Katholische Kirche Die Krux mit der Familie

Kardinal Angelo Bagnasco gilt als erzkonservativer Kritiker der Ehe für alle - und wird den Katholikentag in Münster besuchen. Im Interview verteidigt er seine Ansichten und beschwört eine europäische Identität.

Kardinal Angelo Bagnasco, Erzbischof von Genua
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Kardinal Angelo Bagnasco, Erzbischof von Genua

Von , Genua


Seine Eminenz empfängt im Bischofspalast von Genua. Von den Wänden beobachten Porträts seiner in Purpur gehüllten Vorgänger, wie er mit flinken Schritten durch den Saal läuft: Angelo Bagnasco, Kardinal und Erzbischof von Genua, ein braungebrannter, zierlicher Mann mit leichtem Schnupfen, der freundlich konzentriert seine Besucherin begrüßt.

Die ligurische Hafenstadt hat in ihrer Geschichte einige namhafte Kardinäle und Erzbischöfe hervorgebracht - darunter auch so umstrittene Persönlichkeiten wie den ehemaligen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, dessen Porträt sardonisch lächelnd über einem Türbogen hängt. Er war einst der zweitmächtigste Mann im Vatikan, ein enger Vertrauter des damaligen Papstes Benedikt XVI., ein Freund von Silvio Berlusconi - aber nicht unbedingt von Angelo Bagnasco.

Was beide Kirchenmänner eint: Sie wissen, wie man sich der Politik bedient, um die Kirche voranzubringen - und sie sind beide von Papst Franziskus weitgehend entmachtet worden. Bagnasco war Chef der italienischen Bischofskonferenz CEI, der einzigen in der Welt, deren Vorsitzender nicht gewählt, sondern direkt vom Papst ernannt wird. Doch Franziskus verlängerte Bagnascos Mandat nicht. Ein Schlag ins Gesicht, vielleicht auch nur ein deutliches Basta für den Mann, der beim Konklave 2013 sogar noch als papabile gegolten hatte, als möglicher neuer Papst.

Heute ist Bagnasco Vorsitzender des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen CCEE und weiter Erzbischof von Genua. Von hier aus mischt er sich unverdrossen in politische Debatten ein: Er kritisiert das Glücksspiel ebenso wie Berlusconis Lotterleben, wettert gegen Diskriminierung von Christen und Mobbing unter Jugendlichen, geißelt die verfehlte Beschäftigungspolitik der Regierung.

Bagnasco ist ein Konservativer, der sich weniger von wissenschaftlichen Erkenntnissen als von theologischen Prinzipien leiten lässt. Als er 2007 die in Italien geplante Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit der Erlaubnis von Inzest und Pädophilie in Bezug setzte, erhielt er Todesdrohungen und wurde unter Personenschutz gestellt.

Bei der Trauerfeier für den Priester Don Andrea Gallo, der sich in Genua jahrelang für Transsexuelle, Prostituierte und Drogenabhängige eingesetzt hatte, wurde Bagnasco 2013 wegen seiner konservativen Haltung von Anhängern des Verstorbenen ausgepfiffen. Kirchenvertreter wiederum kritisierten, dass er Transsexuellen die Kommunion erteilt hatte. Der Mann ist nicht leicht zu fassen.

Auf dem Katholikentag in Münster wird Bagnasco unter anderem über den Rückzug ins Private und die Rolle der Familie in der Gesellschaft sprechen - sein persönliches Steckenpferd.

  • DPA
    Kardinal Angelo Bagnasco, Jahrgang 1943, ist Erzbischof von Genua und Vorsitzender des Rates der europäischen Bischofskonferenzen. Zehn Jahre lang war er Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz. Er hat Theologie und Philosophie studiert und war Dozent für Metaphysik in Genua.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kardinal, was finden Sie so schön am klassischen Familienideal Vater-Mutter-Kind?

Bagnasco: Ich brauche nur durch die Straßen zu gehen und die Familien zu sehen - was für eine unermessliche Freude! Das sind Menschen verschiedener Altersstufen, die im Zeichen der Liebe, aber auch durch die Schwierigkeiten der Liebe miteinander verbunden sind. Diese Verbindung ist ein enormer Reichtum für alle, weil sie Kraft und Sicherheit gibt, das Leben zu bewältigen.

SPIEGEL ONLINE: Das gilt aber nur für den Idealfall einer funktionierenden Familie.

