Katastrophenalarm in Bad Tölz Mauern aus Schnee

In mehreren Gegenden Bayerns wurde wegen der Schneemassen Katastrophenalarm ausgerufen. Wie erleben das die Bewohner?

Tobias Lill

Von , Bad Tölz und Lenggries


Dem alten Mann ist die Erleichterung sichtlich anzumerken. Über eine Stunde hatte er in der Kälte bei einer Haltestelle bei Dietramszell gewartet. Nun also sitzt er endlich im Bus ins nahe gelegene Bad Tölz. Das Fahrzeug schlängelt sich durch verschneite Straßen und Wälder. Am Straßenrand liegen Mauern aus Schnee, manche davon höher als das Auto, das auf der Strecke steckengeblieben ist.

Immer wieder kommt der Bus nur im Schritttempo voran. Denn obwohl ein Räumfahrzeug gerade erst versucht hat, die Straße frei zu machen, ist sie stellenweise kaum noch befahrbar. "Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, noch nach Tölz zu kommen", sagt der alte Mann. Fröstelnd zupft er sich seinen abgewetzten schwarzen Mantel zurecht. An einen so heftigen Wintereinbruch könne er sich nicht erinnern, sagt er.

Immerhin sehe der Wald jetzt besonders schön aus. Mit Blick aus dem Fenster fügt er hinzu: "Doch das Idyll ist trügerisch." Mitunter auch tödlich: Ein Skitourengänger war am Blomberg im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen am Sonntag von herabfallenden Ästen eines Baums erschlagen worden. Und ein neunjähriger Junge ist in Aying im Landkreis München von einem umstürzenden Baum erschlagen worden.

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Schnee: Tiefweißes Oberbayern

Der Rentner sagt, er hätte das Haus an diesem Donnerstag am liebsten gar nicht verlassen. Doch er musste Besorgungen machen. Als er in Bad Tölz ankommt, ist es zu spät. Dort eröffnet ihm der Fahrer, dass der Busverkehr zurück in seinen Heimatort erst einmal eingestellt wird - zu viel Schnee. Wie der alte Mann zurück nach Dietrammszell kommt, ist erst einmal unklar.

Zuvor waren bereits zahlreiche Busverbindungen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen zusammengebrochen, die Zugstrecken in der Region sind zum Teil im Schnee versunken und längst gesperrt. In weiten Teilen des südlichen Oberbayerns sieht es ähnlich aus. Umgeknickte Bäume und die Schneelast auf Gleisen und Oberleitungen sorgen für massive Zugausfälle. Auf vielen Straßen geht es nur im Schneckentempo von. Kein Wunder: Allein von Mittwochabend bis Donnerstagabend sind im bayerischen Alpenraum verbreitet 50 Zentimeter Neuschnee gefallen.

Am Donnerstagabend ruft das Landratsamt Bad Tölz als vierter bayerischer Landkreis wegen des Schneechaos den Katastrophenalarm aus - Garmisch-Partenkirchen folgt am Freitag. Im Raum Miesbach und in Berchtesgaden sind sogar Soldaten im Einsatz, um den Schnee zu bändigen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will am Samstag mit einer Delegation in den Landkreis kommen, um sich "ein Bild von der Lage zu verschaffen".

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Neben den Zufahrtsstraßen macht den Behörden im Raum Bad Tölz vor allem die Schneelast auf den Dächern Sorgen - und nicht nur dort: In schrecklicher Erinnerung ist den Menschen in Oberbayern noch die Katastrophe von Bad Reichenhall im Jahr 2006. Als dort eine Eishalle einstürzte, starben 15 Menschen.

In Inzell im Landkreis Traunstein ist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag nun das Dach einer Lagerhalle eingestürzt. Die Feuerwehr befreit deshalb überall im Voralpenland eifrig Dächer von Schnee, etwa an Schulen oder Bahnhöfen. Die Behörden fordern die Hausbesitzer auf, ihre Dächer zu räumen - denn auch am Wochenende wird jede Menge Schnee erwartet.

