Kati Witt Die Akten aus der Eiszeit

6. Teil


Aus unerfindlichen Gründen zeigt ihr Sportverband-Präsident Manfred Ewald die Mappe, in der er alle Angebote gesammelt hat, die über die Jahre für sie eingingen. "Holiday on Ice" bietet fünf Millionen, sie hat elf Filmangebote, Werbung. Sie wäre reich. Sie lässt sich die Mappe von "Bernd" kopieren und schaut immer wieder hinein.

Ihr Leben passt nicht mehr in die DDR. Sehr gut konnte man das bei dem Ost-Berliner Konzert mit Bryan Adams beobachten, das sie im August 1988 moderierte. Sie hatte Adams überredet, in der DDR aufzutreten, aber die Leute pfiffen sie aus. Sie spürten, dass etwas nicht stimmte mit Katarina Witt. Sie repräsentierte den Staat. Absurderweise erklärte sich die Staatssicherheit die Pfiffe damit, dass Katarina Witt kein FDJ-Hemd trug.

Stasiakten in der Birthler-Behörde
REUTERS

Stasiakten in der Birthler-Behörde

Wahrscheinlich kann man den Untergang der DDR auch gut am Leben von Katarina Witt beschreiben. Das Land war nicht mehr souverän genug, eine Eiskunstläuferin im Griff zu behalten. Ein freches Mädchen aus Karl-Marx-Stadt tanzte ihnen auf dem Kopf herum. Die DDR wollte immer Weltspitze sein. Jetzt besaß sie ein Spitzenprodukt und musste feststellen, dass es das Gegenteil von all dem war, was das Land ausmachte. Denn natürlich war der arme Genosse Czerwinski kein Manager, der Anwalt, den sie gestellt bekam, war nicht loyal, und letztlich fühlte sie sich auch bei "Holiday on Ice" unterfordert. Katarina Witt wollte professionell betreut werden. Die Stasi-Leute entließen Czerwinski wieder und stellten den ehemaligen Radfahrer Thomas Huschke als ihren Manager ein. Sie ließ sich von DDR-Staranwalt Wolfgang Vogel vertreten. Sie gründeten eine Sportvermarktungsagentur, die bei Schalck-Golodkowski angegliedert werden sollte. Bevor sie Profi geworden war, hatten sie ihr ein Devisenkonto mit 750 000 Westmark eingerichtet. Dafür behielten sie nun einen Großteil ihrer Gagen ein.

Sie hörte auf bei "Holiday on Ice" und erarbeitete mit dem amerikanischen Eisläufer --- S.74 Brian Boitano die Konzeption für den Film "Carmen on Ice".

Sie verließ die DDR und merkte es nicht. Wenn man ihr Programm für die letzten Monate vorm Mauerfall liest, wird einem schwindlig. Im Mai 1989 war sie beim Pfingsttreffen der FDJ in Berlin, im Juni auf USA-Tournee, im Juli bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Nordkorea, im September und Oktober dreht sie in Sevilla "Carmen on Ice".

Sie kann überhaupt nicht mehr wissen, was in der DDR passiert. Alles, was sie noch hat, ist so ein diffuses Treuegefühl.

Kann sie sich noch an den VW-Kleinbus erinnern, den sie unbedingt haben wollte?

"Keine Ahnung, was ich damit wollte", sagt sie. "Wahrscheinlich war es für Ingos Schlagzeug. Man merkte immer, unter wessen Einfluss ich stand. Ich wusste nie, was ich wollte", sagt sie.

Kann sie sich an Heinz Czerwinski erinnern, ihren Manager in Anführungszeichen?

"Czerwinski?", sagt sie. "Nee. Aber der war bestimmt nett. Oder?"

Was soll sie dazu sagen? Sie kann sich nicht erinnern, wer sie damals gewesen ist. Sie läuft mit einem schneeweißen Pelzmantel durch Chicago. Der Himmel ist hellblau. Ab und zu steht jemand vor ihr und lobt ihr Aussehen oder ihren schneeweißen Mantel. Das ist das, was zählt.

Das Faszinierende an den Akten ist, dass man Katarina Witt in ihnen erkennt. Man kann ihr Porträt aus den Akten lesen. Man kann lesen, wie ein Star wächst. Wie er einem Land über den Kopf wächst. Das ist komisch und auch interessant.

