Katastrophen Nachbeben sorgen für neue Panik in China

Angst in den chinesischen Katastrophengebieten: Ein heftiges Nachbeben hat die Erde in der Provinz Sichuan zittern lassen, andauernde Regenfälle lösen Erdrutsche aus. Viele Notunterkünfte können den Wassermassen nicht trotzen - fünf Millionen Menschen sind obdachlos.


Chengdu - Die Lage für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in China bleibt angespannt: In der Nacht hat ein starkes Nachbeben der Stärke 6,1 die Region Sichuan erschüttert, wie das Geologische Institut der USA (USGS) mitteilte. Die Erde bebte 45 Sekunden lang. In der Provinzhauptstadt Chengdu flüchteten viele Menschen in Panik auf die Straßen.

Zudem erschweren starke Regenfälle die Situation der Menschen, es drohen Dammbrüche. Am Samstag waren Beichuan und andere Gebiete im Epizentrum aus Furcht vor einer Flutwelle evakuiert worden. Alle Rettungsmannschaften und Tausende Menschen mussten die schwer zerstörte Stadt verlassen und sich in höher gelegenen Gebieten in Sicherheit bringen. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldet, die Verantwortlichen hätten von Erdrutschen aufgestaute Flüsse inzwischen überlaufen lassen und das Wasser umgeleitet - die Gefahr einer Flutwelle habe sich damit vermindert. Die Gefahr herabstürzender Geröllmassen bleibt jedoch bestehen.

Am Oberlauf des Jian-Flusses bei Pengzhou brach ein natürlicher Damm, der sich durch einen Erdrutsch gebildet hatte. Bei der folgenden Flutwelle habe es wegen vorheriger Evakuierungen allerdings keine Opfer gegeben. Mehrere Flüsse im Erdbebengebiet sind durch Erdrutsche gestaut. Viele Staudämme von Wasserkraftwerken wurden beschädigt. Viele notdürftig mit Planen errichtete Unterkünfte können dem Regen nicht trotzen. Rund fünf Millionen Menschen sind obdachlos.

Bei dem verheerenden Beben der Stärke 7,9 am Montag kamen nach offiziellen Angaben mindestens 29.000 Menschen ums Leben. Die Regierung in Peking befürchtet insgesamt jedoch mehr als 50.000 Tote, mehr als 200.000 Menschen wurden verletzt.

Parteichef Hu dankt dem Ausland

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Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao hat sich beim Ausland für die Hilfe nach der verheerenden Erdbebenkatastrophe im Südwesten des Landes bedankt. Er danke "den ausländischen Regierungen und internationalen Freunden, die sich an den Erdbeben-Rettungsarbeiten beteiligt haben von ganzem Herzen", sagte Hu nach Angaben von Xinhua. Zuvor war er in der schwer verwüsteten Region um das Epizentrum in der Provinz Sichuan mit Rettungskräften zusammengetroffen.

Mehr als 200 Katastrophenhelfer aus Japan, Russland, Taiwan, Südkorea und Singapur seien im Katastrophengebiet im Einsatz, berichtet Xinhua. Zahlreiche Staaten haben Hilfslieferungen und die Unterstützung durch Rettungsteams angeboten. Mehr als 148.000 chinesische Soldaten und Polizisten sind nach Regierungsangaben im Erdbebengebiet im Einsatz und organisieren die Hilfe.

Krisenstab beschließt weitere Hilfe

Alle Familien, die durch das Erdbeben Angehörige verloren haben, sollten zunächst eine Entschädigung von 5000 Yuan (460 Euro) bekommen, gab die chinesische Regierung am Samstag bekannt. Die Überlebenden im Katastrophengebiet sollten außerdem eine tägliche Essensration und zehn Yuan (90 Cent) erhalten.

Nach einem Treffen mit Rettungsmannschaften in Sichuan rief Chinas Präsident dazu auf, die hygienischen Bedingungen im Katastrophengebiet zu verbessern, um den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Mehr ärztliches Personal müsse ins Katastrophengebiet entsandt werden. Sechs Tage nach dem Erdbeben wächst bei feuchtwarmem Wetter die Seuchengefahr. Viele Leichen können nicht schnell genug beerdigt oder eingeäschert werden.

Bei einem Treffen des Krisenstabes unter Leitung von Regierungschef Wen Jiabao in Peking wurde die Lieferung von weiteren Nahrungsmittelhilfen, darunter Mehl, Speiseöl und Trinkwasser sowie Finanzhilfe für die Opfer beschlossen. Für die Waisenkinder, Alten oder Behinderten im Erdbebengebiet müssten angemessene Vorkehrungen getroffen werden, hieß es auf dem Treffen.

Weitere Überlebende gerettet

Knapp eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in China haben Rettungskräfte mehr als 60 Überlebende aus den Trümmern gezogen. In der Stadt Yingxiu in der am schwersten betroffenen Provinz Sichuan wurden nach einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua mindestens 56 Menschen gerettet. Allerdings seien schätzungsweise noch immer 11.000 Menschen verschüttet. Auch im Kreis Beichuan seien Erdbebenopfer lebend gefunden worden. Zwei Männer wurden nach 139 Stunden nur leicht verletzt aus den Trümmern geborgen. Tang Xiong wurde aus dem eingestürzten Krankenhaus von Beichuan gerettet.

Experten zufolge können verschüttete Erdbebenopfer eine Woche und länger überleben - abhängig von Bedingungen wie Temperatur und ob sie Wasservorräte haben. Nach den ersten 24 Stunden sinken die Überlebenschancen jedoch rapide.

Der Deutscher, von dem es gestern zunächst hieß, er sei nach 114 Stunden aus Trümmern geborgen worden, beschrieb die Erdstöße im Epizentrum wie einen Weltuntergang. Er war in Südwestchina fünf Tage lang in einem Dorf abgeschnitten. Nach seiner Rettung am Samstag sagte der 62-Jährige zu Xinhua: "Als Bergsteiger bin ich schon in viele gefährliche Situationen geraten, aber niemals in ein solches Erdbeben." Mit seinem Übersetzer und Fahrer fuhr der Mann gerade über eine Brücke im Landkreis Wenchuan, als Erdstöße der Stärke 7,9 den Boden erbeben ließen. Steine seien herabgefallen, dann folgte viel Staub. "Alles begann sich zu bewegen", sagte der Mann. "Es war die Hölle, wie eine Atombombe, wie im Film, wie der Weltuntergang."

Erst am Samstag konnten der Deutsche und seine Begleiter in ein Notaufnahmelager am Sitz der Kreisregierung von Wenchuan gebracht werden. "Mir geht es gut, mit mir ist alles in Ordnung", sagte der 62-Jährige. Als erstes habe er seine Frau in Deutschland angerufen. "Als sie meine Stimme hörte, weinte sie."

han/dpa/AP/Reuters

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