Bagnasco: Die Liebe ist eine dynamische Realität, groß und fordernd. Viele Menschen suchen nach einer Liebe, die sie ausschließlich belohnt. Die herrschende Kultur befeuert diese Idee und schafft damit Erwartungen und Ansprüche, die jenseits der Wirklichkeit liegen. Die Liebe ist eine schöne Sache, lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen, aber auch sehr ernst und arbeitsintensiv. Man muss jeden Tag kämpfen, um sie am Leben zu erhalten und wachsen zu lassen. Aber wir sollten nicht vergessen: In der Familie lernen wir, verbindlich zu sein, wie Beziehungen funktionieren - und damit, sinnvoll in der Gesellschaft zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch räumen Sie dieses Recht nur heterosexuellen Paaren und ihren Kindern ein. Ähnlich wie viele Rechtspopulisten in Deutschland sind Sie gegen die Ehe für alle und den "Genderwahn". Warum?

Bagnasco: Ich bin gegen niemanden. Es geht nicht um Diskriminierung, sondern um Unterscheidung. Die rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare schwächt die Familie als universellen Wert und Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Wir wissen, dass das Gesetz immer auch eine pädagogische Funktion hat, also die Mentalität der Menschen formt, vor allem der jüngeren.

SPIEGEL ONLINE: Das sehen viele anders. Wie schwach müsste die Institution Familie sein, wenn sie angesichts anderer Lebensentwürfe sofort Schaden nähme?

Bagnasco: Ich beobachte eine gewisse Zerbrechlichkeit in den jüngeren Generationen. Kinder und Jugendliche brauchen Orientierung in einer Kultur, in der alles gleichbedeutend und einheitlich ist. Dieses Klima, in dem wir alle leben, hilft niemandem beim Wachsen und Reifen. Stattdessen befördert es Verwirrung und Unsicherheit, bringt Misstrauen und mangelnde Selbstachtung hervor. Wer verstört und isoliert ist, wird leicht zur Beute der Macht. Die Politik sollte das anerkennen und kulturelle und soziale Bedingungen dafür schaffen, dass die Gesellschaft nicht in Angst lebt, sondern frei ist und klar.

SPIEGEL ONLINE: Trägt die katholische Kirche mit ihrer starren Haltung nicht zu Verunsicherung und Zerrissenheit in den Familien bei?

Bagnasco: Im Gegenteil. Die Kirche ist dank der Worte Jesu, aber auch aus universeller Erfahrung heraus, davon überzeugt, dass der Mensch nur in der Wahrheit frei ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihrer Wahrheit.

Bagnasco: Es geht nicht um moralische Aufgeschlossenheit oder Strenge, sondern um die Liebe zur Menschheit. Die Wahrheit aufzuzeigen, auch wenn sie herausfordert, ist eine Art, die Menschen in allen möglichen Lebenslagen voller Zuneigung zu begleiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren jede Art von selbstsüchtigem Individualismus und sagen: "Keine Entscheidung, die der Einzelne trifft, ist ausschließlich privat." Haben Globalisierung und mediale Vernetzung nicht eine neue Form von Kollektivität erschaffen?

Bagnasco: Ja, aber diese Kollektivität ist eine Illusion, weil es keine echte Verbindung zwischen den Menschen gibt. Ihre Beziehung ist nicht verbindlich - sie ist virtuell und mit einem Klick beendet. Die Leute glauben, Weltbürger zu sein, dabei sind sie nur Netz-Vagabunden.

SPIEGEL ONLINE: Italien quält sich derzeit mit seiner Regierungsbildung - gewählt wurden vor allem Populisten. Macht Ihnen das Sorgen?

Bagnasco: Selbstverständlich. Dieser in ganz Europa zu beobachtende Aufstieg der Populisten ist Ausdruck eines weit verbreiteten Unbehagens, das sich schnell in Ressentiment und totale Politikverweigerung wandeln kann. Und das ist schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Muss die Kirche politischer werden, um hier gegenzusteuern?

Bagnasco: Die Kirche ist eine gesellschaftliche Realität mit einer spirituellen Botschaft und wirkt deshalb bereits auf anthropologischem und sozialem Gebiet. Das ist positiv, andernfalls wäre der Glaube reine Abstraktion.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschwören oft die europäische Identität - worin besteht die Ihrer Meinung nach?

