Katholiken verteidigen Meisner Entgleisung eines "schlichten alten Mannes"

Die heftige Kritik an Erzbischof Meisner wegen seiner Äußerung über "entartete Kultur" hält an. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken nimmt den Kardinal in Schutz - auf äußerst zweifelhafte Weise.


Köln - Der 73 Jahre alte Meisner sei "ein schlichter alter Mann", sagte der kulturpolitische Sprecher des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Erzbischof Kardinal Joachim Meisner: Schlichte Äußerung
DPA

Erzbischof Kardinal Joachim Meisner: Schlichte Äußerung

Sternberg reagierte damit auf äußerst umstrittene Äußerungen des Kölner Erzbischofs. Der hatte zur Einweihung des neuen Kunstmuseums Kolumba im Kölner Dom gesagt, wo "die Kultur vom Kultus abgekoppelt" werde, "entarte" sie. Dafür war Meisner von Politikern und Verbänden scharf kritisiert worden.

Als "Entartete Kunst" wurden in der Nazizeit alle Kunstwerke und kulturellen Strömungen diffamiert, die mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht im Einklang standen.

Meisner sei sich über die Folgen solcher Aussagen nicht im Klaren, so Zentralkomitee-Sprecher Sternberg. Er glaube, die "indiskutable" Äußerung Meisners habe mit seinem Alter zu tun. Dies zeige, wie gut es sei, "dass Bischöfe mit 75 ihr Rücktrittsgesuch einreichen müssen".

Meisner hatte seinen Sprachgebrauch gerechtfertigt. Er habe nur "schlicht" sagen wollen, "wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden".

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, forderte statt einer solchen Erklärung jedoch eine Entschuldigung des Kardinals. "Was Meisner gesagt hat, war eindeutig. Wenn er das jetzt als Missverständnis darstellen möchte, dann wäre es besser, er würde sich für das, was er gesagt hat, entschuldigen", sagte Staeck dem MDR.

Ein verkappter Neonazi sei Meisner deswegen sicher nicht, erklärte der Präsident der Akademie der Künste weiter. "Aber es gibt eine Ideologie, der man Vorschub leisten kann, und so wie er seine Worte wählt, kann man das durchaus als ein Vorschub leisten bezeichnen".

Der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Johano Strasser, wertete die Wortwahl Meisners als Angriff auf den Pluralismus und die moderne Kunst. "Wer sich so zu Problemen der Kultur und Kunst äußert, der sollte lieber die Finger davon lassen", kritisierte er.

Ganz offensichtlich habe Meisner von moderner Kunst überhaupt keine Ahnung. Auch ein Kardinal müsse sich daran gewöhnen, dass es "mehrere Wege zu Gott gibt, dass es eine Fülle von Wegen gibt, sich zu verständigen über die menschliche Existenz und dass die moderne Kunst eine dieser Wege ist", sagte Strasser und fügte hinzu: "Im deutschen Kontext von Entartung im Zusammenhang mit Kultur und Kunst zu sprechen, ist natürlich entweder völlig geschichtsvergessend, oder es ist eine bewusst gesetzte Aggression gegen alles, was an demokratischer Moderne in Deutschland sich hat nach '45 durchsetzen können."

pad/AP/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.