Manche Menschen in der Region haben wegen der Schneemassen sogar existenzielle Sorgen. Da ist etwa Martin Kostac. Der 52-jährige Obdachlose sitzt auf einer Bahnhofsbank in Bad Tölz, neben ihm liegt eine Tüte mit Pfandflaschen. Er trägt Gummistiefel, seine Kleidung ist vom Schneetreiben durchnässt. Wegen gesundheitlicher Probleme sei es bei ihm "irgendwann bergab gegangen". Nun merke er besonders, dass er als Wohnungsloser nicht erwünscht sei. Es gebe in der Region fast keine Einrichtungen, in denen er übernachten könne. Die ersten Stunden der Nacht überstehe er irgendwie, auch, indem er sich viel bewege. "Dann schlafe ich in einer Bank oder einem öffentlichen Kloraum."

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Heftiges Winterwetter: Schnee, Schnee, Schnee

Mehrere Hundert Menschen im Freistaat waren zuletzt wegen des Winterchaos ganz von der Außenwelt abgeschnitten. Zuletzt waren die Straßen zur Siedlung Buchenhöhe in Berchtesgaden zugeschneit, auch die Orte Vorderbrand und Ettenberg sind wegen gesperrter Zufahrtsstraßen nicht erreichbar. Die Jachenau und Teile von Lenggries sind wegen einer nicht befahrbaren Zufahrtsstraße ebenfalls weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. "Zwei Ortsteile mit gut 45 Bewohnern sind betroffen. Die Leute haben jedoch ausreichend Lebensmittel. In einem Ortsteil ist etwa ein Bauernhof, der noch selbst backt", sagt der Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl.

Man stehe in telefonischem Kontakt zu den Menschen. "Und im Ernstfall können Feuerwehr und Rettungswagen zu den Leuten fahren." Die Einwohner säßen nur deshalb de facto fest, weil das Risiko, dass Bäume auf die Straße fallen könnten, schlicht zu hoch sei. Im Laufe des Freitags will das Landratsamt mit Hubschraubern versuchen, die Bäume dort vom Schnee zu befreien.

Mehrfach fahren Räumfahrzeuge am Rathaus vorbei. Der Bürgermeister steht an diesem Donnerstagnachmittag vor einigen riesigen angehäuften Schneehaufen und sagt: "Das ist der heftigste Winter seit 2006. Damals war es auch richtig heftig" Der CSU-Politiker muss es wissen. Schließlich leitet er die Geschicke seiner Gemeinde seit über zwei Jahrzehnten. Dennoch blieben viele Menschen im Ort gelassen. Die meisten Straßen seien befahrbar. "Es wird alles etwas ruhiger."

Schneemassen und AC/DC

Dafür, dass das so bleibt, sorgen Menschen wie Klaus Lindner. Geschickt lenkt der 32-Jährige sein Räumfahrzeug durch die Lenggrieser Straßen. Mitunter arbeite er in dieser Woche 16 Stunden am Tag. Dass das keine Übertreibung ist, verraten seine tiefen Augenringe. Zum Rasieren komme er derzeit nicht, sagt der bärtige Mann. Er habe so wenig Zeit, dass zu Hause bei den Lindners seine Frau den Schnee räumen müsse.

Lindner beschleunigt. Der Schnee spritzt zur Seite. Manchmal fährt er an den Rand und lädt riesige Mengen ab. "Der ist schon gut 2,50 Meter hoch", sagt er. Aus den Boxen dröhnt AC/DC. Fahrer und Beifahrer werden gut durchgeschüttelt. "Das sind die Eisplatten. Daran gewöhnt man sich." Und er fügt hinzu: "Mir macht das Räumen Spaß."

Manchmal sei es aber nicht leicht, überhaupt noch freie Plätze zum Schneeabladen zu finden. Deshalb sind auch nicht alle Einwohner erfreut, ihn und sein orangefarbenes Gefährt zu sehen. "Manche meinen, wir räumen ihnen den Schnee absichtlich vor die Einfahrt." Autofahrer sind dafür oft umso glücklicher, wenn er vor ihnen den Weg frei macht. Umgekehrt ist es nicht immer so. "Da brauchst du nicht zu hupen", schimpft Lindner als er einem anderen Autofahrer aus dessen Sicht offenbar nicht schnell genug Platz macht.

Als Held im Kampf gegen die Schneemassen fühlt sich Lindner übrigens nicht. "Ich mache nur meinen Job", sagt er.

Anmerkung der Redaktion: Im Anreißertext stand zuerst, die betroffenen Gemeinden hätten den Katastrophenalarm ausgerufen. Tatsächlich haben das die zuständigen Landratsämter getan, wie es auch im Artikel korrekt dargestellt war. Wir haben den Fehler korrigiert.

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