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15. April 2012, 17:58 Uhr

Konservative Katholiken

Piusbrüder und Papst vertragen sich

Aus Rom berichtet  

Die Angelegenheit wird mit höchster Diskretion behandelt und soll eigentlich erst nach dem Papst-Geburtstag an die Öffentlichkeit: Die mit der katholischen Kirche zerstrittene Pius-Bruderschaft schmeichelt sich mit einem Brief beim Papst ein.

Zum 85. Geburtstag des Papstes kam der eigene Bruder mit leeren Händen nach Rom. Seine Piusbrüder dagegen haben Benedikt XVI. mit einem Brief ein recht großes Geburtstagsgeschenk auf den Tisch gelegt. Mit dem Schreiben könnte sich ein alter Traum des deutschen Papstes Josef Ratzinger erfüllen: das Ende der Kirchenspaltung mit den Anhängern des verstorbenen französischen Erzbischofs Marcel Lefebvre.

Der verstorbene Anführer katholischer Traditionalisten gründete 1969 die "Bruderschaft Pius X" für alle, die sich mit den Kirchenreformen, ausgelöst durch das Zweite Vatikanische Konzil, nicht anfreunden konnten. Als eine "schmerzende Wunde im Leib der Kirche" hat Josef Ratzinger den Verlust der Einheit mit Zehntausenden von Anhängern und Hunderten von Priestern bezeichnet und seinen persönlichen Ehrgeiz seit langem daran gesetzt, das Schisma zu beenden.

Der deutsche Papst hielt auch nach dem weltweiten Skandal um den Holocaust-Leugner und Piusbischof Richard Williamson an seinem Vorhaben fest. Bald wurde der Brite von den Piusbrüdern am Rand ihrer Gemeinschaft kaltgestellt - und die Verhandlungen mit dem Vatikan gingen weiter.

Und nun scheint die Einigung zum Greifen nah. Unter liberalen und linken Katholiken würde es weltweit einen Aufschrei geben, wenn die Piusbrüder wieder offiziell zur römisch-katholischen Kirche gehörten, wenn ihre Bischöfe mit Roms Erlaubnis neue Priester weihten und sich die katholischen Messen im alten Ritus weiter verbreiteten. Aber das will der Papst durchstehen. Auch den Ärger mit der eher schwach dastehenden französischen Bischofskonferenz.

Hinter vorgehaltener Hand

Das Geschenk an Benedikt XVI. ist ein freundlicher Brief der Bruderschaft, der schon Ostern hinter den Mauern des Vatikans eintraf. Im Staatssekretariat des Papstes, aus dem in den letzten Monaten einige Dokumente nach "Vatileaks"-Art an die Öffentlichkeit drangen, ist er als besonders geheim eingestuft. Die Angelegenheit wird derzeit mit höchster Diskretion behandelt und soll erst nach dem Jubiläum an die Öffentlichkeit.

Hinter vorgehaltener Hand heißt es, man analysiere das Schreiben. Innerhalb des Staatssekretariats sind in Sachen Piusbrüder nicht alle auf dem Kurs Levadas und Benedikts. Gestritten wird in diesen Tagen über Details und den Zeitplan für die Einigung.

Am Sonntag läuft die letzte Frist ab, die der Vatikan den Piusbrüdern nach langen Verhandlungen über die Wiedervereinigung mit der römisch-katholischen Kirche gegeben hat. Sie sollten noch einmal Stellung zur umstrittenen Bewertung des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen Beginn sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt, sowie "einigen Lehrprinzipien und -kriterien zur Interpretation der katholischen Lehre" nehmen.

Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal William Levada, hatte dem Leiter der Piusbruderschaft, Bischof Bernard Fellay, bei einem Gespräch im Vatikan das Ultimatum gestellt, um dessen ablehnende Haltung nochmals zu überdenken. Bedeutsam in dem neuen Schreiben ist, dass die Dissenspunkte nicht mehr als entscheidend für die Katholizität des jeweils anderen angesehen werden.

"Berechtigte Hoffnungen"

Demnach ist die unterschiedliche Bewertung des Konzils "nicht entscheidend" für die Zukunft der Kirche. Denn die Kirche sei mehr als das Konzil; die Bruderschaft vertritt nicht länger die Position, das Konzil müsse weg, sie hat einfach eine eigene, legitime Auffassung dazu.

Levada hatte dem Leiter der Bruderschaft die Unterzeichnung einer "Lehrmäßigen Präambel" als Voraussetzung für eine weitere Annäherung genannt. Die Traditionalisten sahen trotz des "unangenehmen Tons" Levadas dennoch "berechtigte Hoffnungen auf eine befriedigende Lösung", denn es ging ja bei der Einheit nicht nur um die Bruderschaft, sondern um die Einheit der ganzen Kirche.

Der deutsche Kardinal Josef Becker, der als Berater der Glaubenskongregation an den Verhandlungen mit der Piusbruderschaft mitwirkte, meinte kürzlich, es sei zwar schwer, beide Positionen miteinander zu verbinden, aber man müsse den jeweils anderen "auch versuchen zu verstehen". Er plädierte dafür, die Kirche müsse ohnehin alle Konzilstexte noch einmal neu lesen, um es überhaupt heute zu verstehen.

Die obersten Piusbrüder haben mit dem Abschicken ihres Briefes an den Papst ihre Anhänger aufgefordert, "ihren Eifer, und ihre Großherzigkeit in Gebet und Opfer in diesen heiligen Tagen und während der Wochen nach Ostern zu verdoppeln, damit Gottes Wille geschehe".

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