Aber vielleicht ist das kein ausreichendes Kriterium, um in einem fremden Leben zu wühlen. Vielleicht haben das manchmal auch die Beamten der Birthler-Behörde gespürt. Aus irgendeinem Schutzbedürfnis heraus schwärzen sie zum Beispiel den Zensurendurchschnitt der zehnjährigen Katarina Witt. Wenn ihre Liebesbeziehungen beobachtet werden, wenn sie von Funktionären in die Enge getrieben wird, wenn Informelle Mitarbeiter ihre Charakterschwächen auflisten, darf man als Leser ungestört dabei sein.

Vielleicht ist sie keine Begünstigte, aber sie ist auch kein Opfer. Das entspricht nicht ihrem Charakter. Sie spielt mit den Männern.

Einmal fragt "Bernd" die Witt, wo sie ihren Urlaub verbringe. "Daraufhin stellte sie scherzhaft (?) die Frage, ob wir jemanden mitschicken", schreibt Major Walther.

Das Fragezeichen erzählt die ganze Geschichte. Ein Fragezeichen in Klammern. Sie haben Angst, den Witz nicht verstanden zu haben. Sie waren sich ihrer nie sicher. Manchmal scheint sie mit Ewald zu flirten. Siegfried Lorenz, der Sekretär der Bezirksleitung, lag ihr sicher zu Füßen. Anwalt Vogel hat sie sicher gemocht. Krenz auch, Honecker hat sich Eiskunstlaufen im Fernsehen angeschaut. An ihrer Wirkung auf Männer hat sich nichts geändert. Auf einem Empfang für die Waisenkinder vom 11. September in der NBC-Zentrale von Salt Lake City glühte der NBC-Chairman Bob Wright regelrecht, wenn er in ihre Nähe geriet. Ihr Anwalt Düx hat ihre Bücher zwischen seine Aktenordner gestellt, es gibt ein Foto, das sie zusammen zeigt. Der berühmte DDR-Sportreporter Heinz-Florian Oertel hat sie sein Leben lang umgurrt. Er tappt ihr noch heute hinterher wie Manfred Hönel, der sie zuerst für die "Junge Welt" und später für die "Bild"-Zeitung beschrieb. Auch die alten Männer nutzen sie, um im Spiel zu bleiben und am Leben. Es ist ein Geben und Nehmen. Es ist wie mit den vergoldeten Hirsch-Eckzähnen, die ihr Generalleutnant Gehlert mitbrachte.

Es ist ihr Spiel.

Es sieht so aus, als könnte sie mit Männern besser umgehen als mit Frauen. Die Frauen, die gegen sie gelaufen sind, sind alle an ihr zerbrochen. Katarina Witt stand an der Bande und hat zugeguckt, wie sie die Nerven verloren.

* Zusammen mit der Rockband Kiss in Salt Lake City.

Im Dezember hat sie sich mit Marianne Birthler getroffen, der neuen Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde. Sie hat gedacht, dass man das mit der Herausgabe ihrer 181 Seiten regeln kann. Unter Frauen. Sie hat sich auch 1991 mit Hans-Hermann Tiedje zusammengesetzt, der sie als Chefredakteur von "Bild" regelmäßig angriff. Tiedje machte sie zur SED-Ziege. Sie haben geredet, und am Ende lächelte Tiedje "und sagte dann noch so etwas wie: ,Akzeptiert, damit kann ich leben, nun kennen wir uns, nun vertragen wir uns.'"

So einfach war es mit Marianne Birthler nicht. Warum, ist schwer zu sagen. Der Pressesprecher der Birthler-Behörde hat alle Anfragen für diesen Artikel mit wechselnden Begründungen abgelehnt. Die letzte war: Frau Birthler will überhaupt nichts sagen, was irgendwie in den Kontext Katarina Witt gestellt werden kann. Schade. Es muss ein wunderbares Gespräch gewesen sein. Zwei Frauen mit so unterschiedlichen Biografien im Osten, der Staatsstar und die Bürgerrechtlerin. Sie haben etwa eine Stunde lang in der Behörde miteinander geredet. Es war entspannt, aber sie konnten sich nicht einigen. Am Abend trafen sie sich dann noch mal bei der Premiere von Thomas Brussigs Stück "Leben bis Männer" in den Kammerspielen. Manfred Krug und Sandra Maischberger waren auch da.

Noch Ende Oktober 1989 traf sich Katarina Witt mit der Stasi in einer konspirativen Wohnung. Draußen zerbröselte ihr Staat, sie aber ließ den Leiter der Bezirksverwaltung grüßen und sagte, dass sie gern mit ihm auf die Jagd ginge.

"Bei Gesprächen bekundete Katarina Witt, dass sie unserer Partei und unserem Staat alles, was sie ist, zu verdanken hat. Sie wird unseren Staat nie enttäuschen bzw. den Rücken kehren", schreibt Major Walther.



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