit den deutschen Stellen in Verbindung gesetzt habe. Er sei unversehrt. Den Angaben zufolge wird derzeit "einigen wenigen Vermisstenmeldungen" von Deutschen nachgegangen.

als/dpa/AP/ddp

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