Bagnasco: Wir dürfen Europa nicht vorrangig als Wirtschafts- und Finanzunion begreifen, das ist es ohnehin nie gewesen. Vielmehr ist der Kontinent eine spirituelle Realität, eine moralische Aufgabe und ein Schicksal, das auf die Ursprünge vieler Kulturen zurückgeht, seien sie slawisch, nordisch, griechisch, lateinisch, jüdisch oder arabisch. All diese Elemente haben im Evangelium ihre Synthese gefunden. Diese kontinentale Einheit zu vergessen, bedeutet, Europa zu zerstören. Ich betone: Hier geht es nicht um eine konfessionelle Identität, sondern um eine reiche religiöse Erfahrung, menschlich und universell.

SPIEGEL ONLINE: Die Flüchtlingskrise hat gezeigt, dass die EU nicht in der Lage ist, eine vernünftige gemeinsame Einwanderungspolitik auf die Beine zu stellen.

Bagnasco: Die italienische Regierung hat sehr schnell auf die Flüchtlingskrise reagiert und ihr Bestes getan, manchmal mehr, als ihr eigentlich möglich war. Die Europäische Union muss die konkrete Zusammenarbeit mit Italien intensivieren - denn Italien ist im Mittelmeer das Tor nach Europa.

SPIEGEL ONLINE: Und was hat die katholische Kirche getan?

Bagnasco: Unsere Aufnahmezentren haben gute Arbeit geleistet. Die italienische Bischofskonferenz beobachtet das Phänomen genau, die Bischöfe der verschiedenen Regionen koordinieren die Maßnahmen. Ligurien hat in dem Schreiben "Migranten als Gotteszeichen, das zur Kirche spricht" operative Ideen formuliert. Die Flüchtlinge haben das Recht, ihr Land zu verlassen, und das Recht, bei uns zu bleiben. Jetzt gilt es, ihre Integration voranzutreiben. Sie sollten die Sprache und die Geschichte Italiens kennen. Wer bleiben möchte, sollte aber auch Zuneigung zu unserem Land entwickeln. Papst Franziskus hat die EU-Staaten aufgefordert, sich zu fragen, wie viele Menschen sie realistischerweise aufnehmen können, ohne sie unwürdigen Zuständen auszuliefern.



insgesamt 29 Beiträge
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Brathering 10.05.2018
1. So so! Die homosexuellen Kinder gehören also nicht zur Familie?
Er will anscheinend einen Krieg gegen die Familien führen und den homosexuellen Kindern später die Möglichkeit nehmen den Partner zu heiraten, den sie lieben. Er will weiterhin seinen Hass in die Familien und in die Gesellschaft transportieren. Glaubt er wirklich, dass Hass das ist, was in der heutigen Zeit gebraucht wird? Was für eine menschenverachtende und antichristliche Einstellung.
herbert 10.05.2018
2. Es lebe das Mittelalter
bei solch einer Denke wie bei diesem Kirchenmann frage ich mich, was will der in Münster ?
Stäffelesrutscher 10.05.2018
3.
Fragt man einen Blinden nach der Farbe? Fragt man einen Tauben nach Bach und Beethoven? Fragt man einen katholischen Pfaffen nach Sex, Liebe, Kindern?
mark e. ting 10.05.2018
4. nachdem die Bibel
ja die Grundlage für jeden Katholiken ist und als Wort Gottes gilt, ist eine solche konservative Haltung dieses Mannes nicht gerade überraschend. Immerhin spiegelt die Bibel ja ein 2000 Jahre altes Weltverständnis der damaligen Autoren wieder. Na ja, nicht ganz 2000 Jahre, da das ja viele verschiedene Texte sind, die meist erst viel später aufgeschrieben wurden. Immer wieder überraschend, dass so viele Menschen in 2000 Jahren nichts gelernt haben und nicht von selbst drauf kommen, dass sich die Menscheit weiterentwickelt hat.
guayaquil 10.05.2018
5. Wahrheit
Der Mann verlangt nach Wahrheit, dabei ist doch gerade die katholische Kirche die verlogenste Einheit überhaupt Angefangen von der Behauptung, daß es einen Gott gibt, einen Sohn, einen heiligen Geist, Engel, Teufel und Hölle etc etc, was sie alles nicht im Entferntesten beweisen können, bis hin zur Vertuschung der Missbräuche etc etc Aber mit der unbewiesenen Hölle üben sie Druck auf's Volk der Gläubigen aus und ziehen ihnen das Geld aus der Tasche... OK, wer sich heute noch von denen das Geld aus der Tasche ziehen läßt, ist selber schuld. Traurig nur, daß gerade der Spiegel Einiges über die katholische Kirchen bringt, aber in den Interwievs nie fragt, wie sie ihren Gott als Religionsgrundlage eigentliche beweisen können.
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